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"Wir Kommunalpolitiker leiden ein bisschen unter der großen Politik"

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erstellt am 22.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Viöl | Viöls Bürgermeister Hans Jes Hansen blickt auf eine lange aktive kommunalpolitische Zeit zurück. Der 73-jährige CDU-Politiker tritt bei der Kommunalwahl am Sonntag nicht mehr an. Vier Jahre war er in Viöl bürgerliches Ausschuss-Mitglied, ehe er 1970 zum Gemeindevertreter gewählt wurde. 1982 schließlich übernahm er das Bürgermeisteramt, 16 Jahre später zusätzlich das des Amtsvor stehers. Hans Jes Hansen begrüßt die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre, denn junge Leute müssten auch sonst überall bereits Verantwortung übernehmen, und die Jugend sei die Zukunft der Gemeinden.

Was war in den 1960er Jahren Ihre Motivation, in die Kommunalpolitik einzusteigen?

Ich war schon immer politisch interessiert, bin zu vielen Vorträgen in die Volkshochschule gegangen, doch dort gab es hauptsächlich außen- und wirtschaftspolitische Themen. Der damalige Bürgermeister Erich Wobser hat mich dann gefördert und auch in die CDU geholt.

31 Jahre Bürgermeister, wird da der Nebenjob nicht fast zum Hauptberuf?

Ja. Ich habe die Arbeit immer sehr ernst genommen. Wenn ich mich zur Verfügung stelle, dann bin auch dafür gewählt worden, etwas für die Gemeinde zu gestalten. Und das in vorderster Linie. Mit sehr guten Gemeindevertretern, egal welcher Couleur, und der Verwaltung habe ich das immer hingekriegt. Wenn das Mensch liche stimmt, dann kann man sehr viel bewegen.

1998 legten Sie nochmals einen drauf, Sie wurden Amtsvorsteher. Was sagte die Familie dazu, dass noch mehr Arbeit mit nach Hause genommen wurde ?

Ja, es wurde deutlich mehr. Aber ich kann auch gut abschalten , wenn ich zu Hause bin. Ich kann auch sehr gut schlafen, ich lasse nur meine Arme hängen, dann bin ich weg (lacht). Ich habe eine tolle Frau, eine tolle Partnerin, die mich nie zurückgehalten hat. Sie hat mir eher die Zeit dafür gegeben. Mit einer intakten Familie fällt es leichter, zumal meine Familie, meine Kinder, immer in der Not helfen.

Als Sie in die Kommunalpolitik gingen, war es für die Parteien noch einfach, genügend Kandidaten zu finden. Warum sieht das heute anders aus?

Wir leiden ein bisschen unter der großen Politik. Dieses sich nicht mit der Basis verbunden fühlen, ist der größte Mangel. Wenn in Kiel oder Berlin nicht so gut gearbeitet wird, dann kriegen wir das hier zu merken. Wir sind schließlich die ersten Ansprechpartner. Ob CDU, SPD oder Wählergemeinschaft, wer sich politisch engagieren will, der ist willkommen. Wir brauchen die Vielfalt, weil diese auch die Gesellschaft widerspiegelt.

Viele Menschen sagen, dass in der Kommunalpolitik die Parteien eigentlich nichts zu suchen haben. Ist es sinnvoll, erst ab einer gewissen Gemeinde-Größe mit Parteien zu arbeiten?

Das ist unabhängig von der Größe, die Gesellschaft soll ja abgebildet werden. Auch eine Kommunalwahl ist aber eine personenbezogene Wahl. Ich finde es schon richtig, wenn man sich dann zu einer Partei bekennt. Natürlich machen wir keine Außenpolitik, aber wir müssen uns schon an der Gesamtausrichtung orientieren und uns fragen, wo sollen wir uns hin entwickeln. Wenn man keine Visionen hat, soll man die Finger auch von der Kommunalpolitik lassen. Man dient nicht, wenn man sich nur verwalten lässt, man muss die Gestaltung an erster Stelle sehen.

