Zehn Jahre Schuldnerberatung im Kreis : Wenn die Schuldenfalle zuschnappt

Nordfrieslands Schuldnerberater mit ihren Verwaltungskräften und Landrat Dieter Harrsen (im Vordergrund, Mitte).
Nordfrieslands Schuldnerberater mit ihren Verwaltungskräften und Landrat Dieter Harrsen (im Vordergrund, Mitte).

Zehn Jahre Insolvenz-Beratungsstellen in den nordfriesischen Sozialzentren: Jedes Jahr bitten rund 900 Betroffene die Entschuldungs-Experten erstmals um Hilfe.

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23. Juni 2015, 13:30 Uhr

Wer hoch verschuldet und arbeitslos ist, hat es besonders schwer, wieder Arbeit zu finden. „Überschuldung gehört auch bei Langzeitarbeitslosigkeit zu den größten Vermittlungshemmnissen“, stellt Dieter Harrsen fest. „Deshalb“, so erklärt der Landrat bei einem Pressegespräch im Husumer Kreishaus weiter, „haben wir die Schuldnerberatung gleich bei der Gründung der nordfriesischen Sozialzentren im Jahr 2005 mit einbezogen: Wenn wir alle wichtigen sozialen Leistungen aus einer Hand anbieten wollen, können wir nicht auf sie verzichten.“

Schon seit Anfang der 1980er-Jahre finanziert der Kreis Nordfriesland eine Schuldnerberatung. Waren es anfangs zwei bei den Diakonischen Werken angesiedelte Stellen, arbeiten mittlerweile sieben Berater, unterstützt von fünf Verwaltungskräften, in diesem Bereich – und haben so viel Zulauf, dass neue Klienten zwei bis sechs Monate auf einen Termin warten müssen.

„Unsere Büros liegen in den fünf Jobcentern auf dem Festland. Auf den Inseln bieten wir zusätzliche Sprechstunden an“, erläutert Raino Heemeier, der Schuldnerberater des Sozialzentrums in Leck. „Wir sind nicht nur für Arbeitslose da, sondern für alle Menschen mit hohen Schulden. Unsere jüngsten Klienten sind 18 Jahre alt, die ältesten über 80“, betont er.

In Schleswig-Holstein gelten 250.000, in Nordfriesland 14.700 Menschen als überschuldet. Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre melden sich per anno knapp 900 Betroffene neu bei der Schuldnerberatung des Kreises an. Selten ist es mit nur einem Beratungsgespräch getan: In den meisten Fällen dauert die Betreuung länger als ein Jahr. Zählt man neue und laufende Verfahren in Nordfriesland zusammen, ergeben sich rund 1440 im Jahr. Die Berater stellen fest, dass die Fälle zunehmend komplexer werden: Sind die Klienten etwa in Einrichtungen untergebracht, eskalieren innerfamiliäre Probleme oder werden sie psychisch betreut, verlängert das die Bearbeitungsdauer oft ganz erheblich.

Wer neu in die Schuldenfalle geraten ist und den Beratern seine persönliche Situation schildert, dem sitzen zum Teil bis zu 80 Gläubiger im Nacken – und viele davon drohen schon mit dem Gerichtsvollzieher. Vor einem Verbraucher-Insolvenzverfahren schreibt der Gesetzgeber den Versuch einer außergerichtlichen Einigung vor. „Wir organisieren dieses Verfahren für den Kunden. Nachdem wir gemeinsam mit ihm seine Vermögensverhältnisse geklärt haben, schreiben wir sämtliche Gläubiger an und machen ihnen einen konkreten Vorschlag“, erklärt Heemeier. Bei Ablehnung des Verfahrens kann der Klient beim Gericht Privatinsolvenz beantragen – in Nordfriesland passiert dies 272 Mal im Jahr.

Da Vorbeugen besser ist als Heilen, bieten die Schuldnerberater auch Vorträge an, zum Beispiel in Schulen. „Vor allem unbedacht abgeschlossene Handy-Verträge bringen oft junge Menschen zu uns“, sagt Heemeier. Eine steigende Zahl alter Leute hingegen kommt mit ihrer geringen Rente nicht aus und kann zuvor eingegangene Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen. Diese Tendenz lässt sich bundesweit beobachten. Die meisten Klienten gehören allerdings zur Altersgruppe der 25- bis 50-Jährigen: Arbeitslosigkeit, Trennung, Scheidung, Sucht, gescheiterte Unternehmensgründungen oder schwere Krankheiten bis hin zur Erwerbsunfähigkeit treiben sie in den Schuldensumpf.

„Je früher die Leute zu uns kommen, desto besser“, erklärt Thomas Jensen. Er leitet das Sachgebiet „Sonstige soziale Hilfen“ in der Kreisverwaltung und koordiniert dort unter anderem die Schuldnerberatung. „Unser Hauptziel ist es, den Betroffenen zu helfen, ihre finanzielle Situation so in den Griff zu bekommen, dass sie nicht in die Privatinsolvenz gehen müssen. Wir können aber nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten – ohne eine gehörige Portion eigener Disziplin und Willenskraft erreichen wir nichts.“

Als anerkannte Insolvenz-Beratungsstellen werden die nordfriesischen Schuldnerberatungen vom Land gefördert: Es übernimmt die Hälfte der Gesamtkosten von rund 550.000 Euro. Ein weiterer Zuschuss von 25.000 Euro kommt vom Sparkassen- und Giroverband, den Rest trägt der Kreis.

„Gut angelegtes Geld“, betont Harrsen: Abgesehen von der sozialen Komponente, sorgten die Schuldnerberater dafür, dass die Gläubiger einen möglichst hohen Anteil ihrer Forderungen auch erhalten. Wer arbeitsfähig und seine Überschuldung losgeworden sei, habe größere Chancen, wieder einen Arbeitsplatz zu finden – und werde in der Lage sein, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen. Die öffentliche Hand spare Sozialkosten und die Wirtschaft freue sich über einen Konsumenten, der sich wieder etwas leisten könne. „Schuldnerberatung ist somit eine soziale Dienstleistung, die sich neben der Stabilisierung des einzelnen Klienten auch positiv auf die Volkswirtschaft auswirkt.“


>Einrichtungen, die sich für Vorträge interessieren, wenden sich an Birgit Saß, Telefon 04841/666515.

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