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Ostenfelder Forst : Wo die letzte Ruhe an die Wurzel führt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Zwei Familienmitglieder wurden schon in einem Ostenfelder Forst beigesetzt: Auch Telse Voss hat sich dort ihren Urnenplatz reserviert.

„Anfangs habe ich den Baum nicht wiedergefunden“, erzählt Telse Voss beim Spaziergang durch den Wald und muss darüber lachen. Die Blätter auf dem Waldboden rascheln bei jedem Schritt, ansonsten ist vollkommene Stille. Das Licht scheint durch die Bäume, der Ort wirkt magisch und macht es einem „Neuling“ leicht, die Atmosphäre zu genießen. Keine Selbstverständlichkeit, denn es ist nicht nur ein einfacher Wald, sondern ein Ruheforst.

Telse Voss besucht hier ihren Schwiegersohn und Ehemann, die 2009 und 2014 an den Wurzeln eines mächtigen Baumes ihre letzte Ruhestätte fanden. Zwei kleine Plaketten mit dem jeweiligen Namen, Geburtstag und Todestag sowie vier Schrauben in der Buche – das war’s. „Dieser Ort beruhigt durch die Stille, die uns im alltäglichen Leben abhanden gekommen ist“, meint die 78-Jährige, während sie den Baumstamm berührt.

Peter, ihr Ehemann, sei immer schon gerne alleine gewesen und deshalb sei es richtig, dass er hier begraben wurde. Als ihr Schwiegersohn zuvor starb, stand bereits fest, dass er hier seine letzte Ruhe finden würde. „Unsere Tochter und er hatten über einen Ruheforst gelesen und fanden es beide hochinteressant“, erzählt sie und erinnert sich an die erste Begegnung mit diesem Fleckchen Erde. „Wir hatten uns nach dem Tod von meinem Schwiegersohn hier versammelt und wollten uns den Baum anschauen.“ Gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Ruheforstes, der zu dem Termin mit einem Wohnmobil angefahren kam. „Meine Tochter und ich haben uns angeschaut und trotz der Trauer gelacht. Ich möchte nicht wissen, wie das dem Fahrer im ersten Moment vorgekommen ist.“ Der Grund für das Gelächter: Telse und Peter Voss waren überzeugte Camper. Erst mit Zelt als Zuhause auf Zeit, später waren sie dann viel im Wohnmobil unterwegs. Die längste Reise dauerte zwei Jahre, nachdem sie ihr Hab und Gut verkauft hatten und sich in Richtung iberische Halbinsel aufmachten. Sie wussten nicht, wie lange sie unterwegs sein konnten – die Diagnose ihres Mannes, Multiple-Sklerose, war gedanklich mit im Gepäck.

Während Telse Voss Jahre später vor dem Wohnmobil im Ruheforst stand, lag ihr Ehemann bereits gefesselt ans Bett zu Hause. „Ich habe ihn sofort angerufen und ihm von der Begegnung erzählt, auch davon, dass es wohl ein Zeichen sein sollte. Er hat sofort zugestimmt und ich habe gleich anschließend den Vertrag für unsere letzte Reise unterzeichnet. Im Wohnmobil des Mitarbeiters“, erzählt sie und nennt den Ruheforst seit dem Tag ihren „Dauercampingplatz“.

Friedhöfe hätten ihr immer schon Angst gemacht, in der Kirche sei das Ehepaar ohnehin nicht gewesen. „Für mich ist es ein schöner Gedanke, dass auch ich irgendwann hier begraben sein werde. Niemand muss sich um unser Grab kümmern, muss nicht harken, kein Unkraut jäten, Blumen pflanzen und den Grabstein sauber machen. Man kommt hierher, kann spazieren, die Natur genießen, sich auf eine Bank setzen und den Erinnerungen freien Lauf lassen.“

Bis zu zwölf Urnen können an „ihrem“ Baum vergraben werden. Ihr Schwiegersohn hat die Nummer eins, ihr Ehemann die Nummer sechs und sie selbst die Nummer neun, da der September ihr Geburtsmonat ist. Angst vor dem Tod hat sie nicht. Sie habe noch viele Pläne, Dinge, die sie aufgrund der tückischen Krankheit ihres Mannes jahrzehntelang nicht verwirklichen konnte. „Mein Leben war kein Zuckerschlecken. Ich hatte zwar Helferinnen und dafür bin ich sehr dankbar, aber vieles blieb eben auf der Strecke.“

Mit ihrem eigenen Leben sei sie noch lange nicht fertig, den Traum von den Azoren möchte sie sich unbedingt erfüllen. Falls ihr unterwegs irgendetwas passieren sollte, sei das nicht weiter schlimm. „Ich habe alles geregelt, meine Tochter weiß das und muss sich um kaum etwas kümmern. Das gibt mir ein beruhigendes Gefühl – und ich kann es nur jedem empfehlen, sich zu Lebzeiten mit dem eigenen Tod zu beschäftigen.“ Auf die Frage, ob sie traurig ist, sobald sie den Ruheforst betritt, sagt sie: „Warum sollte ich an diesem wunderschönen Ort traurig sein? Mein Schwiegersohn und mein Mann sind zwar nicht mehr da, wo sie mal waren. Aber sie sind immer da, wo ich bin.“

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