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Gerissene Schafe : Wolfs-Hybriden in SH? Eine DNA-Analyse sorgt für Verwirrung

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

In der Südermarsch und auf Eiderstedt haben Hunde Schafe gerissen – doch Gerüchte sagen, dass es Wolfs-Mischlinge waren.

Es ist fast genau ein halbes Jahr her, dass in der Südermarsch der Hobbyschäfer Dirk Hansen bei einem morgendlichen Kontrollgang zwei seiner Mutterschafe tot auf der Koppel fand. Angefressen waren die Tiere nicht, aber verendet durch Kehlbisse. Der Verdacht lag nahe, dass ein Wolf, ähnlich wie wenige Kilometer weiter südlich in Dithmarschen, Appetit auf frisches Schaffleisch verspürt hatte. Sofort setzte sich Hansen mit dem Wolfsbetreuer in Verbindung – und der erschien am „Tatort“, nahm Gewebeproben und schickte sie ein.

Lange waren sie in Deutschland ausgestorben, in Schleswig-Holstein wurde der letzte freilebende Wolf im Jahr 1820 bei Brokenlande (Kreis Segeberg) erlegt. Doch seit ein paar Jahren erobern die strenggeschützten Raubtiere ihre Reviere zurück. Auch in Schleswig-Holstein, wo der Wolf schon in zahlreichen Landkreisen ausgemacht wurde.

Doch eine Auswertung war, wie sich später herausstellte, nicht möglich. Also mussten die Proben nochmals eingeschickt und untersucht werden. Mittlerweile aber, das Ergebnis aus der Südermarsch stand immer noch nicht fest, erregte der Fall eines Deichschäfers im Amt Mittleres Nordfriesland Aufsehen. Von Mitte bis Ende Mai fand er beinahe jeden Morgen ein totes, angefressenes Lamm am Deich. Ein Wolfsbetreuer beriet den Schäfer und nahm an den Wundrändern der getöteten Lämmer Abstriche. Diese wurden zum deutschen Referenzlabor, dem Senckenberg Institut, geschickt, um zu klären, ob die Tiere von einem Wolf oder einem Hund angegriffen worden waren. Das Ergebnis lag relativ schnell vor, nämlich wie üblich nach rund vier Wochen. Am Deich hatte kein Isegrim, sondern ein Hund sein Unwesen getrieben. Dann kam auch die Analyse für die Fälle in der Südermarsch, ebenfalls war dort kein Wolf, sondern ein Hund der Übeltäter.

Als dann auch noch auf der Halbinsel Eiderstedt zwei Schafe gerissen wurden und die Untersuchung des Senckenberg-Instituts ebenfalls als Ergebnis Hund feststellte, beauftragten die Schäfer eine Gegenprobe – denn bei einem Hundeangriff gibt es keine Entschädigung aus der Landeskasse – bei einem Institut in Hamburg. Von dort kam dann ein etwas anderes Ergebnis. Sowohl Wolfs- als auch Hunde-DNA wurden in der Probe gefunden.

„Seither“, sagt Wolfsbetreuer Jens-Uwe Matzen, verbreite sich von der Westküste ausgehend das Gerücht, dass Hybriden, Mischlinge zwischen Wolf und Hund, im Land ihr Unwesen treiben.“ Dies wurde erstmals öffentlich, als während eines Wolfs-Workshops in Eckernförde das Ergebnis des Hamburger Instituts vorgetragen wurde.

Mittlerweile aber, so unterstreicht Matzen, habe sich herausgestellt, dass die Untersuchung des Labors in der Hansestadt zwar richtig, aber dennoch falsch gewesen sei. Denn da der Hund vom Wolf abstamme, finde sich bei jedem untersuchten Hundebiss auch Wolfs-DNA. Das Hamburger Labor, so Matzen, habe mittlerweile eingeräumt, dass es in der Bewertung vielleicht etwas unglücklich formuliert habe, so dass der Eindruck entstehen könne, ein Hybrid habe die Schafe gerissen.

Allerdings gibt es Wolfshunde in Schleswig-Holstein. Anfang der 1950 Jahre züchteten nämlich die Grenzbehörden der damaligen Tschechoslowakei Wachhunde zwischen Wolf und Belgischem Schäferhund. Doch zufrieden war die Grenzbehörde nicht. Mittlerweile ist diese Mischung als eigenständige Hunderasse anerkannt, wenn auch längst keine Wölfe mehr in der Zucht eingesetzt werden. „Aber“, betont Wolfsbetreuer Matzen, „einige der Tiere sehen tatsächlich aus wie ein Wolf, sie sind nicht von echten Wölfen zu unterscheiden.“ Ihr Besitz ist legal, denn es handelt sich um eine Hunderasse. Was aber verboten ist, sei die direkte Kreuzung zwischen Wolf und Hund.

