Nordfriesland : Zwischen Liebe und Überdruss

Der Besuch einer Tagespflege schafft Abwechslung im Alltag des Pflegebedürftigen und entlastet die Angehörigen.
Der Besuch einer Tagespflege schafft Abwechslung im Alltag des Pflegebedürftigen und entlastet die Angehörigen.

Kritische Situationen in der Pflege: Eine Veranstaltungsreihe im Kreishaus in Husum soll Bewusstsein wecken und sensibilisieren.

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11. Mai 2018, 16:00 Uhr

Ein Familienangehöriger wird pflegebedürftig. Jetzt, wo er Hilfe braucht, möchte ihn niemand allein lassen. Doch ahnt, wer sich für die persönliche Betreuung entscheidet, was auf ihn zukommt? Häusliche Fürsorge kann angesichts ungewohnter Belastungen der körperlichen und seelischen Art schnell zu einem schmalen Grat zwischen Liebe und Überdruss werden. Da ist es umso wichtiger, wenn man auf professionelle Hilfe zurückgreifen kann – und weiß, dass es Einrichtungen wie das Pflege-Not-Telefon und den Pflegestützpunkt gibt. Oder die seit 2006 existierende „Aktion ambulant Nordfriesland“.

„Wir zeigen, dass vieles ambulant noch möglich und für häusliche Pflege Unterstützung da ist“, sagt Anke Buhl über das trägerübergreifende Netzwerk aus Hospiz- und Pflegediensten, Alzheimer-Gesellschaft, Beratungsstellen und Betreuungsdienstleistern. Die Projekt-Koordinatorin Pflege-Not-Telefon Schleswig-Holstein rührt mit Ulrike Petersen und Inga Koch vom Pflegestützpunkt im Kreis Nordfriesland sowie Mitgliedern der „Aktion ambulant Nordfriesland“ die Werbetrommel für eine gemeinsame Veranstaltungsreihe, die unter dem Motto „Bewusstsein wecken – Sensibilisieren – Informieren“ steht.

Mit dabei in der Diakonie im Husumer Stadtweg ist auch der zweite stellvertretende Landrat Carsten F. Sörensen als Bindeglied zum Kreis, der dafür die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Im Kreishaus in Husum sollen mit Unterstützung von Fachleuten drei wesentliche Themen, die sich aus einer Fülle von Beratungsgesprächen ergeben haben, aufgegriffen und zur Diskussion gestellt werden. „Als Angehöriger weiß ich, wie wichtig Pflege ist und das Wissen um Ansprechpartner, die Orientierung bieten und die Informationen zu allen Angeboten bündeln“, sagt Sörensen, Vorsitzender des Arbeits- und Sozialausschusses.

Immer wieder – so machen die Beteiligten deutlich – kommt es in der Pflege zu kritischen Situationen. Den betroffenen Familien wird viel abverlangt: zeitlicher Aufwand, Kraft und Nerven. Dabei können nicht nur pflegende Angehörige, Freunde oder Nachbarn an ihre Grenzen stoßen, sondern auch Pflege-Profis wie Sozialarbeiter, ehrenamtliche Helfer, Ärzte und Betreuer. Im Alltag müssen immer wieder – auch grundsätzliche – Entscheidungen getroffen werden: Wer übernimmt die Pflege in schwierigen Zeiten? Soll die Ernährung über eine Sonde fortgesetzt werden? Wann sollte jemand, der sehr unruhig ist, Medikamente zur Beruhigung bekommen?

Außerdem spielen finanzielle Sorgen und Nöte eine große Rolle. Und dann sind da noch all jene, die sich überfordert fühlen, die hilflos sind und nicht um Alternativen wissen: Sie gilt es, mit gezielten Angeboten möglichst früh aus einer eskalierenden Gewaltspirale herauszuholen. Buhl: „Die mit viel Liebe und Fürsorge begonnene Pflege stößt irgendwann an Grenzen.“ Vor diesem Hintergrund soll das dreiteilige Angebot auch das Bewusstsein wecken, „dass Pflege nicht nur ein geschützter Raum ist“.

Die Termine, Themen und Referenten der Veranstaltungsreihe im Einzelnen (die Module finden jeweils von 15 bis 17 Uhr im Kreishaus in Husum, Marktstraße 6, statt):

> Dienstag, 15. Mai: Medikamente im Alter: Gefahren und Nutzen – Dr. med. Ludolf Matthiesen (Chefarzt der Geriatrie im Klinikum Nordfriesland). Medikamente lindern Leiden und sind ein Segen, können aber fatale Nebenwirkungen haben. Mit dem Alter steigt die Zahl der Menschen, die etwas wegen chronischer Erkrankungen einnehmen müssen. Wer älter als 60 ist, erhält im Schnitt etwa zwei bis drei verschiedene Arzneimittel pro Tag. Bei über 80-Jährigen sind es mindestens vier bis fünf, häufig mehr als sieben Medikamente. Berücksichtigt man dazu noch, was sich Patienten ohne ärztliche Verordnung selbst in der Apotheke kaufen, dann steigen diese Zahlen weiter an. Grobe Faustregel: Je älter, desto mehr Tabletten. Doch wie viele Tabletten verträgt der Mensch im Alter und welche Wechsel- oder Nebenwirkungen können auftreten? Warum wirken Medikamente im Alter anders? Diese und weitere Fragen beantwortet Dr. Matthiesen im Dialog mit den Zuhörern.

> Donnerstag, 30. August: „Wenn die eigenen Eltern älter werden: Herausforderungen und Wege im Sozialrecht“ – Thomas Richert (Jurist in der Stabstelle der Bürgerbeauftragten für soziale Angelegenheiten und der Beauftragten für die Landespolizei).

> Donnerstag, 22. November: „Lieber tot als pflegebedürftig? Wenn das Altwerden zur Last wird . . .“ – Dr. med. Claus Wächtler (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, Hamburg).

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