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Husumer Nachrichten

23. Oktober 2017 | 23:05 Uhr

Husum : Wenn Wörter nur Stress auslösen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Analphabeten bekommen über verschiedene Angebote in der Husumer Volkshochschule Hilfe. Ein Betroffener erzählt.

von
erstellt am 05.Feb.2017 | 12:00 Uhr

Jens K.* ist ein Kämpfer. Auch deshalb ist seine Geschichte eine andere als die von vielen Betroffenen, die wie der 41-Jährige nicht richtig lesen und schreiben können. Sie werden funktionale Analphabeten genannt, da sie nur rudimentäre Kenntnisse besitzen. Bei Jens K. verschärft noch eine Legasthenie dieses Problem.

„Ich habe meine Brille vergessen – ich habe Kopfschmerzen und kann es nicht lesen.“ Jens K. kennt die Ausreden von Betroffenen. Er selbst hat sie nie benutzt. „Ich habe meine Schwäche immer zugegeben.“ Dass es unangenehm ist, jemanden darum zu bitten, zu erklären, was irgendwo geschrieben steht, verschweigt er nicht. Doch vielleicht war es gerade seine offene Art, die ihm mit Sechzehn den Weg in Lehre und Beruf geebnet hat.

Der Nordfriese hat einen Gesellenbrief als Maschinenbautechniker. Seine schriftliche Prüfung sei nach dem Multiple-Choice-Prinzip (Antwort-Wahl-Verfahren) abgelaufen, „und ich hatte wesentlich mehr Zeit als die anderen“. Im Handwerk liegt sein Talent – deshalb bekam er von den Ausbildern eine Chance. Er lerne über das Hören –„ich bin trainiert darin, alles gut zu behalten“. So konnte er auch seinen Führerschein erwerben – aus einer schriftlichen wurde bei ihm eben eine mündliche Prüfung.

„So hat sie mich gekniffen“, erzählt er, macht es mit einer Hand an der Wange vor. Sie – das war seine Lehrerin in der Grundschule, die ihn vor der ganzen Klasse für „blöd“ erklärt hatte. Das wird er nie vergessen. Die Verletzung hat Spuren hinterlassen. Jens K. teilt Menschen ein in solche, die Empathie haben und sich nicht über die Schwächen anderer lustig machen, und solche, die dies tun und deshalb „kein Niveau“ haben.

Drei „Ehrenrunden“ als Abc-Schütze, dann musste er die Sonderschule besuchen. Dort lief es besser – „ich hatte weniger Druck und Stress“. Zum Durchbruch kam es aber nicht. – Spätestens in der dritten Klasse können Kinder Texte lesen und schreiben. Da eine individuelle Förderung von Nachzüglern kaum möglich ist, drücken Lehrkräfte über bessere Noten ein Auge zu, betroffene Kinder und Jugendliche werden durchgereicht, heißt es vom Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung.

Im Gegensatz zu häufigen Berichten von funktionalen Analphabeten kommt Jens K. nicht aus einer bildungsfernen Schicht. Im Elternhaus wurde gelesen und der Sohn an Bücher herangeführt. „Meine Mutter hat mit mir auch Diktate geübt – am Ende waren wir beide frustriert.“

Für einen Hauptschulabschluss hat es am Ende gereicht. Der 41-Jährige ist davon überzeugt, dass er heute keinen Ausbildungsplatz mehr bekommen würde. „Ohne mittleren Schulabschluss kann keiner mehr Bäcker werden. Keiner guckt auf das, was Du kannst, so wie damals bei mir, sondern nur auf das Zeugnis.“

Er hat vor Kurzem seine Arbeitsstelle als Bremsschlosser verloren. Jetzt möchte Jens K. Bestatter werden und sobald es geht, eine entsprechende Fachschule besuchen. Dafür muss er die Welt der Wörter erobern.

Dabei begleitet ihn seit Kurzem Jochen Dasecke. Der Programmbereichsleiter für Sprachen in der Volkshochschule Husum unterrichtet Jens K. ebenso wie vier andere Männer in einem speziellen Kursus für Ungeübte – diese Gruppengröße ermöglicht eine gezielte Förderung. Rund 20 Männer und Frauen – letztere sind in den verschiedenen Angeboten in der Minderheit – haben den Mut gefunden und besuchen zurzeit die Einrichtung, um endlich Lesen und Schreiben zu lernen. Für ihren Unterricht gibt es spezielle Bücher mit kurzen Sätzen, getrennt durch größere Abstände für eine vereinfachte Darstellung. Jens K.: „Wenn Du dieses Handicap hast, kürzt Du ab, wo es geht. Aber dann fehlen Dir Wörter, und Du verstehst lange Sätze nicht richtig.“

In Deutschland sind nach Angaben des Bundesverbandes etwa 7,5 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren funktionale Analphabeten. Wer einen Menschen in Nordfriesland kennt, der dieses Problem hat, sollte ihn auf die VHS-Kurse aufmerksam machen. Näheres gibt es unter Telefon 04841/835960 (Dasecke).

*Name von der Redaktion geändert

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