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Amrumer wald : 15 000 Mal „aufgebäumt“

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Dünen statt Felsen: Die Freiwilligen des Bergwaldprojektes waren wieder im Inselforst aktiv.

„Aufbäumen“ steht auf dem grünen Banner von Bergwald-Projektleiter Sebastian Hiekisch. Was für ein schönes Wortgeschenk für den Wald! Klingt nach „Stark machen“, nach „Kontra geben“. Genau dies tun die rund 40 Freiwilligen des Bergwaldprojektes, die jetzt wieder zwei Wochen lang auf der Insel gearbeitet und 15  000 Bäumchen gepflanzt haben – unentgeldlich, aber für Kost, Logis und ein gutes Gefühl.

Für Sebastian Hiekisch, den 28-jährigen Forstwirt vom Chiemsee, ist es ein Wiedersehen mit Amrum. Vor acht Jahren war er schon einmal hier. Unter seiner Leitung wird in zwei Gruppen aufgebäumt: In Steenodde, in der Nähe des Leuchtturms, in Nebel am Strandweg – überall dort, wo die Stürme vor eineinhalb Jahren riesige Schneisen in den Amrumer Wald rissen und ihn bloß legten für den Wind, der seitdem ungehindert über die kaputten Flächen fegt.

Kerstin und Alena kommen beide aus Berlin. Zufällig. Die eine, 31 und Kuratorin, freut sich, dass sie schon eine Woche lang kein Wort über Kunst gehört hat, die andere, 51 und Tierärztin, sucht sich immer mal wieder solche Ökovolunteer-Projekte, weil es einfach eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung sei. Die beiden Frauen haben schnell gelernt, wie Aufbäumen richtig geht: Man nehme Ahorn, Buche, Linde und pflanze sie immer schön hintereinander, jeweils im Verhältnis 3:3:1 und im Abstand von eineinhalb Metern.

Um die jungen Stämmchen kommt jeweils eine Schutzmanschette gegen die kleinen hoppelnden Fressfeinde. Claudia aus Köln, „ich bin schon drei Tage hier und habe immer noch kein Auto gerochen“, trägt die kostbare Ware rüber zu den anderen, die neben den etwa 50 Zentimeter tief ausgehobenen Löchern knien und fürs Einpflanzen zuständig sind. Die Truppe wechselt regelmäßig die Zuständigkeiten. Jeder gräbt mal, hackt und wickelt. Nur der Koch ist immer Koch, er gehört fest zum Mitarbeiterstamm des Bergwaldprojektes und versorgt seine Leute gut: Zum zweiten Frühstück trifft man sich im Wald unterm Tarp. Gegessen wird vegetarisch. Oft wird die Truppe von Restaurants oder Bäckereien beschenkt, mit kräftiger Suppe und opulenten Torten. Aufbäum-Futter!

Drei Ahorn, drei Buchen, drei Linden, eine ordentliche Mischwaldkultur soll es nun endlich werden, erdverwachsen und möglichst tief verwurzelt, um den Winden dauerhaft zu trotzen. Wie konnte es sein, dass bisher auf Amrum so eine Monokultur, so ein Reinbestand aus Schwarzkiefern den Wald ausmachte? Flachwurzler, die bei viel Wind aus den Latschen kippen und beim Umfallen gleich den Waldboden mit und damit dem Erdreich seine Deckschicht nehmen? Nun, sagen Projektleiter Sebastian Hiekisch und Bundesfreiwilligendienstler Paul Möller vom Naturzentrum: Als der erste Amrum-Wald um 1866 aufgeforstet wurde, rund um die Vogelkoje, da sollte er nur den Vögeln einen sicheren Rastplatz bieten. Die Insulaner schauten auch mal rein, stellten fest, dass die Nadelhölzer, die durch den Wind krüppelig wuchsen, zum Bauen nicht, zum Brennen aber sehr gut geeignet waren: Ende des ersten Waldes! In den 1950-er Jahren soll es dann eine Wiederaufforstung gegeben haben – auch aus fremdenverkehrstechnischen Gründen. Man stellte sich die Frage, welche Baumart gut mit dem sandigen Amrumer Boden zurecht käme und fand in der Schwarzkiefer, wie sie auf Korsika wuchs, ein vermeintlich gutes Insel-zu-Insel-Vorbild. Schnell wachsend noch dazu. Aber eben leider auch flach wurzelnd.

