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Zeitintensives Ehrenamt : Wenn Politik die Freizeit füllt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Wie viele Stunden verbringen Husums Stadtpolitiker eigentlich auf Ausschuss- und anderen Sitzungen, wie viel Zeit kostet sie ihr Ehrenamt? Wir haben nachgerechnet.

Eigentlich gibt es ja kaum etwas Undankbareres als das kommunale Ehrenamt: Viel Verantwortung, Dauer-Zwist mit den Fraktionen der anderen Parteien, ständige Kritik von Bürgern, denen die getroffenen Entscheidungen nicht passen, regelmäßige Schelte in der Zeitung – und es kostet Zeit, sehr viel Zeit sogar. Wir haben uns einmal die Sitzungsprotokolle der Husumer Stadtvertretung und der Ausschüsse von vergangenem Jahr angeguckt und zusammengezählt, wer denn am meisten Zeit in seine politische Tätigkeit investiert hat. Dabei haben wir uns auf die gewählten Stadtvertreter beschränkt und die bürgerlichen Ausschuss-Mitglieder außen vor gelassen. Und weisen darauf hin, dass nur die Spitze des Eisbergs zu sehen ist, denn jede Sitzung muss ja in den Fraktionen gründlich vorbereitet werden und das Lesen von Vorlagen und Protokollen verschlingt manch weitere Stunde.

   „Da kommt immer noch mal der doppelte bis dreifache Ansatz hinzu“, sagt SPD-Fraktionschef Horst Bauer. Er muss es am besten wissen, denn mit 70:28 Stunden Sitzungszeit liegt er einsam an der Spitze aller Stadtverordneten. „Das nimmt einen schon völlig in Beschlag – für andere Hobbys bleibt da kein Raum.“ Zumal er zwar in Husum wohnt, aber zur Arbeit nach Flensburg pendelt. Früher habe er gerne fotografiert, aber dafür habe er schon lange keine Zeit mehr, so der 52-Jährige, der seit einem Vierteljahrhundert in der Stadtpolitik mitmischt, sich als „Generalist mit vielfältigen Interessen“ versteht und derzeit im Hauptausschuss, dem Umwelt- und Planungsausschuss und dem Finanz- und Wirtschaftsausschuss Mitglied ist. Und als einziger auch keine Sitzung dieser Ausschüsse ausgelassen hat. „Regelmäßige Präsenz bringt Informations-Vorsprung“, kommentiert er trocken. Ohne seine Familie – Bauer ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 18, 22 und 24 Jahren – sei dieses Engagement nicht möglich gewesen. „Da habe ich riesengroßes Glück, dass alle so mitziehen.“

   Auf den Plätzen zwei und drei bei der in die Politik investierten Zeit rangieren Peter Knöfler (SSW) und Hans-Christian Hinrichs (SPD), das Schlusslicht bilden Norbert Pfeiffer (SPD), Günter Weinreich (CDU) und Herbert Frommer (Linke). Wobei an der Person Pfeiffers schon festzumachen ist, wie eine solche Statistik täuschen kann: Denn er ist erst seit dem 31. Juli 2014 Stadtvertreter und war davor „nur“ bürgerliches Mitglied. Um dieses Manko wenigstens ein bisschen auszugleichen, haben wir seine Stunden, die er als solches im Finanz- und Wirtschaftsausschuss verbracht hat, mit eingerechnet. Ebenfalls mit einbezogen in unsere Tabelle wurden alle Zeiten, die der entsprechende Stadtvertreter als Gast in Ausschüssen verbracht hat, denen er nicht als stimmberechtigtes Mitglied angehört. Denn natürlich sind auch das Stunden, die der politischen Funktion geschuldet sind. Berücksichtigt wurden die Sitzungszeiten aus allen Ausschüssen und der Stadtvertretung, wobei jedes Mal die komplette Stundenzahl angerechnet wurde, auch wenn der Politiker mal nicht die ganze Sitzung anwesend war.