Woran liegt es, dass es so schwer ist, junge Leute für die Kommunalpolitik zu begeistern? Ist die zunehmende Arbeitsverdichtung ein Grund?

Das mag ein Grund sein. Aber es liegt auch daran, dass die Zusammenhänge nicht so erkannt werden. Viele meinen nämlich, man ist nur ein Zweckerfüller. Wenn man aber nur die Hand heben müsste, wäre das schon fatal. Man muss schon mit Ideen kommen. Und gute Ideen werden auch angenommen.

Das heißt, Kreativität ist gefordert. Könnte das Nachwuchsproblem auch daran liegen, dass das Ehrenamt nicht genügend anerkannt wird?

Das mag man so empfinden. Das erlebe ich auch hin und wieder, dass ich enttäuscht bin, auch von meinen Mitstreitern. Aber, die Politik kennt keinen Dank. Man muss seinen Weg gehen, darf sich aber nicht in eine Sache verrennen. Ich bin als Bürgermeister dankbar, wenn ich beraten werde. Man darf nicht auf seiner Meinung beharren. Lernen von jedermann, das ist wichtig.

Ein vernünftiger menschlicher Umgang ist also Voraussetzung, was noch, damit man in der Kommunalpolitik erfolgreich ist?

Das Wichtigste ist das persönliche Vorleben. Sie müssen ein intaktes Familienleben haben und viel Fleiß mitbringen. Und es ist wie in einer langen Ehe - es kann nicht angehen, dass einer zieht und einer bremst. Gerade die Information des Partners und dem Andersdenkenden gegenüber, ist sehr wichtig.

Wenn heute ein junger Mensch die Zukunft seines Wohnortes mitgestalten möchte, was würden sie ihm raten?

Ich würde ihm raten, möglichst viele öffentliche Sitzungen zu besuchen, um sich zu informieren und Kontakte aufzubauen. Und er sollte auch etwas über das Vereinsleben wissen, wie etwa die ehrenamtliche Tätigkeit in der Feuerwehr aussieht. Dort erfährt man, was es heißt, ein Ehrenamt auszuüben. Ich bin überzeugt, ob Feuerwehr oder Sportverein, sobald dort junge Leute aktiv sind, sollten Zuschüsse gewährt werden. Das ist die beste Investition in das Weiterleben einer Gemeinde.

Trifft es zu, dass Kommunalpolitiker oft gefrustet sind, weil andere Stellen einfach nicht mitspielen?

Ich habe es einmal erlebt, als wir einen großen Freizeitpark Viölandia ins Leben rufen wollten. Weder Vereinsmitglieder noch die Nachbargemeinden haben erkannt, welche Möglichkeiten wir durch die Dorferneuerungsprogramme gehabt hätten. Wir hatten fast alles in trockenen Tüchern, auch die Landverkaufs-Verhandlungen waren schon gelaufen. Es scheiterte an wenigen Vereins-Mitgliedern im Ort, nicht an Zuschüssen. Das Projekt war mit der Landespolitik gut abgesprochen. Es scheiterte nur vor Ort, da war ich schon sehr gefrustet.

Das schmerzt mehr, als wenn es für gewisse Projekte keine Zuschüsse gibt?

Ja. Zuschüsse verleiten viele Gemeinden, Projekte anzustoßen. Aber man kann auch im privaten Bereich schnell ein Richtfest feiern, aber wie wird das Haus fertig gestellt? Wie mit Leben erfüllt? Wie hoch sind die Folgekosten? Mir ist es lieber, wenn Projekte privat realisiert werden und es eine ordentliche Beihilfe zum Start gibt.

Ist es gut, bereits 16-Jährige wählen zu lassen?

Ich halte dies für gut. Denn die jungen Leute werden heute ja viel früher rangenommen und viel früher wird viel von ihnen erwartet. Wenn sie Verantwortung übernehmen wollen, dann sollen sie dazu auch die Möglichkeit haben.

Interview:

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