Nun also wird unter anderem mit Buchen ein neuer Wald aufgebäumt: Sie wachsen zwar langsam, dafür durchwurzeln sie den Waldboden sehr intensiv – für einen sicheren Stand. Finanziert hat die 15  000 Stämmchen übrigens der Versandhändler Otto, dessen Amrum-Engagement ein Bestandteil seiner Nachhaltigkeitsstrategie ist.

Von den Bäumen zurück zu den Menschen: Zur Gruppe gehört auch Marianne, eine Buchhändlerin aus Hamburg, die überlegt, auf Amrum Wurzeln zu schlagen. Axel, 55, Betreiber eines Gästehauses in Düsseldorf, sieht seine Arbeit hier als „Dankeschön an den Wald“. Er sei, erzählt er, in seinem letzten Urlaub ausgiebig gewandert, da wurden ihm die Buchen zu Freunden.

Dima ist 30 und kommt aus Würzburg. Sehr kernig mit Haarfilzhut und aufgrund seiner Bergwaldprojekterfahrung inzwischen Gruppenleiter. Er hat schon in Baden-Baden und Cuxhaven gearbeitet und unterstützt den Projektchef mehrmals im Jahr. Das ist sein Urlaub. Vor vier Jahren hat er sich einen spannenden Ausgleich zu seinem Innendienst-Job suchen wollen und in der Suchmaschine „Naturschutz“ und „Ehrenamt“ eingeben. Herausgekommen ist das Bergwaldprojekt. Neben ihm und seiner Axt steht die zarte Ursula aus der Schweiz. Die Lady kommt aus dem heilpädagogischen Bereich und hat schon in Bolivien volontiert. Ursula ist 75 und findet Arbeit dieser Art „einfach spannend“. Also – die Zusammensetzung der Leute ist schon einmalig. So was kommt wahrscheinlich nur in der Natur vor!

Das Wetter in den zwei Wochen war nicht immer richtig angenehm für die Bergwaldprojektler, sie nahmen es dennoch gelassen. Naturburschen eben.

Naturkinder gabs übrigens auch. Neun Lütte vom Amrumer Waldkindergarten Bütjen Jongen waren drei Tage lang mit Begeisterung dabei. Wetter war egal, die Kinder sind eh ständig draußen, daher kannten sie auch schon die Arbeit der Bergwaldler. Und als die Drei- bis Sechsjährigen vom Amrumer Shantychor gefragt wurden, ob sie für einen Spendenbeitrag bereit wären, etwas Gutes für die Natur zu tun, gings los, jeweils an der Seite eines erwachsenen Paten am Ortseingang Steenodde: Bäumchen umwickelt, ins Loch gestopft und zugemacht. Und zur Stärkung gab es selbstgemachtes Brot und Gemüseplätzchen.

Auf die Großen am Nebeler Strandweg wartete jeden Abend, nachdem sie mit dem Fahrrad heim geradelt waren, ein leckeres Drei-Gang-Essen. Dass sie mit Amrum einen Volltreffer gelandet haben war allen klar. Ist auch nicht so leicht, hier angenommen zu werden. Unter den 45 Standorten der Bergwaldprojekte zählt die Nordseeinsel zu den Highlights. Eine Woche nach Bekanntgabe der Projekte, im November/Dezember, sind die beiden Inselwochen im Frühjahr und Herbst ausgebucht, sagt Projektleiter Sebastian. Da sich das Bergwaldprojekt aus Spenden und Fördermitgliedsbeiträgen finanziert, und die Geld- und Hoffnungsgeber natürlich auch mit einem Vorteil bedacht werden sollen, werden für sie rund 20 bis 30 Prozent der Plätze vorerst freigehalten. Gute Sache!

Infos: www.bergwaldprojekt.de

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