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Wolfswanderung in Nordfriesland : Wölfe kommen auf leisen Sohlen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Behörden, Jäger und Schafhalter sind sensibilisiert – der Landes-Koordinator beschreibt Wanderungen der Tiere durch Schleswig-Holstein.

von
erstellt am 07.Aug.2017 | 16:00 Uhr

Er kommt nicht im Schafpelz, aber auf leisen Sohlen. Der Wolf ist zurück in Schleswig-Holstein. Einzelne Tiere durchqueren auf ihrer Wanderung sogar das ganze Land und legen dabei nachts bis zu 40 Kilometer lange Strecken zurück. Zu Gesicht bekommt man sie in aller Regel nicht. Aber es gibt inzwischen Dutzende Nachweise. So ließen sich vereinzelt Spuren oder Losung finden, Wölfe wurden angefahren oder tappten in die Foto-Fallen der Wildkameras. In anderen Fällen half ein DNA-Nachweis, etwa wenn Nutztiere gerissen und die Überreste anschließend auf Genspuren untersucht worden waren. Wie am 20. März vergangenen Jahres in St. Peter-Ording. Dort hatte ein Tierhalter ein schwer verletztes Schaf auf seiner Weide gefunden. Im Labor fand sich der klare Beleg: Hier hatte ein Wolf zugeschlagen, dessen Spur sich später im Nachbarland Dänemark wiederfand.

Auch wenn dies bis heute der einzige verbürgte Fall in Nordfriesland geblieben ist, sind Behörden, Jäger und vor allem Deichschafhalter sensibilisiert, teilweise aber auch besorgt. So berichtet Antje Eismann, die mit ihrer Familie in fünfter Generation eine Schäferei im Tümlauer-Koog in Eiderstedt betreibt, vom „merkwürdigen Rissen“ einzelner Schafe – immer nachts.Und, so schildert Eismann: „Die Fälle nehmen zu, und das ist sehr beunruhigend.“ Untersucht und dokumentiert sind diese freilich nicht. Zum einen seien die Verluste noch verkraftbar, solange es bei Einzelfällen bleibe. Zum anderen würden DNA-Spuren ohnehin allzu leicht verwischt, erklärte die Schäferin dazu.

Der Nachweis lasse sich nur über den Speichel von Reißzähnen führen, bestätigt Jens-Uwe Matzen. Er koordiniert alle speziell geschulten Wolfsbetreuer in Schleswig-Holstein, die unter Federführung des Umweltministeriums mit Schafhaltern, Jägern und Naturschützern im Bereich des sogenannten Wolfsmanagements tätig sind. „Sobald ein verletztes Tier oder ein Kadaver gedreht wird, oder auch ein Hund dran war, geht nichts mehr“, erläuterte er auch den Mitgliedern des Kreis-Umweltausschusses. Und: „Die Versorgung eines verletzten Tieres geht immer vor.“

Größter Knackpunkt sei es, die Deichschäfereien und im Winter auch die kleinen beweideten Parzellen im Binnenland wirksam zu sichern vor durchziehenden Wölfen, die sich im Normalfall ohnehin weit überwiegend von Wild ernähren. „Es ist verdammt schwierig, da einen vernünftigen Schutz hinzubekommen“ und „Wir werden an der Westküste nicht anfangen, Deiche einzuzäunen“, sagt er, selbst wenn es – neben Entschädigungen für Nutztierrisse auch in Zweifelsfällen – Fördermittel für Herdenschutz-Maßnahmen gibt.

Sollten sich ein Wolf längerfristig in einem Bereich aufhalten und größeren Schaden anrichten, müsse zunächst immer über eine Vergrämung, etwa durch Pfefferkartuschen, nachgedacht werden. Denn der Wolf unterliege in der Europäischen Union dem höchsten Schutzstatus, eines dieser Tiere zu töten sei eine Straftat. Für wenige Ausnahmen wie Unfall oder Krankheit gebe es strenge Vorgaben. „Und der Wolf ist immer auch ein Politikum“, sagt der Fachmann.

Hinweise auf Wölfe gibt es zuhauf in Schleswig-Holstein, wo nur der Kreis Herzogtum-Lauenburg ganz im Süden seit Anfang 2015 als Wolfsgebiet ausgewiesen ist. „In der Woche sind es 20 bis 30 Meldungen“, berichtet Matzen. Im Schnitt ist dann aber maximal ein echter Wolf darunter, weiß er aus Erfahrung. Die meisten Fälle seien Verwechslungen mit Hunden, vor allem mit den immer mehr in Mode gekommenen Wolfshunden.

Im Gegensatz zu Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Niedersachsen sind ganz im Norden der Republik laut Matzen keine Wölfe „resident“ – also länger als sechs Monate in einem bestimmten Landesteil sesshaft. Immer wieder aber ziehen einzelne Exemplare Richtung Dänemark. Für Wölfe sei das Nachbarland eine Sackgasse, biete jedoch bessere Lebensbedingungen als hierzulande. „Schleswig-Holstein ist mehr so eine Art zweite Wahl für die Wölfe“, stellt Matzen fest. „Aber wir werden damit leben müssen, dass ständig einer durchzieht.“

Ob sich das große Raubtier (Canis lupus) jemals fest im Land ansiedeln wird? „Ich wüsste nicht wo“, sagt er. Ein Rudel benötige eine Reviergröße von 150 bis 250 Quadratkilometern und es sei schwierig, so ein Areal in Schleswig-Holstein zu finden. Vielleicht könnte noch die Eider-Treene-Sorge-Region in Frage kommen, so Jens-Uwe Matzen. „Aber das ist ein bisschen Kaffeesatz-Leserei.“

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