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Nordfriesland : Wohin mit den minderjährigen Asylanten?

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Kreis Nordfriesland muss 260 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterbringen. Um das zu schaffen, ist man auch auf die Hilfe von Pflegefamilien angewiesen.

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erstellt am 20.Dez.2015 | 19:04 Uhr

In ausgeprägten Bürokratien werden menschliche Schicksale schnell mal zu profanen Aktenzeichen. Oder einfach nur zu drei Buchstaben. Die Abkürzung UMA ist so ein aktuelles Beispiel. Dahinter verbirgt sich ein unbegleiteter minderjähriger Ausländer – und, weil er neuerdings nicht mehr nur durchschnittlich fünf Mal im Jahr in Nordfriesland aufgegriffen wird, ein organisatorisches Problem. Momentan, so verdeutlichten jetzt Landrat Dieter Harrsen und der Leiter des Fachbereiches Jugend, Familie und Bildung der Kreisverwaltung, Daniel Thomsen, kümmere man sich um 260 minderjährige Flüchtlinge.

Das sind 135 mehr als die auf eine gleichmäßige Auslastung aller Kreise bedachte Quote vorsieht. „Das Ganze läuft noch völlig ungeordnet ab – Bund und Länder orientieren sich gerade“, hieß es dazu bei einem Pressegespräch im Husumer Kreishaus weiter. Doch solange das allgemeine Chaos nicht geordnet und der Schwung an überzähligen Jugendlichen umverteilt ist, müsse man jedem einzelnen von ihnen gerecht werden.

Anfang November hat die Bundesregierung neue Regeln zum Umgang mit dieser besonders schutzbedürftigen Flüchtlingsgruppe aufgestellt. Das jeweilige Jugendamt muss die Neuankömmlinge in Heimen oder anderen geeigneten Quartieren unterbringen. Erstaufnahme-Einrichtungen wie die ehemalige Bundeswehr-Kaserne in Seeth kommen nach den Vorgaben des Bundes dafür nicht in Frage.

„Leider sind alle 400 Heimplätze in Nordfriesland bereits belegt. Auch andere Kreise, Städte und Bundesländer haben hier Kinder, Jugendliche und auch unbegleitete minderjährige Ausländer untergebracht“, erklärt Thomsen. „Deshalb haben wir unsere freien Träger der Jugendhilfe gebeten, neue Plätze zu schaffen. Die ersten sind schon da. Parallel haben wir als Zwischenlösung die Jugendherberge in Niebüll angemietet.“ Und, diese gute Nachricht erreichte den Fachbereichsleiter kurz vor der Pressekonferenz: Wohl schon im Laufe des Januars hält auch das umgebaute Feldwebel-Wohnheim in Seeth zu diesem Zweck mindestens 30 Plätze bereit.

Auf der Suche nach der bestmöglichen Übergangslösung für jeden Minderjährigen, der ohne Mutter und Vater unterwegs ist, leisten Thomsen und sein Team eine Reihe von Überstunden. Nötig ist in jedem Fall jemand, der das Sorgerecht ausübt, also die Rolle der Eltern übernimmt. Steht dazu kein geeigneter Verwandter zur Verfügung, wird ein amtlicher Vormund bestellt. Vier Amtsvormünder arbeiten bereits im Kreisjugendamt, zwei zusätzliche Stellen sind ausgeschrieben. Auch Ehrenamtler kommen für diese Aufgabe in Betracht. „Die Jugendlichen wohnen dann weiterhin in der Einrichtung und sollen mindestens einmal im Monat Kontakt mit dem Vormund haben“, so Thomsen. Das Jugendamt gebe Unterstützung in fachlichen und rechtlichen Fragen. „Wir sind jederzeit ansprechbar und lassen niemanden allein!“ Darüber hinaus kooperiert der Kreis mit dem freien Träger KIBIS in Husum.

Außerdem werden dringend Gastfamilien gesucht. „Wir würden uns sehr freuen, wenn sich Familien bei uns melden, die einen jungen Flüchtling bei sich aufnehmen wollen“, sagt Thomsen. „Wir bieten Pflegeeltern einen 160-stündigen Fortbildungskurs an, der pädagogische und rechtliche Themen behandelt. Derzeit benötigen wir insbesondere Unterbringungsmöglichkeiten für männliche Ausländer ab 15 Jahren.“ Die monatlichen Pflegegeldzahlungen für Verpflegung, Unterkunft, Kleidung und dergleichen beliefen sich pro Schützling auf etwa 1000 Euro. Ansprechpartnerin für potenzielle Gasteltern ist Jugendamts-Mitarbeiterin Elke Schmidt – unter Telefon 04861/614678 oder per E-Mail an elke.schmidt@nordfriesland.de.

Wie wichtig es ist, privaten Anschluss zu finden, zeigt der Fall eines jungen Syrers. Das Jugendamt hatte den 16-Jährigen in einem Heim zusammen mit deutschen Jugendlichen untergebracht, darunter einige Schulverweigerer. Thomsen: „Nach zwei Tagen stand er bei uns auf der Matte und bat um ein anderes Quartier. Er wolle gern zur Schule gehen, um Arzt zu werden, und fühle sich in dem Heim nicht richtig aufgehoben. Wir haben kurzfristig eine Pflegefamilie für ihn gefunden.“ Der Fachmann warnt aber auch: Viele Jugendliche seien zwar ganz normal aufgewachsen und zur Schule gegangen, bis in ihrer Heimat der Krieg ausbrach. „Da viele im Krieg und auf der Flucht jedoch schlechte Erfahrungen gemacht haben, dauert es unter Umständen einige Zeit, bis sie sich in ihrem neuen Heim wirklich in Sicherheit und geborgen fühlen.“

Der Landrat hat viele unbegleitete minderjährige Ausländer persönlich kennengelernt und setzt auf das Interesse der Bevölkerung: „Die jungen Leute sind sehr dankbar, wenn man sich um sie kümmert. Sie wollen und müssen sehr viel lernen.“ Wer aus einer patriarchalischen Gesellschaft komme, die von einem Diktator geführt werde, „ist in einer offenen Gesellschaft wie unserer mit ihren 1000 Möglichkeiten und teils schlechten Einflüssen völlig orientierungslos“. Harrsen: „Es lohnt sich, die Herausforderung anzunehmen, unseren jungen Neubürgern Deutschland beizubringen.“

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