Anfang des Jahres wurden in Schleswig-Holstein mehrere Wölfe nachgewiesen.

Gegenwärtig, so sagt der Wolfsbetreuer, gebe es eigentlich kaum Hinweise auf Wölfe im Land. Allerdings warte man noch auf DNA-Untersuchungen aus dem Norden de Kreises Nordfriesland und aus Dithmarschen. Matzen rechnet erst wieder mit vermehrten Wolfssichtungen, wenn die Wanderung der Tiere wieder einsetzt. Das passiert, wenn die jungen Rüden ihr Rudel verlassen.

Wie viele Wölfe gibt es in Deutschland?

Nach Angaben des Wolfsinformationszentrums Schleswig-Holstein gibt es zurzeit 34 Wolfsrudel bzw. -paare und drei sesshafte Einzelwölfe. Die Anzahl variiert je nach Bundesland. Am häufigsten sind die Tiere im östlichen Teil Deutschlands in der Lausitz (nordöstliches Sachsen und südliches Brandenburg) unterwegs.

Seit wann sind die Tiere wieder in Schleswig-Holstein?

Wölfe lassen sich immer wieder in SH sehen. Den ersten Nachweis nach 200 Jahren gab es im April 2007. Damals wurde ein Jungtier in der Nähe von Süsel (Ostholstein) überfahren. Untersuchungen ergaben, dass das Tier aus dem sächsischem Raum stammte.

Auch 2012, 2013 und 2014 konnten Wölfe nachgewiesen werden. Eine Karte auf der Homepage des Wolfinformationszentrums Schleswig-Holstein zeigt die Hinweise auf Wölfe.

Stellen Wölfe eine Bedrohung für den Menschen dar?

Grundsätzlich geht von den Tieren keine Gefahr aus. Der Wolf galt vor langer Zeit sogar als enger Freund des Menschen und wurde vor etwa 14.000 bis 16.000 Jahren von Menschen aufgezogen und als Haustier gehalten.

Menschen passen nicht in das Beuteschema der Wölfe. „Hauptsächlich ernähren sie sich von Rehen und Wildschweinen, Nutztiere wie Schafe sind da eher die Ausnahme“, bestätigt uns Wolf von Schenck, Geschäftsführer vom Wolfsinfozentrum Schleswig-Holstein. Menschen gegenüber verhalten sie sich sehr scheu. Das war am Wochenende jedoch nicht der Fall: „Es ist schon sehr auffällig, dass der Wolf die Nähe zum Menschen kaum gescheut hat“, sagt der Experte. Selbst als man das Tier vertrieben hatte, kam es wieder.

Bei gesunden Wölfen besteht keine Gefahr. Sind sie jedoch mit Tollwut infiziert, kann sich ihr Verhalten ändern. Tollwut kann laut dem Wolf-Experten jedoch so gut wie ausgeschlossen werden. Die Virusinfektion ist in Deutschland nicht mehr verbreitet und wurde durch einen Impfköder bekämpft.

Warum greift ein Wolf Schafe an?

Fachleute untersuchen gerade, warum sich der Wolf den Schafen gegenüber so aggressiv verhalten hat. Von den verletzten Tieren wurden Abstriche genommen, um mit Hilfe von genetischen Untersuchungen weitere Informationen über den Wolf zu erhalten.

„Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass die Wölfe von Menschen gefüttert wurden. Diese Informationen stammen jedoch aus Niedersachsen und werden derzeitig noch überprüft“, sagt Wolf von Schenck gegenüber shz.de. Wenn sich diese Hinweise bewahrheiten, könnte das ein Grund dafür sein, warum der Wolf bei Mölln kaum Distanz zum Menschen eingehalten hat.

Wie kann ich mich schützen?

In der Regel zieht sich der Wolf bei einer Begegnung mit dem Menschen von alleine zurück. Weil die Tiere ausgezeichnete Ohren haben, vermeiden sie bereits früh den Kontakt mit ihnen. Aufgrund des aktuellen Vorfalls im Februar rät das schleswig-holsteinische Umweltministerium vor allem den Bewohnern der Region Mölln, ihre Hunde nicht unangeleint laufen zu lassen. Auch Tierhalter von Schafen und Ziegen sollten darauf achten, ihre Tiere angemessen zu schützen.

Wo kann man sich informieren?

Für Fragen oder Wolfshinweise kann man sich an das Wolfsinformationszentrum Schleswig-Holstein wenden. Es gibt eine spezielle Notfall-Hotline: 0174-6330335. Weitere Informationen gibt es unter www.wolfsbetreuer.de. Insgesamt gibt es inzwischen 38 Wolfsbetreuer, die über das ganze Land verteilt sind.

 
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erstellt am 31.Okt.2015 | 16:00 Uhr

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