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Messung der Erdanziehungskraft : Wenn im Wattenmeer der Schlick bebt

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Spezialisten des Bundesamtes für Kartographie ermittelten an 312 Messpunkten entlang der Westküste die exakte Erdanziehungskraft, damit Satelliten-Messungen nicht verfälscht werden.

shz.de von
erstellt am 19.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Nordstrand | Mit Wathose und Rucksack, flachen Booten und Amphibienfahrzeugen waren seit fast einem halben Jahr Mitarbeiter des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie (BKG) im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer unterwegs, um die Erdanziehungskraft zu messen. Denn: „Sie variiert von Ort zu Ort, da Sedimente, Gesteine und andere Materialien eine unterschiedliche Dichte haben“, erläuterte zum Abschluss der Aktion BKG-Experte Jan Müller. Sein Arbeitsgerät für den Außendienst ist ein sogenannter Gravimeter.

„Die Schweremessung oder Gravimetrie ist eine Methode, mit der das lokale Schwerefeld der Erde genau bestimmt wird“, erläuterte Müller beim Ortstermin auf Nordstrand bei Fuhlehörn. Aus der Summe aller „Schwere-Werte“ könne die physikalische Gestalt der Erde – das Geoid – abgeleitet werden.

Im schwer zugänglichen Watt hatte es bis zum April nur wenige Schwere-Messungen gegeben: Mit Unterstützung des Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz erfolgten seitdem mehr als 300. Der letzte Messpunkt an der Westküste trug die Nummer 312. „Die im Abstand von etwa drei Kilometern ermittelten Werte im Watt schließen eine große Datenlücke“, sagte Dr. Gunter Liebsch, Referatsleiter beim BKG. „Mit den Daten sind wir in der Lage, eine neue und präzise Höhenbezugsfläche zu berechnen.“ Lutz Christiansen vom Landesbetrieb wurde konkreter: „Wir können zum Beispiel Veränderungen des Meeresspiegels, der Wattflächen oder der Strände präzise mit dem Gravimeter berechnen. Beispielsweise kann so festgestellt werden, ob das Höhenwachstum im Watt mit dem Anstieg des Meeresspiegels Schritt hält.“

Jan Müller hat an den meisten Mess-Terminen in Deutschland teilgenommen. Aber auch auf Grönland und in der Antarktis hat der Fachmann schon gearbeitet. Müller: „Das Wattenmeer hatte aber einen ganz besonderen Reiz.“

Insgesamt waren drei Mess-Trupps mit jeweils drei Fachleuten unterwegs: Barfuß oder mit Wathosen ging es zu den vorgegebenen Rasterpunkten. „In unseren zehn Wochen haben wir einige Hundert Kilometer zurückgelegt“, berichteten Liebsch und Christiansen nicht ohne Stolz.

Selbst die Wissenschaftler wurden von ihrem Messgerät das eine oder andere Mal überrascht. „Bei einer Aktion schlug der Gravimeter so stark aus, dass wir sofort an ein Erdbeben dachten“, erläuterte Dr. Gunter Liebsch. Im Nachhinein stellte sich diese Vermutung als richtig heraus. Das Gerät hatte die Schwingungen eines Erdbebens im Grenzgebiet von Mexiko und Guatemala aufgefangen.

Nun wartet eine ganz andere Arbeit auf die Wissenschaftler: der Innendienst. Die Ergebnisse müssen ausgewertet werden – „und das ist eine hochkomplizierte Angelegenheit“, betonten beide unisono.

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