Bäume und Gras an Deck : Zweites Leben für die „Seeadler“

Mittlerweile wachsen an Deck des knapp 25 Meter langen Seglers kleine Bäumchen und Gras.
Mittlerweile wachsen an Deck des knapp 25 Meter langen Seglers kleine Bäumchen und Gras.

Das bekannte Kieler Künstlerschiff „Seeadler“ verfällt langsam im Friedrichstädter Hafen. Nun will ein ehemaliger Kapitän den Dreimaster von Grund auf sanieren lassen, denn das 25 Meter lange Schiff wurde ihm geschenkt.

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29. Mai 2015, 13:00 Uhr

Immer wieder klicken auf der Brücke über den Westersielzug in Friedrichstadt Kameras, werden Handys zum Fotografieren gezückt. Das Motiv liegt direkt neben der Bundesstraße 202 am Kai – dort, wo noch vor wenigen Jahren die imposante Eidermühle stand – ein blaues Segelschiff mit drei Stahlmasten. Auf ihm wachsen bereits die ersten Bäumchen, Gras breitet sich an Deck aus, Mutter Natur erobert sich das Schiff als Lebensraum langsam von der Uferseite her. Dabei handelt es sich bei der „Seeadler“ um ein landesweit bekanntes Wasserfahrzeug, schließlich hat es Jahrzehnte im Kieler Hafen gelegen und dort immer wieder für Schlagzeilen gesorgt.

Die „Seeadler“ könnte aus der Filmreihe, die nach dem Sachbuch des amerikanischen Autos Alan Weisman „Die Welt ohne uns“ entstand, stammen. Darin beschäftigt er sich mit der hypothetischen Frage, was auf der Erde passieren würde, wenn alle Menschen plötzlich verschwänden. Nach knapp drei Jahren im Friedrichstädter Hafen flattern zerfetzte Segel im Wind, sind Planen zerrissen und wird das Deck langsam grün. Ob dies dem im Dezember 2013 im Alter von 93 Jahren verstorbenen Erbauer Ralph Heinrich gefallen hätte, ist ungewiss. Sicher ist aber, dass er sich darüber freuen würde, was nun mit der 25 Meter langen und rund 80 Tonnen schweren „Seeadler“ geschehen soll. Lange versuchte der neue Besitzer, der Friedrichstädter Maik Konkel, das Schiff zu verkaufen, schließlich hat er es an einen ehemaligen Kapitän auf Großer Fahrt verschenkt. Der will den ungewöhnlichen Eigenbau nun nach Hamburg in eine Werft bringen lassen, es sanieren und einem gemeinnützigen Zweck zur Verfügung stellen. „Da das sehr, sehr teuer wird und ich das gut finde“, so Konkel, habe er das Schiff schließlich verschenkt. Wann allerdings der „Seeadler“ in Friedrichstadt abgeholt und in die Werft gebracht wird, kann er nicht sagen, er wisse nur, dass darüber erste Verhandlungen laufen sollen.

Das bekannte Kieler Original, der Holzschnitzer und Künstler Ralph Heinrich, legte 1960 mit dem Bau seines Schiffes los. Ganz ungewöhnlich, er begann mit dem Deck, erst dann folgte der Rumpf. Nach 20 Jahren war es dann soweit, zahlreiche Kieler verfolgten die Erstwasserung der „Seeadler“, die mit einem Schwimmkran in ihr Element gehoben wurde – und zur Verwunderung vieler Fachleute tadellos schwamm. Ein 350 PS-Motor sorgte für den nötigen Vortrieb, das Schiff selbst diente Heinrich als Wohnung und Atelier. 14 Jahre lang lag er damit vor dem Marineehrenmal in Laboe und schnitzte seine Figuren aus Steineiche und Mahagoni. 1995 während eines Sommerorkans sank das Schiff im Hafen von Laboe und galt als verloren. Doch Heinrich erhielt viel Unterstützung, er konnte den Dreimaster bergen und baute ihn wieder auf. 2002 verwüstete schließlich ein Brand in Kiel-Stickenhörn das Schiff. Noch während des Neuaufbaus wäre das Schiff beinahe durch einen weiteren Orkan zerdrückt worden, doch Heinrich sagte damals: „Gott hat seinen dicken Daumen dazwischen gehalten.“

Die „Seeadler“ ist ein Unikat, denn jede Tür, jede Ecke im Schiff, ist mit Schnitzarbeiten verziert. Heinrich hat unter anderem auch viele anatomische Modelle für die Kieler Universität angefertigt, einige von ihnen sind auch heute noch, 60 Jahre nach ihrer Entstehung, im Besitz der Uni. Seine letzte größere Arbeit im Jahr 2011 sorgte für Streit zwischen dem Kieler Original und der Uni. Der knapp 90-Jährige hatte einen riesigen Holzschädel für die Anatomie gefertigt und mehr als 4000 Euro in Material und Arbeit investiert. Die Uni hingegen hatte niemals einen Auftrag dafür erteilt. Ende 2013 starb Heinrich im Alter von 93 Jahren.

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