Netzwerk Nordfriesland : Wie Integration an Schulen gelingt

Neue Herausforderungen: Berufsschulleiter Michael Kwauka setzt auf eine gemeinsame Förderung von Flüchtlingen in Schule und Beruf.
Neue Herausforderungen: Berufsschulleiter Michael Kwauka setzt auf eine gemeinsame Förderung von Flüchtlingen in Schule und Beruf.

Experten beraten über die Optimierung des Deutschunterrichts für Geflüchtete und die Behandlung psychosozialer Belastungen.

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20. Dezember 2017, 13:00 Uhr

Um Geflüchteten bei der Integration in Schule und Arbeitswelt beizustehen, tauschen sich in Nordfriesland Experten in einem engmaschigen Netzwerk aus. Dass neben fehlenden Sprachkenntnissen zunehmend auch psychosoziale Belastungen eine Rolle spielen, verdeutlichten beim jüngsten Treffen der Fachleute Ursula Greulsberg und Andrea Peters vom Diakonischen Werk. Die beiden Psychologinnen bieten zweimal im Monat an der Beruflichen Schule in Husum Sprechstunden für geflüchtete Schüler an. „Anfangs waren viele hochmotiviert, voller Freude hier angekommen zu sein und Neues aufbauen zu wollen. Dann kam der Absturz mit neuen Problemen.“ Unsicherheit über die Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, enge räumliche Verhältnisse bei der Ankunft, Armut, verschiedene Kulturen, Probleme im Rollenverständnis und mangelnde berufliche Perspektiven erschwerten die Situation.

„Sicherheit und Stabilität sind für traumatisierte Menschen enorm wichtig“, erklärte Ursula Greulsberg und wies die Kollegen im Netzwerk auf Unterstützungsmöglichkeiten hin: „Schule und Lehrkräfte können die jungen Menschen durch feste Räume, feste Ansprechpartner, feste Zeiten und Rituale sowie Transparenz und Kontrollierbarkeit fördern.“

Vertreter aus den Schulen, aus Industrie und Handwerk, der Agentur für Arbeit, der Sozialzentren, des Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerkes, der Husumer Werkstätten, des Streetwork und der Polizei tauschen sich auf den Netzwerktreffen regelmäßig über die Förderung benachteiligter junger Menschen aus. Im jüngsten Treffen ging es um die Sprachkenntnisse und um die traumatischen Erlebnisse der jungen Menschen, die Schulen vor neue Herausforderungen stellen.

An der Beruflichen Schule in Husum werden derzeit rund 150 geflüchtete Schüler unterrichtet. Im Rahmen der in Schleswig-Holstein neu gebildeten Klassen, die auf eine Ausbildung vorbereiten, werden sie entsprechend ihren Sprachkenntnisse beschult, erklärte Abteilungsleiterin Anja Hausburg: „Wir haben Klassen, die den Schwerpunkt auf den Erwerb der Sprache legen und weiterführende Klassen, die praktische Fähigkeiten für den Beruf fördern.“

„Viele Flüchtlinge, die seit einigen Jahren bei uns sind, können ihre Probleme erst jetzt auf Deutsch artikulieren“, berichteten auch die Flüchtlingsbetreuer an der Beruflichen Schule, Monika Hoffmann und Lars Wulff. Bei Ablehnungsbescheiden über Asylanträge oder bei Ende der Berufsschulpflicht durch Volljährigkeit sinke die Motivation und Stimmung, weil die Perspektive verloren gehe.

Michael Kwauka, Leiter der Beruflichen Schule, ermunterte alle, nach weiteren Möglichkeiten zu suchen, die jungen Menschen beim Erwerb der deutschen Sprache auch außerhalb der Schule anzuregen: „In ein, zwei Jahren eine fremde Sprache neu erlernen – das ist für viele geflüchtete Menschen sehr schwierig. In der Schule und in der Ausbildung treten starke Probleme bis hin zu häufigen Ausbildungsabbrüchen auf.“

Wie die Situation der Ferdinand-Tönnies-Gemeinschaftsschule in Husum ist, berichtete ihr Rektor Christoph Siewert. Er erinnerte an die große Zahl geflüchteter Kinder im Jahr 2015, die seine Schule zunächst vor räumliche und personelle Herausforderungen gestellt habe. So sehr sich Lehrer auch gekümmert hätten, „die menschliche Herausforderung ist außer Acht gelassen worden und die psychische Betreuung fiel völlig hinten über.“ Häufig seien geflüchtete Schüler halt aufgrund ihrer Erlebnisse traumatisiert und litten unter Schlafstörungen. Hinzu käme Frust, wenn die berufliche Orientierung an den Sprachkenntnissen scheitere.

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