Bredstedt : „Wir haben eine sehr gute Streitkultur“

Der Marktplatz ist das Herz Bredstedts.
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Der Marktplatz ist das Herz Bredstedts.

Wohnungsbau, Innenstadtbelebung, Jugendzentrum – über diese Themen, sein Verhältnis zu seiner Fraktion und eigene Zukunftspläne spricht Bürgermeister Knut Jessen in unserem Interview.

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03. Januar 2018, 08:00 Uhr

Der Abriss der ehemaligen BGS-Wohnblocks am Stadtrand, der Bau neuer Wohnungen und die Entwicklung des Stadtzentrums – diese Themen werden Bredstedt auch 2018 beschäftigen. Ein letztes Mal blickt Knut Jessen (70) aus der Sicht des Bürgermeisters auf Vergangenes und Künftiges. Zur Kommunalwahl tritt er nicht mehr an.

Was hat Sie 2017 als Bürgermeister geärgert?
Jessen: Die Diskussion um den öffentlich-rechtlichen Vertrag mit dem Schulverband. Wir sind Bedarfszuweisungs-Empfänger und erhalten Finanzausgleichsmittel für Zentralorte. Davon müssen wir unter anderem die Defizite für unser Schwimmbad decken. Das könnten wir so nicht zahlen. Hinzu kommt die Finanzierung anderer wichtiger Aufgaben, wie die Volkshochschule und die Bücherei. Hierfür sind die Mittel gedacht. Wir sind gezwungen, freiwillige Ausgaben zu prüfen. Daher ist es nicht rechtens, eine Pauschale an den Schulverband zu zahlen. Ansonsten hat mich nicht so viel geärgert.

Stichwort Leiter Jugendzentrum?

Wir hatten seinerzeit drei Bewerbungen auf die Stelle von Anne Lau. Einer schied auf Grund seiner Ausbildung aus, einer hat sich einfach nicht mehr gemeldet. So haben wir uns für den letzten Bewerber entschieden.

Sind sie damals nicht über den Namen gestolpert?

Nein, man speichert sie nicht alle ab. Seine Vita und das polizeiliche Führungszeugnis waren in Ordnung, sein Alter war mit 48 korrekt angegeben, auch Personalabteilung und Personalrat sowie die Gleichstellungsbeauftragte waren überzeugt. Dann bekamen wir den Tipp, dass etwas nicht stimmen würde. Auf die Frage, warum er den Vorfall in Husum bei seiner Bewerbung seinerzeit nicht erwähnt hat, gab er mir zur Antwort: Dann hätten Sie mich doch nicht eingestellt. Das nehme ich ihm übel. Nach vier Wochen, in seiner Probezeit, trennten wir uns wieder. Die Kinder hatten kein Vertrauen mehr zu ihm – und wir auch nicht. Jetzt ist die Stelle neu ausgeschrieben, und ich hoffe, dass das Jugendzentrum möglichst bald wieder geöffnet ist.

Welche Projekte stehen für die Stadt Bredstedt 2018 ganz oben an?
Da ist zunächst das Bauvorhaben auf dem Gelände der ehemaligen BGS-Blocks. Drei Jahre hat es gedauert, bis der Kaufvertrag unter Dach und Fach war. Das war hochspannend. Zwischendurch hat die WGB einen Antrag auf Aufhebung des Kaufbeschlusses im nicht öffentlichen Teil gestellt, ebenso nicht öffentlich wurde dann aber der Kauf beschlossen. Jetzt ist alles perfekt. Die Stadt übernimmt die Grundschuld, zahlt 60 Jahre lang 20000 Euro – nur Tilgung. Nach dem Abriss der Blocks werden auf der – zusammen mit der Fläche bis zur Straße Am Mühlenberg – 2,5 Hektar großen Fläche Neubauten entstehen. Wir haben schon sehr viele Anfragen für Mehrfamilienhäuser. Aber wir benötigen auch dringend neue Miet-Wohnungen für junge Leute. Viele können aus dem Grunde nicht bauen, weil sie die von den Banken geforderten 30 Prozent Eigenkapital nicht aufbringen können. Wir werden uns über die Gestaltung und die Bebauung des neuen Gebietes viele Gedanken machen und wollen erst einmal die jungen Menschen berücksichtigen. Daneben werden wir Investoren zulassen.

