zur Navigation springen

Früher Kaserne – heute Flüchtlingsunterkunft : Wo sich die Angst vor Bomben verliert

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Blick hinter die Kulissen der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Seeth: Ein Rundgang mit dem Bundestagsabgeordneten Ingbert Liebing.

von
erstellt am 15.Aug.2015 | 16:00 Uhr

Schon der erste Blick durchs Kasernentor wirft Fragen auf. Dutzende Menschen haben sich vor dem ehemaligen Stabsgebäude des Lazarettregiments 11 versammelt – beäugt von einem Polizeibeamten. Was ist hier los? „Keine Sorge“, sagt Ulf Döhring, Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten in Neumünster, der die Irritation schnell bemerkt hat. „Freitags wird hier von 9 bis 14 Uhr das Taschengeld ausgegeben, dann ist der Ansturm immer groß.“ Rund 4,30 Euro bekommen erwachsene Asylsuchende pro Tag, für Kinder gibt es 82 Euro monatlich.

Um sich über die Situation der Flüchtlinge zu informieren, schaut sich Ingbert Liebing, CDU-Landesvorsitzender und Bundestagsabgeordneter für Nordfriesland und Dithmarschen-Nord, in der ehemaligen Stapelholm-Kaserne, nur wenige Kilometer entfernt von der Gemeinde Seeth, um. Im Schlepptau hat er unter anderem Ralf Heßmann, Amtsvorsteher des Amtes Nordsee-Treene, und den CDU-Landtagsabgeordneten Klaus Jensen. Sie alle zeigten sich am Freitag beeindruckt von der Arbeit der ehrenamtlichen Helfer.

In der Erstaufnahme-Einrichtung sind inzwischen rund 520 Asylsuchende untergebracht. „Unsere Kapazität von bis zu 600 ist nahezu ausgelastet“, erklärt Döhring. Lars Christophersen, Einsatzleiter des DRK-Kreisverbandes Nordfriesland, koordiniert 15 ehrenamtliche Einsatzkräfte, die sich täglich um die Flüchtlinge kümmern. Das DRK-Nordfriesland möchte grundsätzlich die Betreuung in der Seether Erstaufnahme-Einrichtung übernehmen – auch hauptamtlich. Allerdings ist das Ausschreibungsverfahren noch in vollem Gange.

Der Einsatzleiter setzt sich an die Spitze des Trosses – bei einem Rundgang lässt er die Besucher hinter die Kulissen blicken. Erstes Ziel: die Kleiderausgabe. Auf dem Weg dorthin flitzen immer wieder Kinder auf Dreirädern vorbei. Auf dem 42 Hektar großen Gelände haben sie viel Bewegungsfreiheit. „Nichts ist schlimmer als auf engstem Raum zusammengepfercht zu werden. Doch hier habe ich ein gutes Gefühl“, sagt Branka Trube, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wahlkreisbüros von Liebing. „Die Kinder leben auf und die Erwachsenen haben Zeit, nach oft traumatischen Erlebnissen erstmal zu sich zu kommen – ohne Angst vor Bomben haben zu müssen“, erklärt sie und zeigt dabei auf einen jungen Mann, der es sich im Schatten eines Baumes bequem gemacht hat und auf sein Mobiltelefon schaut. Für die meisten Flüchtlinge sind soziale Netzwerke die einzige Möglichkeit, um Kontakt mit ihren Verwandten und Freunden aufzunehmen. Außerdem haben sie auf ihren Geräten oft wichtige Dokumente abgespeichert, die nicht selten im Original bei der Flucht verloren gehen.

Der Alltag in der Unterkunft verläuft friedlich. Brenzlig wird es höchstens, wenn es um die Geld-, Kleider- oder Essensausgabe geht. Kommt es zu Rangeleien, sind Hauptkommissar Bodo Matzen und zwei weitere Beamte der Landespolizei zur Stelle. Doch bis auf kleine Diebstähle sei bislang noch nichts Dramatisches vorgefallen, so Matzen.

Unterdessen unterhält sich Liebing mit Helferin Nadine von Dandelski, die in der Kleiderkammer Hosen und Pullover sortiert. Viele Kartons sind noch gar nicht ausgepackt. Die Menge an Spenden ist so groß, dass die Helfer mit dem Sortieren kaum hinterherkommen. „Wir mussten viel Kritik einstecken, weil die Leute nur zehn Minuten Zeit haben, um sich jeweils fünf Kleidungsstücke auszusuchen. Doch das vorherige System, eine Art Basar, funktionierte nicht. Dann herrscht hier Chaos und Ungerechtigkeit“, macht Christophersen deutlich. Er weiß, dass die Hilfsbereitschaft nach anfänglicher Euphorie weniger werden wird. Das ist auch Liebings Sorge. „Ich befürchte, dass die Stimmung bald kippen könnte. Ohne das Engagement der Ehrenämtler wäre das alles hier gar nicht zu schaffen. Doch die sind auch bald am Ende ihrer Kapazitäten.“ Deshalb möchte er in Berlin vorschlagen, den Bundesfreiwilligendienst auf die Flüchtlingshilfe zu erweitern.

Christophersen sieht das ähnlich: „Die Politik muss wissen, dass das nicht mehr lange gut geht.“ Er würde sich mehr Vorbereitungszeit wünschen. Aus gutem Grund: Denn auch die Einrichtung der neuen Flüchtlingsunterkünfte in Albersdorf und Rendsburg wurden quasi in einer Nacht- und Nebelaktion vom Land beschlossen. „Die einzige Anweisung für das Rote Kreuz lautete: ‚Begrüßen und ein bisschen betreuen‘“, sagt Christophersen stirnrunzelnd. „Es muss ja kein Masterplan sein, aber ein Konzept würden uns schon sehr helfen.“


Durch die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung sind die Flüchtlinge mittlerweile gut versorgt. Die Helfer des DRK bitten darum, dosiert zu spenden, denn der Winter kommt bestimmt. Bedarf gibt es allerdings noch an Herrenschuhen in kleineren Größen sowie an Koffern und Rucksäcken. Spenden werden montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr angenommen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert