Arbeiten in Nordfriesland : Wo Teilzeit vollwertig ist

Jessica Petersen bei ihrer Arbeit in dem Betrieb von Oke Martensen (links).
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Jessica Petersen bei ihrer Arbeit in dem Betrieb von Oke Martensen (links).

Ein Struckumer Tischlerei-Chef gibt alleinerziehenden Müttern eine Chance und macht anderen Unternehmern Mut, den gleichen Weg zu gehen.

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02. Juli 2015, 13:00 Uhr

„Es war keine Bedingung, dass sie mit Vornamen Jessica heißen müssen. Eher Zufall“, sagt Oke Martensen schmunzelnd, als er über die beiden alleinerziehenden Mütter spricht, die er in seinem Handwerksbetrieb in Teilzeit eingestellt hat. Da ist zum einen Jessica Köppe aus Hattstedt, die eine Ausbildung als Tischlerin in dem Struckumer Unternehmen gemacht hat und damit einen Meilenstein legte. In der Tischler-Innung Nordfriesland-Süd hatte es so etwas noch nie zuvor gegeben – eine alleinerziehende Mutter, die in Teilzeit ihre Lehre absolviert. Die Innung und der Betriebsinhaber betraten damit Neuland und waren sich der Unterstützung durch die Handwerkskammer Flensburg und der Beruflichen Schulen des Kreises Nordfriesland in Husum sicher. Nach bestandener Gesellenprüfung konnte sie in dem Betrieb weiterarbeiten und befindet sich derzeit in Mutterschutz, da sie ein zweites Kind erwartet.

Die zweite Jessica, die ihren zweieinhalbjährigen Sohn alleine großzieht und ebenfalls in Struckum in Teilzeit arbeitet, heißt mit Nachnamen Petersen. Sie ist 29 Jahre alt, wohnt in Schwabstedt und meldete sich bei dem Tischlermeister auf eine Stellenanzeige. Gesucht wurde ein(e) Maler/in und Lackierer/in (w/m) halb- oder ganztags für Arbeiten in der Werkstatt.

Jessica Petersen ist seit 2006 Gesellin im Malerhandwerk und wollte irgendwann nach der Geburt ihres Sohnes wieder in ihren Beruf zurück. „Ich brauche einen Ausgleich“, sagt sie zu ihrer eigenen Motivation. Der Tischlermeister weiß um die Vorurteile, wenn es um die Einstellung von Alleinerziehenden geht. Ein Punkt, der für viele Unternehmen dagegen spricht: Wenn Kinder krank sind, müssen sie betreut werden und demzufolge fehlen die Arbeitnehmer im Betrieb. Oke Martensen hingegen kann und will bei den Vorurteilen nicht mitreden, denn seine eigenen Erfahrungen mit Alleinerziehenden in Teilzeit fallen positiv aus. „Ich gebe ihnen hier die Chance, mitzuarbeiten und habe dadurch super Fachkräfte“, freut er sich. Jessica Petersen ist von 8 bis 12 Uhr täglich im Betrieb und wird nach Tarif bezahlt, genauso wie ihre männlichen Kollegen. „Man sollte den Schritt einfach wagen“, möchte Martensen anderen Chefs Mut machen, alleinerziehende Mütter einzustellen.

Es gibt natürlich Situationen, in denen die Mütter spontan wegen der Kinder nach Hause müssen. Allerdings arbeiten sie dafür ein anderes Mal länger, um ihr Zeitstunden-Konto wieder aufzufüllen, erzählt Martensen. In einem Handwerksbetrieb, der nicht zum produzierenden Gewerbe gehört, ist die Einstellung in Teilzeit allerdings kaum realisierbar, so seine Meinung. Morgens fahren die Mitarbeiter zu den Kunden und kommen abends wieder zurück. Sind die Baustellen vom Betrieb weit entfernt, müsste für eine Teilzeitkraft extra gefahren werden. Ein Aufwand, den kaum ein Betriebsinhaber auf sich nehmen möchte, auch mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit. Hinzu kommen die Kunden, denen man nur schwer erklären könnte, dass die Arbeit bei ihnen nur in Teilzeit ausgeführt werden kann.

Wie schwer es für alleinerziehende Mütter und auch Väter ist, einen geeigneten Job zu finden, weiß Sabine Löhner, Beauftragte des Kreises Nordfriesland für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. „Wirtschaft, Arbeit und Leben stehen in einer Wechselbeziehung zueinander und konkurrieren um verfügbare Zeit- und Energieressourcen. Die im Arbeitsleben geforderte flexible Verfügbarkeit und erhöhte Mobilität steht dem Bedürfnis nach Zeit zur Betreuung von Kindern und Angehörigen oft gegensätzlich gegenüber“, weiß sie aus Erfahrung. Auffällig sei, dass Frauen immer noch häufiger und länger ihre Erwerbstätigkeit aus familiären Gründen unterbrechen als Männer. Für Menschen, die Kinder oder Angehörige betreuen beziehungsweise pflegen, werde es immer schwieriger, einen Arbeitsplatz zu finden, mit dem sie ihre Existenz sichern könnten. „Eine besonders betroffene Gruppe sind die Alleinerziehenden. Durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitszeitmodelle können sie häufig nicht ohne staatliche Unterstützung von ihrem Einkommen leben und steuern auf die Altersarmut zu“, erzählt Löhner.

Um das zu vermeiden, bewarb sich Jessica Petersen bei der Struckumer Tischlerei. Für ihren Chef kann sie ihre Zeit frei einteilen – Hauptsache, die Arbeit wird pünktlich fertig. Die Motivation, die sie an den Tag legt, gefiel Oke Martensen sofort. Außerdem war sie gut auf das Bewerbungsgespräch vorbereitet.

Wichtige Faktoren, auch für Rosamunde Baumgartner, die in Bredstedt die Senator-Senioreneinrichtung leitet, wie Sabine Löhner erzählt: „Sie hat nach einer Info-Veranstaltung für Alleinerziehende eine für sie passende Arbeitnehmerin eingestellt.“ Der Weg zu einer guten Beschäftigung sei für Alleinerziehende immer noch mühsam, so die Mitarbeiterin des Jobcenters. „Ihre Chancen steigen jedoch, je besser sie sich auf Vorstellungsgespräche vorbereiten. Dazu gehören Kenntnisse über den Betrieb, eigene Bemühungen zur Sicherstellung der Kinderbetreuung und Wissen über Möglichkeiten flexibler Arbeitszeiten“, meint Sabine Löhner. Es sei durchaus möglich, in Gesprächen Arbeitszeiten auszuhandeln, die sowohl den Interessen des Betriebes, als auch denen der Bewerber und ihrer Familien gerecht werden.

Weitere Informationen zur Chancengleichheit am Arbeitsmarkt erteilt Sabine Löhner unter Telefon 04841/67203 oder im Internet unter www.nordfriesland.de.

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