    Zur besseren Vergleichbarkeit gibt ein zweiter Info-Kasten Auskunft über die Sitzungsdauer der Stadtvertretung und der einzelnen Ausschüsse. Allerdings sagt diese Statistik nichts über die Effektivität aus. Denn ein Ausschuss, der besonders oft und lange tagt, muss das vielleicht ja so machen, weil sich die Mitglieder in endlosen Diskussionen zerreiben, an deren Ende kaum Ergebnisse stehen. Aber das wollen wir bei dieser Zahlenspielerei nicht annehmen.

   Natürlich gibt es eine Aufwandsentschädigung für die Stadtvertreter: 18,90 Euro pro Sitzungstag. Dabei ist es unerheblich, wie lange die Sitzung dauert. Und wie viele es an diesem Tag tatsächlich waren. Diese bescheidene Entlohnung kann also kaum die Motivation für besonders viel Sitzfleisch im Rathaus sein.

   Übrigens sollen hier noch zwei weitere, fleißig tagende Männer nicht unerwähnt bleiben. Da ist einmal Bürgervorsteher Peter Empen (SPD), der auf 40:14 Stunden Sitzungszeit kommt, zumeist als Gast in den Ausschüssen, aber auch als Vertreter für stimmberechtigte Mitglieder seiner Partei. Auch er hat natürlich keine Sitzung der Stadtvertretung ausgelassen. Und dann ist da noch Bürgermeister Uwe Schmitz, der sagt: „Ich versuche schon, bei so vielen Sitzungen wie möglich dabei zu sein.“ Und das ist ihm 2014 vortrefflich gelungen, denn mit stolzen 75:31 Stunden Sitzungszeit – darunter natürlich alle Zusammenkünfte der Stadtvertretung und des Hauptausschusses, in dem er kraft Amtes Mitglied ohne Stimmrecht ist – überflügelt er sogar Horst Bauer. Aber das ist ja auch etwas anderes: nämlich der Hauptberuf und kein Ehrenamt.

Zeit-Rangliste in Stunden

   1. Horst Bauer (SPD) 70:28
   2. Peter Knöfler (SSW) 64:40
   3. Hans-Christian Hinrichs (SPD)

62:13
   4. Inge Zimmermann (SPD) 61:54
   5. Alfred Mordhorst (CDU) 59:55
   6. Dr. Ulf von Hielmcrone (SPD) 58:57
   7. Hans-Jörg Thauer (CDU) 57:27
   8. Torsten Schumacher (SPD) 51:22
   9. Frank Hofeditz (Grüne) 49:25
10. Lothar Pletowski (CDU) 46:52
11. Reimer Tonder (WGH) 45:45
12. Jan Sörensen (CDU) 44:40
13. Helmut Stemke (WGH) 41:18
14. Ursula Vogt (Grüne) 41:04
15. Sven-Thomas Schmidt-Knäbel (CDU)

36:52
16. Carsten Zimmermann (SPD) 34:30
17. Rüdiger Hartwigsen (WGH) 33:54
18. Birgitt Encke (CDU) 33:08
19. Ralf Fandrey (CDU) 30:19
20. Dr. Barbara Ganter (Grüne) 29:02
21. Konrad Görsch (WGH) 27:47
22. Elke Kirchner (SSW) 27:17
23. Sönke Herrmann (SPD) 27:01
24. Antje Damschen (SPD) 26:04
25. Uwe Ehrich (SSW) 23:09
26. Christian Czock (CDU) 22:54
27. Norbert Pfeiffer (SPD) 21:59
28. Günter Weinreich (CDU) 17:16
29. Herbert Frommer (Linke) 8:14

Sitzungszeiten in Stunden

Stadtvertretung 13:12

1. Umwelt-/Planungsausschuss 26:03
2. Hauptausschuss 22:53
3. Bauausschuss 20:00
4. Finanz-/Wirtschaftsausschuss 13:20
5. Ausschuss Soziales/Jugend 11:30
6. Ausschuss Schule/Kultur/Sport 10:07
7. Werkausschuss 2:19

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erstellt am 06.Feb.2015 | 08:45 Uhr

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