Drei Jahrzehnte Dragseth : „Wir haben uns nie reinreden lassen“

Die Dragseth-Folkband mit Kalle Johannsen, Manuel Knortz, Gerd Beliaeff und Jens Jesse (von rechts).
Die Dragseth-Folkband mit Kalle Johannsen, Manuel Knortz, Gerd Beliaeff und Jens Jesse (von rechts).

Jubiläumskonzert im Husumer Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk: Heute Abend (23. November) betritt die Dragseth-Folkband die Bühne. Deren „Väter“, Kalle Johannsen und Manuel Knortz, eroberten vor 30 Jahren erst einmal als Duo Nordfriesland.

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23. November 2013, 07:00 Uhr

30 Jahre Dragseth. Fast scheint es, als könnten Manuel Knortz und Kalle Johannsen es selbst nicht glauben. Einmal wöchentlich treffen sich die Dragseth-Väter mit Gerd Beliaeff und Jens Jesse, die aus dem Duo 2009 eine „richtige Folkband“ machten, in Knortz’ Witzworter Atelier- und Wohnhaus zur Probe. Zur Einstimmung wird aber erst mal gegessen. „Wir sind immer akustisch geblieben“, erzählt Johannsen. Und das hat auch seinen Grund: „Die meiste Musik ist mir zu laut“, sagt er. „Und wir haben halt gern unsere Ruhe“, ergänzt Knortz, während er den anderen auffüllt. „Akustische Instrumente leben, und das spürst du“, sind sich die drei Musiker einig. Jens Jesse sähe das gewiss genauso, ist aber heute nicht dabei – „mal wieder auf Reisen“.

„Angefangen haben wir mit zwei Gitarren“, blickt Johannsen zurück, nachdem er die Kochkünste des Freundes gelobt hat. Und aus heiterem Himmel entspinnt sich ein Gespräch über wegweisende Begegnungen, das Wesen der Muse, den Zauber von Musikinstrumenten und die Treue zu sich selbst. Dass sie auch nach 30 Jahren noch immer miteinander spielen mögen, erklärt Johannsen damit, „dass wir uns nie haben reinreden lassen“. „Uns wollte ja auch keiner“, eröffnet Knortz die nächste Pingpong-Runde. Dabei war Dragseth, das damals noch Dragseth-Duo hieß, die erste deutsche Folkband-Band mit eigener Schallplatte. „Das hatten wir Egon zu verdanken“, berichtet Johannsen. Bei Egon Hentschel, einem Kriminalkommissar mit musikalischen Ambitionen, „sind wir mal aufgetreten, und irgendwann sagte er: ,Jungs, wir müssen mal ne Platte machen‘. Allerdings wusste keiner, wie das geht – auch Egon nicht. Aber er hatte Verbindungen zu einem Plattenpresswerk, und so sind wir zu Hans Hartz ins Studio gegangen.“ Einige Wochen später kam Hentschel mit einer Ente, deren Hinterteil dem Boden bedenklich nahe kam, zum Folk-Festival auf den Scheersberg gerollt – im Gepäck 1000 Schallplatten. „1987 war das noch was“, sagt Johannsen. „Ein paar davon hab’ ich noch im Keller“, sagt er. „Für schlechte Zeiten?“, will Gerd Beliaeff wissen. Gelächter. Dragseth ist auch abseits der Bühne ein eingespieltes Team.

„Wir hatten ja selbst nie Unterricht“, knüpft Johannsen an den Scheersberg an. „Instrumente waren damals viel zu teuer, und die Musikschule gab es noch nicht. Meine erste Gitarre habe ich mir geliehen und umgebaut“, sagt der Linkshänder. An solche Aktionen erinnert sich auch Beliaeff, der einen Kredit aufnahm, um seinen ersten Bass zu kaufen. „Der Bass ist mein Instrument“, erklärt er unvermittelt, aber fast ein bisschen gerührt.

„Ein Instrument zu spielen, ist so etwas von aufwendig und komplex“, führt Johannsen den Gedanken fort. „Es erfordert ungemein viel Zeit und Fingerfertigkeit.“ „Musikalität kann einem zufallen“, ergänzt Knortz, „aber der Rest ist manchmal auch das Gegenteil von Spaß.“ „Wir waren ja musikalische Analphabeten“, bekennen die einstigen Chorknaben der Hermann-Tast-Schule „Wir konnten keine Noten lesen. Aber es gibt auch großartige Musiker, die nur vom Blatt spielen können.“ Was ihnen auf der einen Seite fehlte, machten sie auf der anderen wett: In Dragseths Gasthof, wo Knortz damals wohnte und der dem Duo den Namen gab, „haben wir bis tief in die Nacht geübt“, sagt Johannsen – „und komponiert. Einer hatte immer was, und manchmal entstanden drei Songs in der Woche. Die haben wir uns dann am Telefon vorgespielt.“ Als Jens Jesse mit einer Mappe voller Noten zur ersten Probe kam, war das Duo dann auch befremdet. „Das mussten wir ihm abgewöhnen. Bei uns spielt niemand vom Blatt.“

Was als „Hausmusik“ gedacht war, erwies sich als Glücksgriff, der das Duo nicht nur personell verdoppelte, sondern eine ganz eigene Dynamik schuf und „uns neue Klangfarben bescherte“, sagt Knortz. Überhaupt: „Von einem einzigen Akkord, der Ausgangspunkt für ein neues Stück ist bis zur fertigen Platte oder zum Konzert – im Grunde gehe es doch immer nur um das eine Lied, one long song. „Woher das alles kommt?“, Johannsen schüttelt den Kopf: „Ich weiß es auch nicht.“ Für einen kurzen Moment setzt Knortz die Brille des Malers und Grafikers auf und sagt: „Ob ich mit Acryl oder Öl male, ist völlig egal. Wichtig ist nur, was ich mache.“

Die Kritik, aber mehr noch drei Jahrzehnte gemeinsamer Musikgeschichte scheinen ihnen Recht zu geben. Und Dragseth ist noch lange nicht am Ende. Ein neues Album ist in Planung, und es gibt noch viele Songs, die darauf warten, ausgearbeitet zu werden – und ebenso viele neue Ideen. Das lange Lied ist noch lange nicht gespielt.

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