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Nordfrieslands Geschichte : Wenn Zufälle zur Sensation werden

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Für Archäologie-Fans gab es 2016 in Nordfriesland viel zu entdecken. So sorgten der Rungholt-Schädel und ein Steinzeit-Fund für Schlagzeilen.

Was hat die Nordfriesen im vergangenen Jahr bewegt? Die Rungholt-Ausstellung gehört auf jeden Fall dazu. Doch die Schau im Husumer Nordsee-Museum ist nicht die einzige Attraktion für Freunde der Archäologie.

 

Ein Totenschädel und ein Steinzeitbeil. Beide waren lange Zeit in Vergessenheit geraten. Und doch sorgten beide in diesem Jahr bundesweit für Schlagzeilen, als sie wieder aus der Versenkung auftauchten.

Doch von vorn: Als der Nordstrander Heimatforscher Andreas Busch einen Totenkopf im Watt fand, schrieb man das Jahr 1921. Schon damals war klar, dass der Schädel einem Bewohner der 1362 versunkenen Stadt Rungholt gehören musste. Mehr als 90 Jahre lag der Kopf mit der Inventarnummer K 4064 unbeachtet im Husumer Nordsee-Museum – bis er auf ganz besondere Art und Weise wieder ins Rampenlicht gerückt wurde. Das Museum beauftragte Anfang des Jahres die Frankfurter Rechtsmedizinerin Dr. Constanze Niess damit, den Kopf nach wissenschaftlichen Maßstäben zu rekonstruieren und ihm
damit wieder ein Gesicht zu geben. Der aufgearbeitete Schädel des ältesten bekannten Nordfriesen wurde so zum Star der Sonderausstellung „Rungholt. Rätselhaft und widersprüchlich“, in der alle Aspekte der sagenumwobenen Stadt durchleuchtet sowie außergewöhnliche Funde und neue Forschungsergebnisse präsentiert werden.

Bereits nach der Eröffnung Ende Mai strömten in den ersten beiden Wochen mehr als 1000 Menschen in das Nordsee-Museum. Während 2015 rund 13.000 Besucher ihren Weg in die auch als Nissenhaus bekannte Einrichtung fanden, waren es Mitte Dezember 2016 rund 19.500. „Wir hoffen, dass wir zum Jahresende die 20.000-Marke knacken“, erklärt Museums-Mitarbeiterin Tanja Brümmer, die die Ausstellung maßgeblich mitgestaltete und die Idee hatte, den Schädel rekonstruieren zu lassen. „Wenn wir Ende Januar alles wieder abbauen, wird mir das Herz bluten“, gesteht die Archäologin. Noch bis zum 29. Januar ist die Sonderausstellung im Nordsee-Museum zu sehen.

Wissenschaftler sind gerade dabei, den Totenschädel genauer unter die Lupe zu nehmen. Die erste DNA-Analyse habe ergeben, dass der Rungholter tatsächlich helle Haare und Augen hatte, so Brümmer. „Die Wahrscheinlichkeit, dass er blond und blauäugig war, wie von Frau Niess dargestellt, ist also sehr groß“, sagt die 38-Jährige. Kürzlich haben Forscher aus dem Kieler DNA-Labor einen Zahn des Rungholt-Schädels mitgenommen, um weitere Tests zu machen. Die Ergebnisse sollen 2017 veröffentlicht werden.

Und was ist aus dem rund 10.000 Jahre alten Beil geworden, das die beiden Kieler Kurt und Elisabeth Kawohl vor Hallig Nordstrandischmoor im Spülsaum entdeckten? „Es befindet sich zurzeit in der Konservierung in Schleswig. Dort wird es analysiert. In ein paar Monaten werden wir wissen, wie alt das Beil wirklich ist und aus welchem Holz es gemacht wurde“, antwortet Brümmer. Für Archäologen gilt das steinzeitliche Werkzeug als Sensationsfund. Es lag vermutlich über Jahrtausende tief unter der Erde und war bloß kurze Zeit an der Oberfläche. Nur so können sich die Forscher erklären, warum das Beil so gut erhalten ist. Mitte 2017 soll das Museum eine Replik erhalten.

Dass sich das Ehepaar Kawohl nach dem Zufallsfund mit Forschern aus der Region in Verbindung gesetzt hat, sei die richtige Entscheidung gewesen, macht Brümmer deutlich. „Man kann nicht davon ausgehen, dass jeder weiß, wie er sich dann verhalten soll“, sagt sie. Ihr Tipp: Wer glaubt, etwas historisch Wertvolles entdeckt zu haben, sollte zunächst einmal ein Foto von dem Fundstück machen. „Optimal wäre es sogar, per Smartphone und GPS die Koordinaten zu ermitteln.“ Grundsätzlich gilt, dass Fundstücke aus dem Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer streng genommen dem Land gehören. „Wenden Sie sich am besten an das nächste Museum oder das Landesamt in Schleswig“, so Brümmer. „Solange sich der Gegenstand an der Oberfläche befindet, ist es uns lieber, wenn Finder ihn erstmal in ihre Obhut nehmen, damit er nicht durch schlechte Witterung oder Ähnliches zerstört wird.“ Von Ausgrabungen auf eigene Faust rät die Expertin aber ab. „Das ist streng verboten.“ Wer sich für das Thema interessiert, kann 2017 an einem Bestimmungs-Workshop teilnehmen. Den bietet Archäologe Philip Lüth im Nordsee-Museum an.

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erstellt am 28.Dez.2016 | 08:00 Uhr

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