Breklumer Hefte in der NS-Zeit : Wider die Gleichschaltung

Manfred Kamper mit den beiden Neuerscheinungen.
Manfred Kamper mit den beiden Neuerscheinungen.

Die Breklumer Mission stand furchtlos kritisch zum Nationalsozialismus: Neuerscheinungen dokumentieren den Kirchenkampf.

shz.de von
29. Mai 2018, 13:00 Uhr

Der Nationalsozialismus fiel in Schleswig-Holstein auf fruchtbaren Boden, die NSDAP erreichte hier bei den Wahlen 1933 Rekordergebnisse. Das betraf auch die damalige Landeskirche Schleswig-Holstein. Die christliche Widerstandsbewegung der Bekennenden Kirche (BK) habe im nördlichsten Bundesland kaum eine Rolle gespielt, dachte man bisher. Dass das so nicht stimmt, belegen die „Breklumer Hefte“, die in den Jahren 1935 bis 1941 erschienen und reichsweit versendet wurden. Sie wurden jetzt neu herausgegeben und dokumentieren einen bisher wenig bekannten Aspekt des Kirchenkampfes.

„Ihr werdet meine Zeugen sein“, heißt das Buch, das im Matthiesen-Verlag erschienen ist. Altbischof Karl Ludwig Kohlwaage, Propst i. R. Manfred Kamper und Pastor i. R. Jens-Hinrich Pörksen haben die 20 Ausgaben der Breklumer Hefte gesammelt und zusammengefasst. „Breklum erweist sich als Glücksfall der BK“, heißt es im Vorwort. „Die Breklumer Mission ist unabhängig von der Landeskirche, hat eine eigene Druckerei, und sie ist von ihrem Auftrag her immunisiert gegen eine völkisch-nationale Kirche.“ In sehr hoher Auflage von bis zu 100.000 Exemplaren wurden die Breklumer Hefte gedruckt und verteilt.

„In Breklum spielte der Widerstand eine große Rolle“, erklärt Manfred Kamper. Die Breklumer Mission – damals ein selbstständiger Verein – schloss sich früh der Bekennenden Kirche (BK) an. „Es gab gemeinsame Ziele“, so Kamper. Die Gleichschaltung von Lehre und Organisation der Kirche durch die Nationalsozialisten galt beiden als nicht mit dem Evangelium vereinbar. Die Autoren – überwiegend Pastoren aus dem ländlichen Raum – äußern sich dezidiert und furchtlos kritisch zum Nationalsozialismus. So setzt sich zum Beispiel Hans-Albert Adolphsen theologisch mit Hitlers Blut-und-Boden-Ideologie auseinander, ein Sonderheft nimmt Gustav Frenssens Buch „Der Glaube der Nordmark“ auseinander.

Aber so sehr die kritische Haltung der Autoren auch Respekt verdient, so problematisch bleiben die antisemitischen Äußerungen vom späteren Bischof Wilhelm Halfmann, wenngleich er führender Kopf der BK in Schleswig-Holstein war. „Die Judenfrage hat eine erschreckend geringe Rolle gespielt“, stellt Kamper fest.

Die Breklumer Hefte dokumentieren eine „Gemeindebewegung von unten“, so Kamper. Sie seien als Zeugnis einer wichtigen Epoche der Zeit- und Kirchengeschichte auch Impuls zur Stärkung der Gemeinde heute.

Zeitgleich mit dem Sammelband erscheint die Dokumentation „Was er euch sagt, das tut!“, die sich mit dem Wiederaufbau der schleswig-holsteinischen Landeskirche nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Am morgigen Mittwoch (30.) sollen nun beide Bücher der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Stephan Richter, ehemaliger Chefredakteur des sh:z, wird in einem Vortrag die Breklumer Hefte als Medienereignis herausstellen. „Wer die Neuerscheinung liest, merkt schnell: Es gibt keine einfachen Antworten auf die Frage nach der Rolle der Kirche in der NS-Zeit“, sagt er im Vorfeld. Der Gesamtblick, den diese Neuauflage ermögliche, zeige, „dass es viel Mut und ein großes Bemühen der Autoren der Schriftenreihe gab, auch unter dem Druck der Nationalsozialisten ‚Flagge‘ zu zeigen und Position zu beziehen.“ Die Veranstaltung beginnt um 11 Uhr im Christian-Jensen-Kolleg in Breklum. Nähere Informationen unter www.geschichte-bk-sh.de.

Solidarität mit betroffenen Pastoren

Der Arier-Paragraf von 1933 bestimmte, dass im öffentlichen Dienst – insbesondere als Beamter – nur beschäftigt werden durfte, wer arischer Abstammung sei, also keinen jüdischen Großeltern- oder Elternteil habe. Die Deutschen Christen führten diesen Paragrafen in der Altpreußischen Union auch für Kirchenämter ein. Der Pfarrernotbund rief zur Solidarität mit betroffenen Kollegen auf, reichsweit schloss sich ihm ungefähr ein Drittel der Pastoren an. Aus dem Pfarrernotbund entstand 1934 mit der Barmer Bekenntnis-Synode die Bekennende Kirche.

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