zur Navigation springen

Schwabstedt : „Wir wollen nicht einfach aufgeben“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Waldkindergarten Schwabstedt hat Sorge um seine Existenz – derzeit nutzen nur elf Jungen und Mädchen die 18 Plätze der Einrichtung im Lehmsieker Forst.

von
erstellt am 15.Okt.2017 | 11:00 Uhr

Das Wetter hat Ulrike Meyer immer im Blick. Jeden Abend und jeden Morgen ruft die Erzieherin die Vorhersagen in Radio und Fernsehen ab, auf ihrem Mobiltelefon sind mindestens drei verschiedene Wetter-Apps installiert. An diesem Vormittag regnet es in Strömen. Ulrike Meyer lächelt. „Regen ist für uns kein Problem“, sagt sie. „Bei Sturm wird es schon kritischer. Bei Windstärke acht gehen wir in unsere feste Einrichtung in Ramstedt.“ Zusammen mit der Sozialpädagogischen Assistentin Stephanie Behrendsen kümmert sich Ulrike Meyer um die Jungen und Mädchen der Waldkindergarten-Gruppe im Lehmsieker Forst, die zum Schwabstedter Kindergarten gehört.

Doch jetzt bangen sie um den Erhalt ihrer Gruppe, die zur Zeit von elf Kindern besucht wird. Kapazitäten wären aber für 18 Kinder vorhanden. Im kommenden Jahr werden es vermutlich noch weniger sein. „Wir müssen uns jetzt überlegen, wie wir weitermachen.“ Das Hauptproblem sei der demografische Wandel, so Meyer. Während alle Kindergarten-Gruppen in Schwabstedt unterbesetzt seien, sind die Krippengruppen übervoll.

Die Kinder tragen dicke Regenklamotten und Gummistiefel. Sie stehen unter den Bäumen, haben einen Kreis gebildet, fassen sich an den Händen und singen ihr Morgen-Lied. Der Regen macht den Drei- bis Sechsjährigen offenbar wenig aus. „Wir haben hier viel zu tun“, sagt der kleine Fiete (3) mit ernster Miene und voller Überzeugung. Bürgermeister Jürgen Meyer schmunzelt. „Ich bin überzeugt von der Arbeit, die die beiden Frauen hier leisten und stehe voll dahinter. Wenn man mal sieht, wie gelassen die Kleinen auch auf unangenehmes Wetter reagieren.“

Doch auch das Gemeinde-Oberhaupt steht – im Moment sogar in doppelter Hinsicht – im Regen. „Die Gemeinde möchte die Waldgruppe sehr gern erhalten. Aber mit zu wenig Kindern ist das nicht vorstellbar.“ Es sei tatsächlich eine enge Kiste für die Kommune, das zu stemmen, sagt auch Gruppenleiterin Meyer. Im nächsten Jahr muss sie acht Schulkinder abgeben. Sie hat eine Rechnung aufgestellt. Bei zehn frei bleibenden Plätzen fehlt ein Monatsbeitrag von jeweils 145 Euro. Aufs Jahr gesehen wären das allein für die Waldgruppe 17400 Euro. „Wir können nur hoffen, dass es sich nur um eine Durststrecke handelt. Doch wenn sich das über zwei, drei Jahre nicht reguliert, sieht es schlecht aus“, macht sie deutlich. Die einzige Lösung wäre dann, in der Festeinrichtung in Schwabstedt Krippen- und Kindergartenkinder zu einer Familiengruppe umzufunktionieren.

Es ist Frühstückszeit. Die Kinder setzen vorsichtig den kleinen Frosch, den sie gerade gefangen haben, wieder auf den Laubboden, bevor sie in den Bauwagen gehen. Das eigens für die Waldgruppe gebaute Gefährt hat eine Gasheizung und sei Tüv-geprüft, wie die Gruppenleiterin berichtet. Die Kinder setzen sich auf die zwei langen Truhenbänke und packen ihre Brotdosen aus. Ein Kind hat Wassermelone für alle mitgebracht. Zum Nachtisch. „Warum gibt es keinen Schokopudding?“, fragt Ulrike Meyer. „Weil der zu viel Zucker hat“, sagt Felix und beißt in sein Melonenstück. Die beiden Frauen arbeiten Hand in Hand. Seit 18 Jahren. „Wir verstehen uns blind, ohne Worte“, erklärt Meyer, „Steffi weiß schon, was ich vorhabe, bevor ich zu Ende gedacht habe.“ Die beiden haben zusammen die Gruppe aufgebaut und weiterentwickelt, immer wieder Kurse zum Thema Waldpädagogik besucht.

Was unterscheidet den Waldkindergarten von anderen? „Wir müssen genauso die Bildungsrichtlinien einhalten wie alle anderen auch“, macht Meyer deutlich. Was sie unterscheide sei der Weg. „Waldpädagogik bedeutet, dass man das, was man in der Natur findet, einsetzt, um zu bilden und zu fördern – und gleichzeitig darauf achtet, die Natur zu schützen und zu schätzen.“

Nun appellieren sowohl der Bürgermeister als auch die Erzieherinnen an die Eltern aus anderen Gemeinden – die vor Ort keinen Kindergartenplatz mehr finden und eventuell ein paar Kilometer Fahrt auf sich nehmen würden – einen Blick nach Schwabstedt zu werfen und sich bei ihnen zu melden: „Wir wollen unsere Waldgruppe nicht leichtfertig aufgeben, bloß weil die Zahlen es nicht hergeben. Wir sind überzeugt von unserer Arbeit.“


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen