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Nordfriisk Instituut in Bredstedt : „Wir wollen keine Luxusausstattung“

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das 50-jährige Bestehen des Nordfriisk Instituut in Bredstedt soll im Dezember gefeiert werden. Dann wird auch der 1,2 Millionen Euro teure Erweiterungsbau offiziell eingeweiht.

Das Nordfriisk Instituut in Bredstedt besteht 50 Jahre. Das Jubiläum soll am 5. Dezember groß gefeiert werden. An diesem Tag wird auch der rund 1,2 Millionen Euro teure Erweiterungsbau offiziell eingeweiht, in dem die friesische Sprache, Kultur und Geschichte künftig auf moderne Weise präsentiert wird. Aus Anlass des Jubiläums veröffentlichen wir in loser Folge eine Serie mit Beiträgen zu Aspekten der Institutsarbeit. Den Auftakt macht ein Interview mit Prof. Dr. Thomas Steensen (Jahrgang 1951). Der Husumer ist seit 1987 Leiter und seit 1992 Direktor des Nordfriisk Instituut, seit 1999 zudem Honorarprofessor an der Europa-Universität Flensburg.

 

50 Jahre Nordfriisk Instituut – mit Blick auf die tausendjährige Siedlungsgeschichte der Friesen an der Westküste ist das ein Wimpernschlag. Was macht das Jubiläum dennoch so bedeutend?

Ein halbes Jahrhundert ist für eine wissenschaftliche Einrichtung in Nordfriesland, im ländlichen Raum schon etwas Besonderes. Das Institut hat sich aus kleinen Anfängen entwickelt. Die Zielrichtung ist die gleiche geblieben, nämlich die nordfriesische Sprache, Geschichte und Kultur und auch die Arbeit der friesischen Volksgruppe wissenschaftlich zu begleiten und zu untermauern. Eine Besonderheit ist ganz gewiss das Zusammenspiel zwischen ehren- und hauptamtlichen Kräften, das hervorragend funktioniert.

Ist die Instituts-Geschichte nicht auch ein Spiegelbild der Entwicklung vom deutsch-dänischen Grenzkampf hin zur friesischen Einheit?

Zweifellos. 1965 war der deutsch-dänische Gegensatz und auch der zwischen den friesischen Lagern noch relativ stark. Mit der Gründung des Instituts sollte eine Brücke geschlagen werden. Das war nur möglich, indem man sich national- und parteipolitisch neutral verhielt und auf wissenschaftliche Objektivität baute. Heute spielt der Gegensatz zwischen Deutsch und Dänisch praktisch keine Rolle mehr, und das ist natürlich auch den Friesen zustatten gekommen. Mitunter hat man allerdings den Eindruck, dass alle Blicke nur auf Deutsch-Dänisch gerichtet sind und das Friesische zu wenig beachtet wird.
Und die Friesen selbst sind gute Europäer geworden?
Die Friesen sind es eigentlich immer gewesen. Friesischen Nationalismus oder gar Chauvinismus gab es so gut wie nie. Friesen wie Christian Feddersen und Harro Harring setzten sich schon im 19. Jahrhundert für die Völkerverständigung ein. In der Erklärung der Friesen aus den Niederlanden und Deutschland vom Jahr 1955 heißt es: „Wir bejahen alle Bestrebungen, die zu einem geeinten Europa führen.“ Die Friesen waren schon früh auf dem richtigen Kurs.

Das Institut ist heute auch Dienstleistungszentrum für viele Menschen und Organisationen. Ist die Einrichtung überhaupt noch wegzudenken?
Da sage ich natürlich: Nein! Wir erfüllen viele Aufgaben unter einem Dach und bieten allen Hilfe an, die sich mit Themen Nordfrieslands befassen. Unsere Bibliothek und unser Archiv stehen jedem Interessierten offen. Wir bieten Vorträge an, veranstalten Konferenzen, haben ein Verlagsprogramm mit mehreren hundert Veröffentlichungen, geben eine Zeitschrift, ein Jahrbuch und einen friesischen Fotokalender heraus. Wir haben Grundlagenwerke wie die erste Darstellung der Geschichte Nordfrieslands erarbeitet oder moderne friesische Sprachkurse, die sich gerade auch an junge Menschen wenden. Zusätzlich zu allem anderen kooperieren wir eng mit der Europa-Universität Flensburg und bieten dort Lehrveranstaltungen insbesondere für angehende Lehrkräfte an. Nicht zu vergessen: Die sehr aktive Interessengemeinschaft Baupflege hat ihr Domizil bei uns.

Die Friesen sind in Schleswig-Holstein und der Bundesrepublik als Minderheit anerkannt. Die Förderung fällt dennoch bescheiden, wenn nicht beschämend aus. Ist nicht auch die Arbeit des Instituts immer wieder diktiert worden von knappen Finanzen?
Es hat sogar mehrfach Existenzkrisen gegeben. Tatsächlich sind die Friesen in Deutschland wohl die am schlechtesten geförderte der vier anerkannten Minderheiten. Auch europaweit gehören sie zu denjenigen, die wirklich nicht besonders gut gestellt sind. Wir freuen uns als Institut darüber, dass wir vor zwei Jahren mit der Landesregierung eine klare Abmachung treffen konnten und damit die Möglichkeit bekommen haben, zwei lang gehegte, eigentlich recht bescheidene Wünsche zu realisieren. Endlich haben wir eine Fachkraft für die zentrale Bibliothek und das Archiv der friesischen Volksgruppe. Auch eine Stelle für eine Kernaufgabe, nämlich die Sprachförderung, kann im nächsten Jahr besetzt werden. Wir sind sehr froh und dankbar, dass uns diese Perspektive gegeben wird, dass wir endlich Planungssicherheit erhalten haben.

Die Förderung des Bundes hat sich immer auf Projekte beschränkt. Die Sorben hatten das Glück, im Zuge der deutschen Einigung eine Stiftung zu bekommen, die ihre Kulturarbeit absichert. Obwohl sich im Institut Politiker aller Couleur die Klinke in die Hand geben, müssen die Friesen bis heute auf eine ähnliche Förderung verzichten. Wurmt Sie das manchmal?
Wir gönnen den Sorben und allen anderen nationalen Minderheiten jeden Euro. Es ist falsch, die eine gegen die andere Gruppe auszuspielen. Aber natürlich muss man versuchen, dieses Ungleichgewicht Stück für Stück zu beheben. Die Förderung für die sehr bedrohte friesische Sprache und Kultur in Deutschland muss nach meiner Überzeugung auf ein anderes Niveau angehoben werden.

Zum Sterben zuviel und zum Leben zuwenig?
Das ist Ihre Formulierung – widersprechen kann ich kaum  .  .  .

Rechtzeitig zum Jubiläum wird mit Unterstützung von Bund, Land, Kreis NF, Stadt Bredstedt und Eigenmitteln der Instituts-Anbau realisiert. Künftig gibt es ein klimatisiertes Archiv und einen Multifunktionssaal mit multimedialen Angeboten. Wie groß ist die Vorfreude?
Riesengroß, auch darüber, dass alle an einem Strang ziehen. 50 Jahre nach der Eröffnung des Instituts, in unserem Jubiläumsjahr, gehen wir einen guten Schritt in die Zukunft. Wir freuen uns sehr, dass wir das neue Magazin, den neuen Lesesaal und voraussichtlich den ersten Abschnitt der Präsentation am 5. Dezember der Öffentlichkeit vorstellen können.

Nun kann die Präsentation sicher nicht konkurrieren mit dem Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt oder dem Multimar Wattforum in Tönning. Aber dank moderner Mittel wird es möglich, die friesische Vielfalt auch einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Worauf dürfen sich Besucher freuen?
Mit 130 Quadratmetern haben wir nur einen Bruchteil der Fläche etwa des Multimars zur Verfügung, auch der Finanzrahmen ist recht klein. Im ersten Abschnitt soll die friesische Sprache präsentiert werden. Es wird interaktive Elemente geben, kleine Filme und Sequenzen auf Friesisch. In ähnlicher Weise werden später die Geschichte, die einmalige Hauslandschaft und zum Beispiel die Ein- und Auswanderung aufbereitet.

Also nicht museal verstaubt?
Wenn wir es schaffen, das Friesische lebendig und modern zu präsentieren, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Wir wollen Schulklassen, Studierende, Vereinigungen in Nordfriesland und auch Touristen ansprechen.

Welchen Wunsch werden Sie den Gästen der Eröffnungsfeier mitgeben?

Dass die friesische Sprache und Kultur Schritt für Schritt besser gestellt und nach vorn gerückt wird, weil sie Nordfriesland weithin unverwechselbar macht. Für unser Institut wollen wir keine Luxus-, aber eine Mindestausstattung, damit die zentrale wissenschaftliche Einrichtung für die nordfriesische Geschichte, Sprache und Kultur auch im europäischen Maßstab als vernünftig gefördert und ausgestattet gelten kann. We gunge fernäid än fröilik önjt näist huulew iirhunert („Ins nächste halbe Jahrhundert gehen wir mit großer Zuversicht“).

Interview: Jörg von Berg

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erstellt am 09.Aug.2015 | 12:00 Uhr

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