Top Regional : Wie Tönning seine Geschichte zur Marke macht

Segler-Idylle am Hafen.
Segler-Idylle am Hafen.

Historische Handelsstadt: Tönninger entwickeln im engen Dialog miteinander Alleinstellungsmerkmale und Zukunftspläne.

shz.de von
24. Mai 2018, 07:00 Uhr

Tönninger sind zu Recht stolz auf die großartige Geschichte ihrer Stadt. Sie berichten, dass Adolf I., Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf, ein Schloss bauen ließ, unter anderem weil er fest an einen Schifffahrtsweg von Kiel bis Tönning glaubte, der später als Eider-Kanal Wirklichkeit wurde. Sie erzählen vom Hafen, der mit dem Packhaus als Warenlager Drehscheibe im internationalen Ost-West-Handel war, und sie verweisen auch auf die Blütezeit während der Kontinentalsperre, als Tönning Hamburg den Rang ablief und in der kleinen Stadt richtig Goldgräberstimmung aufgekommen sein soll.

Und wieder beflügelt Aufbruchstimmung die Bürger der Stadt. Fast hundert von ihnen haben in der kurzen Zeit zwischen 2014 und 2015 ein Leitbild 2030 entworfen, in dem sie sehr konkrete Pläne für die Zukunft formuliert haben. An deren Realisierung arbeiten sie seitdem mit großem Elan. Es ist aus ihrer Sicht kein Widerspruch, einerseits lebendige Museumsstadt zu sein und andererseits sich neu aufzustellen für die Herausforderungen einer globalisierten Welt. Folglich ziert die Zeile „Bodenständig und weltoffen“ dieses 52 Seiten umfassende Leitbild, das bewusst auch als „roter Faden“ für Politik und Verwaltung gedacht ist. Daher folgt es in allen klassischen Lebensbereichen von Bildung über Familie bis Wirtschaft den drei Fragen „Was haben wir – was wollen wir – wie können wir das erreichen?“

Diese enge Kooperation in Tönning hat verschiedene Wurzeln. Eine bedeutende ist der Runde Tisch, ein Verein, in dem seit bald 65 Jahren viele Bürger zum Wohle der Stadt zusammenarbeiten.

Bereits jetzt steht der Begriff „Historische Handelsstadt Tönning“ fest und soll als Alleinstellungsmerkmal und Markenzeichen wirken. Darin soll der Sprung aus der Geschichte über die Gegenwart in die Zukunft deutlich werden, wie mehrere der am Projekt beteiligten Akteure betonen. Konkret: Besonders der Marktplatz soll neu als Einkaufs- und Entwicklungszone entdeckt werden. In mühsamer Arbeit ist die Historie zahlreicher Häuser in der Stadt recherchiert worden. Oft entspricht die aktuelle Nutzung längst nicht mehr der ursprünglichen, aber an sie wird nun unmittelbar erinnert. Umfragen unter Einheimischen und Gästen haben zudem einen Einblick verschafft, welche Arten an Betrieben am meisten vermisst werden. Die Ansiedlung neuer, interessanter Geschäfte soll nicht dem Zufall überlassen, sondern aktiv von den Mitgliedern des Handels- und Gewerbevereins (HGV) mitgestaltet werden. Eine der Ideen: Sie suchen außerhalb der Stadt nach verloren gegangenen Branchen, Händlern oder Handwerkern. Gedacht ist an kleine und mittelständische Unternehmen „mit historischem Flair“ und dem Verkauf von „typischen Produkten der Region“, wie die Initiative es formuliert. Für Ansiedlungswillige wollen die Tönninger im zweiten Schritt nach entsprechenden Immobilien suchen und dafür auch das Städtebauförderungsprogramm nutzen. Damit nehmen die Unternehmer die Wirtschaftsförderung quasi selbst in die Hand und fügen den Erhalt bestehender Firmen und die Ansiedlung neuer in ihr Gesamtkonzept ein.

In Kürze ist mit der Herausgabe einer Broschüre „Historische Handelsstadt Tönning“ zu rechnen, die als Einkaufsführer für die teilnehmenden Geschäfte dienen soll. Sie knüpft in kurzen Schlaglichtern an die große Vergangenheit an: von der Wikingerzeit über die Höhepunkte des Handels im 17. und 18. Jahrhundert bis heute. Da ist wieder die Klammer zwischen Tradition und Moderne, zwischen Bodenständigkeit und Weltoffenheit.

Diese Spannung zwischen Gestern und Morgen ist auch bei vielen anderen Projekten zu spüren – etwa bei der kürzlich abgeschlossenen Restaurierung des Skipperhuset am Hafen. Ursprünglich 1624 von der Tönninger Schiffergesellschaft als Unterkunft für Seeleute gebaut, wurde es ab 1799 als Lotsenschule genutzt, bis die Schule 1852 nach Flensburg verlegt wurde. Nachdem es von der Partei der Nazis als Hauptquartier besetzt worden war, wurde es 1965 an den Südschleswigschen Verein verkauft, der es seit 1972 als Schullandheim nutzt.

Wer sich nun zur Entdecker-Tour nach Tönning aufmacht, sollte sich die rund 50 Empfehlungen anschauen, die der Verein Eiderstedter Kultursaison akribisch recherchiert und im Internet präsentiert hat. Unter der Adresse www.eiderstedter-kultursaison.de sind wesentliche Informationen über die Ziele zu finden.

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