Sie haben als Stadtvertreter die Wählergemeinschaft Bredstedt verlassen.

Ja, ich bin seit dem 1. November in der Stadtvertretung fraktionslos, bleibe aber weiterhin Mitglied der WGB, die ich 2013 mitgegründet habe und für die mich die Bevölkerung gewählt hat.

Was war der Anlass für Ihren Schritt?

Zum einen gab es Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Hebesätze. Weiterhin hat die WGB, wie schon erwähnt, einen Antrag auf Aufhebung des Kaufbeschlusses für die BGS-Blocks gestellt und wollte damit den Kauf verhindern. Ich kann es nicht akzeptieren, wenn meine Fraktion immer gegen mich ist. Die Differenzen waren nicht zu klären, daher habe ich mich aus der Fraktion gelöst. Ohne Groll. Das war für mich aber kein Anlass, zurückzutreten. Ich habe auch keinen Grund, die Wählergemeinschaft zu verlassen. Die WGB war stärkste Fraktion in der Stadtvertretung, nun ist sie gleichstark mit der CDU.

Wieder zur Entwicklung Bredstedts: Wie sieht es in der Innenstadt aus? Was erhoffen Sie sich?

Zukunftsgestaltung. Mit der Planung eines Einzelhandelskonzeptes wollen wir jetzt im Januar loslegen. Wir hoffen, dass es im Sommer fertig ist. Diesbezüglich stellen wir einen Antrag bei der Aktiv-Region auf Förderung. Zum Leerstand in der Innenstadt, insbesondere der Osterstraße, muss man mal ein klares Wort sprechen: Ein Problem ist, dass es für die einst inhabergeführten Geschäfte häufig keine Nachfolger gibt, zudem sind die Verkaufsräume mit 60 bis 80 Quadratmetern zu klein und die Mieten zu hoch. Hier sollte man mehrere kleinere Parzellen zusammendenken, so entstehen größere Einheiten, und man kann mehr machen. Das wäre für das Stadtbild erfrischend.

Ein Problem ist die Parkplatzsituation.

Es ist gut, dass wir noch den Marktplatz in der Innenstadt haben. Und seinerzeit die Schaffung von Parkraum bei Rewe (heute Markant) war ein Deal schlechthin. Bei Neubauten werden heute automatisch auch Parkplätze geschaffen.

Was wünschen Sie sich 2018 für die Stadt Bredstedt?
Jessen: Dass die Stadt einen ordentlichen Bürgermeister bekommt. Ich bin raus. Ich war während der Amtszeiten von Udo Reichert und Bernd Döhring insgesamt 14 Jahre stellvertretender Bürgermeister und wurde 2013 nach meiner Pensionierung Bürgermeister. Und: Ich bin jetzt in einem Alter, wo man zurückstehen und junge Menschen ins Boot holen sollte. Aber sie sind im Moment nicht so leicht zu finden. Alle Parteien haben Nachwuchssorgen. Ich weiß nicht, woran es liegt. Wir haben hier eine sehr sehr gute Streitkultur – über die Fraktionen hinweg. Und das ist für mich wahre Demokratie – zu einer vernünftigen Mehrheit zu kommen, ohne sich die Köpfe einzuschlagen. Das ist hier möglich.

Haben jüngere Menschen kein Interesse an der Kommunalpolitik?

Es mag manchmal Desinteresse sein, häufig ist es aber auch die berufliche Anspannung, der Druck. Viele Arbeitgeber spielen einfach nicht mit.


Was wünschen Sie sich persönlich?
Zeit zu haben für Dinge, die liegen geblieben sind. So würde ich gerne einmal mit dem Auto nach Kroatien fahren.






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