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Maikundgebung und Senvion-Zukunft : „Wir hoffen, dass die Vernunft siegt“

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Für Toleranz und Solidarität wurde bei der DGB-Maikundgebung in Husum geworben – und für den Erhalt des Senvion-Standortes.

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erstellt am 01.Mai.2017 | 20:30 Uhr

Ein starkes Zeichen der Solidarität für den von Schließung bedrohten Husumer Standort des Windanlagen-Herstellers Senvion und seine Beschäftigten ging von der Maikundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Husum aus. Unter dem Motto „Wir sind viele. Wir sind eins.“ hatten sich dazu rund 200 Teilnehmer vor dem Speicher in der Hafenstraße versammelt. „Wir lassen uns nicht einfach von der Platte putzen“, zeigte sich der nordfriesische DGB-Kreisvorsitzende und Senvion-Betriebsrat Mathias Wötzel kämpferisch.

Den Plänen der Senvion-Unternehmensleitung, die mehr als 500 Kündigungen an den Produktionsstandorten Husum, Trampe und bei Powerblades in Bremerhaven vorsähen, setzen Belegschaft und Betriebsrat nach seinen Aussagen ein Zukunftskonzept entgegen. Dieses sieht vor, die rund 100 in der Kreisstadt bedrohten Arbeitsplätze zu erhalten und hier ein Service-, Wartungs- und Reparaturzentrum zu etablieren (wir berichteten). „Allerdings ist es uns noch nicht gelungen, den Arbeitgeber an den Tisch zu bekommen“, so Wötzel. Dass Schleswig-Holstein die Wiege der Windenergie sei und Husum das Herz von Senvion, zähle offenkundig nicht mehr. Weil es für die „Geldmaschine Centerbridge“ andernorts billiger gehe, drohten die Arbeitsplätze der Globalisierung zum Opfer zu fallen. „Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass die Vernunft siegt und wir Weiterbeschäftigung hinkriegen“, betonte er. „Ganz so einfach wollen wir es unseren Bossen nicht machen“, bekräftigte der DGB-Kreisvorsitzende. Mathias Wötzel machte sich zudem für fairen Handel, gute Arbeitsbedingungen und ordentliche Löhne stark und erteilte in seinem Wahlaufruf zur Landtagswahl am 7. Mai Rechtpopulisten eine klare Absage.

„Es gibt keine Demokratie ohne Alternative“, sagte Martin Bitter (IG-Metall) zu dem so nicht akzeptablen Aus für den Senvion-Standort. Die Belegschaft habe ein gutes Alternativ-Konzept entwickelt – „wir werden den Arbeitgeber dazu an den Tisch bekommen“, gab er sich zuversichtlich. In Husum sei in der Windbranche Pionierarbeit geleistet worden, sagte Martin Bitter mit Blick auf die Energiewende. „Und dafür haben die Arbeitnehmer Respekt verdient.“ Die Gesellschaft dürfe Hedgefonds wie Centerbridge nicht die Welt überlassen.

Perke Heldt vom DGB Nordwest mag sich des Gefühls nicht erwehren, dass Demokratie allzu häufig in Chefetagen aufhöre. Sie sprach von einem überzeugenden Alternativ-Konzept der Belegschaft und dankte auch dem Husumer Verwaltungs-Chef Uwe Schmitz für sein Engagement in dieser Frage: „Es ist nicht selbstverständlich, dass Bürgermeister sich so an die Seite von Beschäftigten stellen.“

„Wir haben noch längst keine Gleichberechtigung von Männern und Frauen erreicht“, schlug Perke Heldt mit Hinweis auf einen Entgelt-Unterschied von knapp 21 Prozent den Bogen zu anderen Themen. In Nordfriesland gebe es 17700 Mini-Jobber, davon fast 11000 Frauen. „Das ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Nordfriesland, aber wir müssen viel stärker Arbeitsbedingungen und gute Arbeit in den Fokus stellen – und nicht nur die gestiegenen Übernachtungszahlen oder die Verweildauer von Feriengästen“, sagte sie. Nötig sei mehr Wertschätzung, denn Mini-Jobbern werde oft die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vorenthalten, sie bekämen keinen Urlaub und oft auch weniger Lohn. So sei die Gleichung entstanden: „Minijob=Minilohn=Minirechte=Minirente“. Dagegen setze der DGB sein Reformkonzept, jede Tätigkeit ab dem ersten Euro sozialversicherungspflichtig zu machen, die Pauschalsteuer abzuschaffen und Arbeitsbedingungen gleich zu behandeln.

Ferner ging die DGB-Vertreterin auf die Probleme der Wanderarbeiter aus Osteuropa ein, für die sich eine „düstere Nische“ auf dem Arbeitsmarkt gebildet habe. Auch auf dem Husumer Schlachthof arbeiten nach ihren Aussagen bis zu 150 rumänische Arbeitnehmer in Werkverträgen. Die Selbstverpflichtung der Fleisch-Konzerne, die Zahl der Stammbeschäftigten wieder zu erhöhen, die Werksvertrags-Arbeitnehmer sozial- und arbeitsrechtlich besser abzusichern und für anständige Unterkünfte zu sorgen, stehe bisher nur auf dem Papier. Ähnliche Zustände herrschten auch für osteuropäische Lkw-Fahrer mit nicht selten 60 bis 70 Wochenstunden für knapp 2000 Euro brutto – Überstunden inklusive. „Dieses Geschäftsmodell Ausbeutung muss gestoppt werden“, bekräftigte Perke Heldt.


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