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Kritik an Bundesverkehrsministerium : „Wir wollen doch nicht nach Amerika“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Kapitän Heinrich von Holdt hadert – wie viele Kollegen – mit den neuen Sicherheitsstandards für Fahrgastschiffe, die für ihn schlicht unbezahlbar sind. Der Nordfriese bietet von Schlüttsiel aus Ausflüge in die Halligwelt an und weiß nun nicht, ob es für ihn weiter geht.

Kapitän Heinrich von Holdt denkt ans Aufhören. Dann wären die Schotten dicht auf seinem „SeeAdler“. Der Seemann würde zwar gern noch weiter Kurs von seinem Liegeplatz Schlüttsiel Richtung Halligwelt nehmen, täglich Fahrgäste quer durch das Wattenmeer schippern. Sein Herz hängt an seinem Beruf, den er von der Pike auf gelernt hat. Doch über ihm hängen wie ein Damokles-Schwert eine Zahlenreihe und zwei Buchstaben, die von Bedeutung für seine Zukunft sind: 2009/45/EG.

Dahinter verbirgt sich eine Fahrgast-Richtlinie der Europäischen Union, die Anpassungen im Sicherheitsstandard, gestaffelt nach Fahrgebieten und Baujahr der Schiffe erfordert. Innerhalb der Zone D (vergleichbar mit der Wattfahrt) oder Zone C (Küstenfahrt) sind Änderungen europaweit festgezurrt und zwar bereits seit Juni 2009. Allerdings lässt die Richtlinie den einzelnen Mitgliedsstaaten einen Spielraum. Wie groß dieser sein kann, machen die Niederländer vor: Die dortige Behörde betrachtet ihr Wattenmeer als Binnengewässer und schon greift die Fahrgastrichtlinie der EU nicht mehr.

In Deutschland ist das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung für dieses Thema zuständig. Und deren Fachleute haben sich Folgendes überlegt: ein Internationales Freibordabkommen, das kürzlich in Kraft getreten ist, und eine Übergangsfrist bis 2018 erlaubt. Es umfasst fünf Seiten mit etlichen Punkten (Anwendungsbereiche, Begriffsbestimmungen, grundsätzliche Sicherheitsanforderungen) und gleicht einem Dschungel aus Daten und Fakten. Ein Beispiel: Die Fenster der betroffenen Fahrgastschiffe im Wattenmeer sind ab Windstärke 6 durch metallene Seeschlagblenden zu sichern. Außerdem müssen rechteckige Fenster zu Bullaugen werden.

Heinrich von Holdt kann darüber nur den Kopf schütteln. „Wenn unsere Gäste in dunklen Salons sitzen oder nur durch kleine Bullaugen schauen können, ist ein Ende der Ausflugsfahrten im Wattenmeer in Sicht.“ Und überhaupt: „Wie soll das alles bezahlt werden?“, fragt sich der Kapitän. „Sollen Schiffe, die schon bis zu 40 Jahren ohne Probleme ihren Dienst im Wattenmeer absolviert haben, umgebaut, ausgebaut oder ausgemustert werden? Wir wollen doch nicht nach Amerika fahren.“

Mit seinem MS „SeeAdler“ bewegt sich der Nordfriese während der Fahrten zu den Halligen, Seehundbänken und beim Seetierfang praktisch immer unter Landschutz, erzählt er. „Hoher Seegang ist so gut wie ausgeschlossen. Halligen können ab einem Wasserstand von mehr als eineinhalb Metern des normalen Hochwassers gar nicht mehr angefahren werden, da Landunter gemeldet wird und deshalb keine Gäste auf die kleinen Eilande dürfen. Deshalb sind wir ohnehin auf gutes Wetter angewiesen und fahren bei absolutem Schietwetter gar nicht erst raus.“ Schließlich seien die Fahrgäste sein Kapital, demnach könnten die zuständigen Behörden davon ausgehen, das „alle Fahrten sicher und gut überlegt sind“.

Für Heinrich von Holdt steht fest: Durch die schwierige finanzielle Lage fast aller Reedereien ist der Aufwand, der mit dem Abkommen verlangt wird, nicht zu verkraften. „Ich bin einfach satt. Jedes Jahr kommen neue Vorschriften, die wir zu erfüllen haben. Mit meinem Schiff wird hier seit 50 Jahren gefahren – und noch nie ist etwas passiert.“

Der Schiffssicherheitsabteilung der See-Berufsgenossenschaft in Hamburg, die dem Bundesministerium zuarbeitet, hat er seinen Unmut schriftlich mitgeteilt – ebenso viele seiner Berufskollegen. Antworten hat allerdings noch niemand. „Wir bewegen uns im Niemandsland und haben keinerlei Unterstützung“, bedauert Heinrich von Holdt und hofft trotzdem, dass es „irgendwie“ weitergeht.

Am besten wäre aus seiner Sicht die Lösung der Niederländer. Die Möglichkeit, sein Schiff zu verkaufen und dafür ein Kriegsschiff zu kaufen, erwägt er jedenfalls nicht – obwohl Kriegsschiffe nicht unter die EU-Richtlinie 2009/45/EG fallen. Im Artikel 3 ist dieser Hinweis extra dokumentiert.

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