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Mensch des Jahres : Wenn Friesen wieder Pferd sein dürfen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Auf der Insel Nordstrand kümmern sich Kristina und Peter Schroeder um geschundene und kranke Reitpferde. Das Ehepaar sind unsere Kandidaten für die Wahl zum Mensch des Jahres des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags.

Ruhig und gelassen nähert sich die Friesen-Stute. Ein Pferd zum Verlieben mit seiner langen lockigen Mähne, dem typisch tiefschwarzen Fell und langen Behängen an den Beine. Sie schnobert zutraulich, aber vorsichtig an der ausgestreckten Hand und als es nichts zu fressen gibt, lässt sie andere Mitglieder der Herde den Neuling begrüßen. Der unbedarfte Besucher kann nicht glauben, dass dieses Pferd als gemeingefährlich eingestuft wurde, ihre Besitzerin große Angst vor ihr hatte. Nun lebt sie zufrieden bei Familie Schroeder auf Nordstrand. Um ihr und anderen Tieren dieser Rasse zu helfen, haben Peter und Kristina Schroeder die Friesen Nothilfe Nordstrand im vergangenen Jahr gegründet. Sie kümmern sich um Pferde aus schlechter Haltung oder wenn der Besitzer sein Tier aus finanziellen oder persönlichen Gründen nicht mehr halten kann. Aber auch wenn ein Pferd schwer krank ist, nehmen sie es bei sich auf, in der Hoffnung, dass Nordseeluft und Weidegang zur Genesung beitragen. 15 dieser Notfälle tummeln sich fröhlich auf den Weiden rund um den Hof direkt hinterm Deich im Elisabeth-Sophien-Koog. Mit dem monatlichen Mitgliedsbeitrag von zehn Euro finanzieren die Schroeders die Kosten. Der Verein hat mittlerweile 29 Mitglieder. Für die Pferde haben sich elf Paten gefunden.

„Als wir aus dem Kreis Steinburg hierher zogen, haben wir uns gesagt: Wir haben Zeit, wir haben Platz, wir können helfen“, sagt Peter Schroeder. „Darum kümmern wir uns um Pferde, die sonst keine Chance mehr hätten, vielleicht sogar zum Schlachter müssten.“ Helfen ist ihm schon sein ganzes Erwachsenenleben ein Anliegen: Er war Berufsfeuerwehrmann und flog einen Rettungshubschrauber. Seine Frau Kristina hatte als Tierarzthelferin immer wieder mit Vierbeinern in Not zu tun. Sie hat sich dann zur Tierheilpraktikerin ausbilden lassen. Und als ehemalige Turnierreiterin kennt sie sich mit Pferden bestens aus. Auch die beiden Töchter Lina (16) und Antonia (14) helfen mit.

Auf der Hansepferd 1980 verliebte sich Peter Schroeder, der sich bis dato in seiner Freizeit um das Pony seiner Tochter gekümmert hatte, in die Friesenpferde. Ein Exemplar dieser lackschwarzen Rasse kam auf ihn zugetrabt. „Da bebte die Erde, um mich war es geschehen.“ Er kaufte sich ein kleines Stutfohlen, das den Grundstock für seine Zucht bildete. Und Peter Schroeder entdeckte, wie menschenbezogen die Friesen sind. Sie gehen von sich aus auf den Menschen zu, das beeindruckt ihn und seine Frau auch heute noch. Er selbst ließ sich zum Gespannfahrer ausbilden und nahm auch an Turnieren teil. Heute besitzen die Schroeders acht Zuchttiere. Um aber möglichst vielen Friesen in Not helfen zu können, haben sie mit der Zucht ausgesetzt.

„Wir sind hier 25 Stunden am Tag mit unseren Pferden beschäftigt“, sagen beide schmunzelnd. Zwar laufen die auf der Weide in der frischen Nordseeluft, doch dennoch gibt es auf dem Hof gleich hinterm Deich im Elisabeth-Sophien-Koog viel zu tun. Futter muss gemacht und gebracht werden, Reparaturen warten, die Pferde müssen gepflegt und geritten werden. Zur Gesellschaft gehören noch drei Kurpferde, die sich von Ekzemen oder Atemwegserkrankungen erholen, und zwölf Shettys. „Das sind die Mitbringsel der Notfallpferde. Die wurden als Begleitpferd gehalten, damit der Friese nicht so einsam ist.“ Das erste Sorgenkind, das die Schroeders vor fünf Jahren aufnahmen, war Jolien. Sie hatte ein Fohlen und war fast verhungert. Man sieht es ihr heute noch an, dass sie einmal sehr schlechte Tage erlebt hat, doch nun läuft sie munter in der Herde mit. Und ihr Fohlen Haselin ist inzwischen groß und der Boss in ihrer Gruppe.

Zwei bis drei Anrufe pro Woche von Pferdebesitzern in Not bekommen die Schroeders. Manche drohen auch: Dann kommt das Pferd eben zum Schlachter, oder sie wollen Geld. Aber mehr als den symbolischen Euro bekommt niemand. Oberste Maxime von Peter und Kristina Schroeder: Sie wollen nicht nur dem Tier, sondern auch dem Menschen helfen. Und bei ihnen soll das Pferd Pferd sein dürfen.

Merry ist so eine Stute, bei der die Besitzer nicht mehr weiter wussten. „Sie war total verfettet, permanent lahm, hatte Husten und Ekzeme.“ Nun hat Merry abgespeckt, die Nordseeluft haben Haut und Lunge gut getan. Vielleicht fehlte ihr auch der Herdenkontakt, den brauchen Friesen unbedingt, genauso wie eine Bezugsperson. Wechselnde Reiter oder Besitzer sind gar nicht gut für sie. Als Schulpferde werden sie unglücklich. Und so suchen die Schroeder dann auch für jeden ihrer Notfälle eine Reitbeteiligung, die Zeit mitbringt und sich ganz auf das Tier einlässt. „Sie sind eben sehr menschenbezogen. Die würden auch abends bei uns auf dem Sofa sitzen, wenn wir sie ließen“, sagt Peter Schroeder. Ruhig genug wären sie dazu. Denn handfestes Gerangel gibt es unter ihnen nicht. „Da reichen meist die Ohren, um Konflikte zu lösen.“

Doch meist sind die Pferde sehr zufrieden, genau wie Familie Schroeder. Allerdings würde sie sich sehr freuen, wenn sich ein Schirmherr für ihren Verein fände. Sach- und Geldspenden sind jederzeit willkommen. Weitere Info unter www.friesengestuet-nordstand.de oder unter Telefon 04842/9019624.

Wer für das Ehepaar Schroeder seine Stimme bei der Aktion Mensch des Jahres abgeben will, wählt Telefon 01375-80401791-04 oder schickt eine SMS mit dem Inhalt: shz vote 04

 

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erstellt am 05.Dez.2016 | 12:00 Uhr

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