Fund in Friedrichstadt : „Wie in einer Zeitkapsel“

Erste Grabungen: die beiden Experten Heiner Menzel (li.) und Tim Fischer.
Erste Grabungen: die beiden Experten Heiner Menzel (li.) und Tim Fischer

Ein Friedrichstädter hat auf seinem Grundstück eine außergewöhnliche Entdeckung gemacht: die Reste einer Lohgerberei.

shz.de von
31. Juli 2018, 14:00 Uhr

Friedrichstadt | Eigentlich wollte Andreas Grzybowski nur sein Altstadt-Haus in der Holmertorstraße um einen Raum erweitern. Dazu schaufelte der Friedrichstädter im Innenhof eine Fläche frei. Doch plötzlich stieß er auf Nadelholz. Ganz vorsichtig grub der 60-Jährige weiter. Nach und nach kam ein großer Kreis mit mehr als zwei Metern Durchmesser aus Holz zum Vorschein. Grzybowski griff zum Telefonhörer und informierte das Archäologische Landesamt in Schleswig.

Schon am folgenden Tag rückten Grabungstechniker Jan Fischer und der technische Mitarbeiter Heiner Menzel an. Beide gruben vorsichtig weiter und erreichten schließlich eine Tiefe von 80 Zentimetern, als Wasser aus dem Erdreich trat. Nachdem dieses beiseite geschöpft war, kamen Kuhhäute zum Vorschein. „Wir finden hier eindeutige Hinweise darauf, dass das ein großer Arbeits-Bottich einer Lohgerberei ist“, erklärte Jan Fischer. „Denn beim Graben haben wir auch Leder gefunden. Dort wurde ein Arbeitsprozess vor etwa 200 bis 300 Jahren beendet. Das Ganze wirkt wie eine Zeitkapsel.“

Die beiden Fachleute entnahmen Holzproben und sägten Stücke der noch gut erhaltenen Nadelholzbohlen ab. Zum Vorschein kamen außerdem bemalte Essgeschirrteile. Je tiefer die Männer gruben, desto mehr machte sich ein Ammoniakgeruch bemerkbar. „Kuhdunst“, sagten die Landesamts-Mitarbeiter.

Neben dem Gerber-Bottich wurden die im Erdreich aufgefundenen Keramikteile gelagert. Dabei handelt es sich nach Ansicht von Fischer um Malhornware, Fayencen, Jutepötte und Kachelofenteile.

Dann holte er aus dem Arbeits-Bus ein Metallsuchgerät, setzte sich die großen Kopfhörer auf und begann mit der Suche im Erdreich. Oft schlug das Gerät an, dann packte Fischer den Spaten und grub. Nach und nach wurden alte Münzen und Musketen-Kugeln aus Blei ausgegraben. Auch im Garten, der sich zum Treene-Ufer hin erstreckt, kam das Gerät zum Einsatz und förderte auch dort zahlreiche Utensilien längst vergangener Jahrhunderte zutage. „Die Arbeiten mit solch einem Metallsuchgerät bedürfen natürlich einer Genehmigung“, betonte Fischer vorsichtshalber.

Einige Tage später gingen die Ausgrabungen mit einem achtköpfigen Team weiter. Die nun ausgehobene Erde sah rötlich aus. „Soweit ich verstanden habe, ist das der Gerbstoff Tannin, der in der Rinde enthalten ist“, so Grzybowski.

Vor Ort wurden für die beteiligten Fachbereiche des Landesamtes weitere Proben entnommen. Untersucht werden die Entnahmen auch auf Milzbrand-Sporen. Milzbrand galt früher als häufige Berufskrankheit von Fleischern und Gerbern, denn die Erreger stammen aus Tierhäuten, -fellen und Kadavern – besonders von Paarhufern. Doch das Risiko, etwas zu finden, wird nach erster Analyse der Experten als äußerst gering eingeschätzt.

Nach Aussage des Grabungsleiters Jan Fischer handelt es sich um den größten Fund, der jemals in den Landesteilen Schleswig und Holstein gemacht wurde. Insgesamt zwei Kubikmeter Häute wurden geborgen und zur Kühlung nach Schleswig gebracht. Ein weiterer Teil befindet sich weiterhin im Gerberbottich unter einer weißen Folie und wartet darauf, geborgen zu werden. Zur restlichen Menge sagt Grzybowski: „Das sind noch einmal drei Kubikmeter. In einer Lübecker Gerberei werden die dorthin verbrachten Häute zunächst gespült und gewässert.

Die Experten freuen sich, dass der Friedrichstädter sie sofort über seine Entdeckung informiert hat. Allerdings ist er auch dazu verpflichtet. Im Denkmalschutzgesetz ist die sogenannte Fundmeldepflicht aufgeführt. Dort heißt es: „Wer in oder auf einem Grundstück oder auf dem Grund eines Gewässers Kulturdenkmale entdeckt oder findet, hat dies unverzüglich, unmittelbar oder über die Gemeinde der Unteren Denkmalschutzbehörde mitzuteilen.“

Die Antwort auf die Frage, wem dann aber was gehört, sei deutlich komplizierter, wie Tim Fischer erklärt. „In Schleswig-Holstein greift das Schatzregal“, sagt er. Kurz und grob erklärt: Demnach gehören Kulturdenkmale, die herrenlos sind, erst einmal dem Land. Dann müsse die wissenschaftliche Bedeutsamkeit geklärt werden. Und ja, auch Finderlohn sei möglich, so Fischer. Der Fund in der Holmertorstraße sei zwar historisch bedeutsam, aber archäologisch nicht von übermäßigem Belang. Man habe sämtliche Daten in die Registratur aufgenommen. „Jetzt wissen wir, wie alt die Funde sind und haben sie beprobt. Nun kann Herr Grzybowski frei damit umgehen.“ Das gilt auch für den Anbau. Die Bauarbeiten dürfen weitergehen – auf nunmehr von Amts wegen belegtem historischem Grund.

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