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Husumer Nachrichten

16. Dezember 2017 | 04:50 Uhr

Behrendorf : Wenn Tiere die Erinnerung wecken

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Anke Thomsen-Wohlert bietet in Behrendorf auf ihrem Bauernhof Betreuung für Demenzkranke an, um die Angehörigen für ein paar Stunden zu entlasten.

Als der alte Mann aus dem Auto steigt, ist er verunsichert. Mit diesem Bauernhof am Rande von Behrendorf kann er auf den ersten Blick nichts anfangen. „Waren wir schon mal hier?“, fragt er seine Tochter, die ihren dementen Vater behutsam zum Haus führt, wo Anke Wohlert-Thomsen beide herzlich willkommen heißt. „Kennen wir uns?“, fragt er sie verwirrt und nickt beruhigt, als ihm die Tochter mit den Worten „Alles gut, Papa. Wir wollen uns hier nur die Tiere anschauen“ über den Rücken streicht. „Aber erst trinken wir zusammen Kaffee“, erklärt die Hausherrin. Bereitwillig lässt sich der alte Herr in die gute Stube führen. Den Kuchen isst er mit sichtlichem Appetit, doch dann hält er es am Tisch nicht mehr aus. Unruhig wandert sein Blick durch den Raum und bleibt an einem Käfig hängen, in dem kleine Fellbündel hin und her huschen. Die Bauersfrau fängt seinen Blick auf. „Wollen wir die Meerschweinchen mal streicheln?“, fragt sie und holt eines direkt an den Tisch. Versonnen berührt er das weiche Fell und fragt plötzlich aufgeregt: „Wo sind die anderen Tiere?“

Anke Wohlert-Thomsen führt ihn hinaus auf die Terrasse, wo Hofhündin Lilly ihre Streicheleinheiten einfordert und Kaninchen in einem Verschlag vor sich hin mümmeln. Weiter geht es über den Hof, in den Stall und auf die Weide zum Vieh, und dann zu den neu geborenen Kälbern. Die Augen des betagten Besuchers sind jetzt ganz wachsam, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Halten Sie dem Kleinen mal einen Finger hin“, ermuntert die Landfrau den Mann, der dieser Bitte vorsichtig nachkommt und überrascht juchzt, als das Kälbchen kräftig an seinem Finger zu nuckeln beginnt. Jetzt ist das Eis gebrochen: Er fängt an zu erzählen, von seiner Kindheit, die er auf einem Gut verbracht hat. Dass er schon früh beim Melken und in den Ferien bei der Ernte helfen musste und wieviel Spaß sie immer im Heu hatten. Erinnerungen blitzen auf und Wohlert-Thomsen nickt der staunenden Tochter zu. „Ziel erreicht“, scheint ihr Blick zu sagen.

Die Frauen wissen, dass es hier um viel mehr geht als um einen simplen Hofbesuch. Der Mann soll künftig regelmäßig herkommen und mit Hilfe ehrenamtlicher Betreuer sehen, riechen und spüren können, was ihm früher so vertraut war. „Viele Menschen, die durch Demenz nach und nach ihr Gedächtnis verlieren, waren früher selbst in der Landwirtschaft tätig. Tiere können in ihnen verschüttete Erinnerungen wecken. Die Sinne werden angeregt und noch vorhandene Ressourcen gefördert“, weiß Wohlert-Thomsen. 30 Jahre lang hat sie auf dem Hof der Familie mitgearbeitet. 2013 ließ sie sich zur Demenzbegleiterin ausbilden, vertiefte ihr Wissen in Seniorenheimen, absolvierte eine Ehrenamtlichen-Schulung und meldete sich schließlich für das Projekt „Der Bauernhof als Ort für Menschen mit Demenz“ an – eine Idee, die das Kompetenzzentrum Demenz Schleswig-Holstein gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer entwickelt hat.

„Unser Angebot richtet sich nicht nur an Heime und Wohngemeinschaften, in denen Demenzkranke leben. Genau so sind wir für alle Privatpersonen da, die zu Hause demente Angehörigen betreuen und diese von Zeit zu Zeit gut untergebracht wissen möchten. Während sie selbst zum Einkaufen, zum Arzt oder zum Friseur fahren oder auch schlichtweg nur ein bisschen Zeit für sich selbst haben möchten“, sagt Wohlert-Thomsen. Im Mai bietet sie an jedem Donnerstag von 14.30 bis 17.30 Uhr einen Schnuppernachmittag an. „Wer sehen möchten, was wir mit den uns anvertrauten Menschen vorhaben, kann sich unter Telefon 04843/1475 dafür anmelden“, sagt sie und zählt mögliche Aktivitäten auf: beim Melken zuschauen, Kälbern füttern, Stroh einstreuen, Kräuter säen, Gemüse ernten oder Waffelteig machen. Klönschnack an der Kaffeetafel steht ebenso auf dem Programm wie Erinnerungsspiele, Geschichten und Gespräche. „Jeden Tag gestalten wir individuell, so wie es sich unsere Gäste gerade wünschen“, verspricht sie. Pro Person kostet die dreistündige Betreuung inklusive Kaffee und Kuchen 37,50 Euro. „Das Geld strecken die Angehörigen vor. Sie bekommen es von der Pflegekasse erstattet“.

Der Behrendorfer Hof ist erst der dritte, der sich in Schleswig-Holstein an dem noch sehr jungen Projekt beteiligt. Als erster Betrieb bekam der Hof Petersburg im Kieler Randgebiet die Anerkennung als „niedrigschwelliges Betreuungs- und Entlastungsangebot“, dann folgte ein Alpaka-Hof im Lauenburgischen und nun der Milchvieh- und Mastbetrieb Wohlert-Thomsen in Behrendorf-Feld, Osten 1. „Ich hoffe, dass unsere Idee gut angenommen wird und sich mit der Zeit vielleicht sogar Gruppen bilden, die sich hier regelmäßg treffen“, sagt Wohlert-Thomsen, die verzweifelten Angehörigen vor allem Mut machen möchte: „Man darf nie aufgeben“, sagt sie.


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