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25 Jahre Mädchenarbeit : Zwischen Tradition und Karriere

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Einfacher haben es junge Frauen heute nicht – sie sollen alles schaffen: Familie und Beruf. Bereits im Mädchentreff Husum werden die Rollen reflektiert.

Drei Umzüge haben die Mädchen und jungen Frauen zwischen sieben und 27 Jahren schon hinter sich. Der vierte steht bevor: und das im Jahr des 25. Geburtstages ihres Mädchentreffs, der noch eine feste Adresse in der Großstraße 21 hat. Die Kündigung ist zum 30. April erfolgt, aber es gebe Signale vom Vermieter, dass „wir länger bleiben dürfen, bis wir etwas Geeignetes gefunden haben“, sagt Angela Reinhard (48). „Es gibt schon einige Optionen, die aber noch nicht spruchreif sind.“

Die Diplompädagogin und Mediatorin leitet den Treff – ihre neue Kollegin ist seit Jahresbeginn Diplompädagogin Esther Munck (27). Zusammen mit zehn sogenannten Teamerinnen – Schülerinnen und Auszubildende – mit Juleica-Ausbildung (Jugendgruppenleiterinnen-Card) gestalten Reinhard und Munck das Programm, zu dem offene Treffs und feste Gruppen wie „Starke Mädchen“ und Arbeitsgemeinschaften im Rahmen von Offenen Ganztagsschulen gehören. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt Angela Reinhard, was Mädchen so bewegt.

Die Pubertät, die ja bei Mädchen bereits mit zehn, elf Jahren beginnen kann, ist eine Herausforderung für Eltern. Was raten Sie ihnen bei „Zicken-Alarm“?

Ruhe bewahren, auch wenn es meistens schwer fällt und sich nicht zu viel einmischen. Wir waren ja alle mal in der Pubertät. Natürlich auch versuchen, mit der Tochter ins Gespräch zu kommen. Bei unlösbaren Konflikten würde ich mir Hilfe in einer Beratungsstelle holen.

Essstörungen fangen oft in der Pubertät an. Befördern entsprechende Fernsehsendungen, in denen beispielsweise Models gesucht werden, dieses Problem?

Medien generell befördern das Problem mit dem perfekten Körper und dem allgemeinen Schönheitswahn. Allein auf Profilen im Internet müssen alle immer die tollsten Fotos von sich einstellen und bekommen dann positive oder auch negative Rückmeldungen von ihren „Freunden und Freundinnen“.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen ist eine Sache. Doch Mädchen müssen auch den Leistungsdruck in der Schule aushalten. Sind sie anfälliger als Jungen für eine Erschöpfungsdepression?

Die Mädchen und jungen Frauen heute leisten in der Schule sehr viel, weil Schule viel verlangt und sie natürlich auch gute Noten für den weiteren Berufsweg haben möchten. Da bleibt wenig Zeit für Hobbys und soziale Kontakte. Andere wiederum engagieren sich ehrenamtlich und arbeiten noch nebenbei. Es gibt aber auch teilweise Druck von den Eltern, das geht Jungen genauso. Von daher glaube ich nicht, dass Mädchen per se anfälliger sind. Es geht darum, auf sich zu achten und nicht zu viel zu machen, auch einmal Nein zu sagen, das betrifft uns Erwachsenen ja ebenfalls.

Welches Frauenbild bekommen Mädchen heute mit? Wollen sie Karriere und Mutterrolle bewältigen?
Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ja immer das Zauberwort, was in einigen Betrieben auch in Nordfriesland schon möglich ist. Die Mädchen sehen natürlich ihre Mütter oder auch Lehrerinnen als Vorbilder und lesen in den Medien, dass aber Frauen weniger als Männer verdienen, doch Frauen fast alles werden können. Ich finde, es fehlt in der Schule ein Fach zum wichtigen Thema Lebensgestaltung oder Lebensplanung, da könnten die Jungen und Mädchen gut diskutieren.

Aus welchen Gründen mobben Mädchen – im Gegensatz zu Jungen?

Jungen und Mädchen unterscheiden sich beim Mobbing nur durch das Handeln. Während bei Jungen öfter körperliche Gewalt eine Rolle spielt, ist bei Mädchen eher das indirekte Mobbing verbreitet. Dabei sagt die Haupttäterin einer anderen Schülerin, sie solle sich nicht mehr um das Opfer kümmern oder sie solle sie beleidigen.

Warum brauchen Mädchen einen eigenen Treff?

Mädchenarbeit an einer eigenen Adresse will Mädchen und junge Frauen in ihren Identitäten stärken, die Ressourcen und Kompetenzen sichtbar machen und erweitern. Sie trägt zur Förderung des Selbstbewusstseins und zum Abbau von Benachteiligungen bei. Mädchenarbeit schafft geschlechtshomogene Räume für Mädchen und junge Frauen, in denen sie gesellschaftliche Rollenzuweisungen reflektieren und eigene Definitionen und Inszenierungen von Geschlechtsidentitäten in ihrer Vielfalt entwickeln können. Und Mädchenarbeit vertritt Interessen junger Frauen nach außen und regt zur Partizipation und gesellschaftlichen Mitbestimmung an.

Mit welchen Fragen kommen Mädchen in Einzelberatungen, die Sie ja auch anbieten?

Meistens Stress zu Hause und mit den Eltern – „Ich kann da nicht mehr wohnen“, „Ich habe Angst, dass meine Eltern sich trennen“ –, aber auch Probleme in der Schule – „Ich werde gemobbt, was kann ich tun?“, mit Freundinnen oder Freunden und der Clique. Fragen rund um Liebe und Sexualität: „Was ist, wenn ich mich in ein Mädchen verliebe?“ „Kann ich mich mit einem älteren Jungen übers Internet verabreden?“

Empfinden Sie die Mädchen von heute als aufgeklärter und auch selbstbewusster im Umgang mit Jungen?

Das Bild, das in der Öffentlichkeit heute von Mädchen und jungen Frauen präsentiert wird, ist sehr positiv. Sie werden als gebildet, selbstbewusst und vielfältig dargestellt. Gleichzeitig haben sie immer auch die „traditionellen“ weiblichen Fähigkeiten. Die Botschaft lautet: „Tu, was immer dir gefällt – alles ist möglich! Du bist allein verantwortlich dafür, was du aus deinem Leben machst. Es gibt keine Benachteiligungen mehr – wenn du scheiterst, bist du selbst schuld!“ Im Umgang mit den Jungen und Männern gibt es sicher Mädchen, die selbstbewusster und aufgeklärter sind, aber auch genauso welche, die sich weniger trauen, wenn Jungen im Raum oder dabei sind.

Träger des Husumer Mädchentreffs ist „pro familia“ Schleswig-Holstein. Näheres per E-Mail oder im Internet: husum-maedchentreff@profamilia.de und www.husumcitygirlz.de.

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erstellt am 12.Mär.2016 | 15:00 Uhr

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