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Grünes Land : Wenn die Natur entschädigt wird

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Landwirt Johann Christian Johannsen aus Achtrup überlässt als Rentner gut zu bewirtschaftende Flächen sich selbst – und füllt damit sein Ökokonto. Das wiederum bringt ihm bares Geld.

Rentnerleben in Sicht – und dann? Landwirt Johann Christian Johannsen aus Tettwang (Achtrup) stand vor ein paar Jahren vor dieser Frage. Seinerzeit hatte er Mutterkühe auf seinem landwirtschaftlich genutzten Grünland laufen und wollte sich gerne auch künftig um sie kümmern. Wie das gehen sollte, wusste er zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Bäume sollten her, auf einen Teil seiner mehr als 16 Hektar großen Flächen – damit er auch mit Eintritt ins Rentner-Dasein mit einem selbst angepflanzten Wald einen Rahmen für die Natur gesichert hätte.

Ein Treffen mit einem Förster sollte ihm Einblicke über die anstehenden Maßnahmen verschaffen. Mit dabei war auch Tonia Schmidt, eine Mitarbeiterin der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises. Sie empfahl dem Landwirt, die Flächen nicht als Wald umzufunktionieren, sondern als Ökokonto zu nutzen und damit Punkte anzusammeln. Johannsen fand den Vorschlag interessant, fuchste sich ins Thema hinein und dachte letztlich um. Im März 2011 begannen die Planungen für ein Ökokonto – mit dem Ergebnis, dass er sein Land inzwischen verpachtet hat und es als extensives Dauergrünland genutzt wird, teilweise auch als Biotopverbund. Die Maßnahmen zur Umstellung entwickelte Johannsen selbst, die Untere Naturschutzbehörde willigte stets ein.

„Es geht dabei viel um Vertrauen“, erzählt der Landwirt beim Gang über die Wiese hinter seinem Haus. Dass diese seit Jahren keinen Dünger, keine Spritzmittel und keinen Umbruch erfährt, ist an der fast leuchtend grünen Farbe des Grases zu sehen. Etwa tausend heimische und standortgerechte Gehölze hat der Landwirt im Rahmen des Ökokontos bereits gepflanzt. Davon zeigt er zig Reihen, die in den ersten Jahren von anderen Pflanzen freigehalten werden müssen. „Wenn die Kühe hier laufen, besuche ich sie täglich und habe dann immer eine Sense dabei“, erzählt er zur reinen Handarbeit. Damit säbelt er auch den Ampfer auf der Weide ab, denn Mähen mit landwirtschaftlichem Gerät ist alljährlich immer erst ab 1. Juli möglich – wegen des Rehwildes und der Brut der Vögel.

Die Rinder dürfen vom 1. Mai bis 1. November auf den Flächen grasen und sind mitsamt der Kälber ein Blickfang. Gerade dann, wenn der Mais hoch steht, erachten viele Menschen die Flächen als Oase der ursprünglichen Natur, erzählt Johannsen. Angesprochen auf die oft negativen Diskussionen über die Landwirtschaft in der Öffentlichkeit, schüttelt er den Kopf. „Ich mache mir darüber natürlich auch Gedanken und dann weiß ich, dass es kein Fehler war, mein Land umzuwandeln.“ Während des Fußmarsches zeigt er von ihm angelegte Gräben, Knickwälle und einen großen Teich mit einer Insel. „Durch mein Vorgehen habe ich die Flächen aufgewertet und dadurch mehr Punkte für mein Ökokonto bekommen“, sagt er erfreut.

Viele hat er nicht mehr. Die Ökopunkte können nämlich verkauft werden und dienen dann dem Käufer als Ausgleichsmaßnahmen für Bauvorhaben, die nur mit derartigen Ausgleichsflächen machbar sind. Der Nordfriese verkaufte seine unter anderem an mehrere Windparks im Naturraum Schleswigsche Geest. Weniger Punkte auf seinem Ökokonto bedeuten gleichsam mehr Bargeld auf seinem Bankkonto. Vieles von dem Geld führt er zurück in die Natur, indem er eben jene Anpflanzungen macht, Teiche ausbaggern lässt und vieles mehr. Die Flächen sind nach wie vor in seinem Besitz. „Man bleibt Eigentümer und die Untere Naturschutzbehörde sichert sich die Flächen im Grundbuch“, erklärt er. Zwar könnte er alles verkaufen, vererben oder verschenken, aber es würden Ausgleichsflächen im Sinne des Ökokontos bleiben.

Empfiehlt er Landwirten, umzudenken und es ihm gleichzutun? „Man muss hinter der Idee stehen und zwar zu hundert Prozent. Ich konnte schon etwa 15 Landwirte davon überzeugen.“ Johannsen ist keiner, der sich mit aller Gewalt gegen die konventionelle Landwirtschaft stellt. Er tauschte beispielsweise mit zwei Landwirten aus der Nachbarschaft Flächen. „Meine gut zu bewirtschaftenden Weiden gegen ihre Flächen, die Feuchtgebiete sind“, erzählt er – und auch, dass er diese dann in ein Ökokonto umgewandelt hat. Käufer von Ökopunkten müssen die strengen Auflagen erfüllen, die daran gekoppelt sind.

Die Untere Naturschutzbehörde und die Landwirtschaftskammer begleiten die Planungen und schauen auch nach der Umsetzung genau hin. Der Landwirt aus Achtrup hat selbst ein Auge darauf und entwickelt seinen persönlichen Naturraum immer weiter, so dass seine Flächen auf mittlerweile 19 Hektar angewachsen sind. Ab und an nehmen Leute Kontakt zu ihm auf und möchten seine Ökopunkte kaufen, auch zu Dumping-Preisen. „Da muss man schon standfest sein und hinter der Idee stehen.“ Vielleicht bleibt er deshalb auf den restlichen Punkten sitzen, aber für ihn wäre das kein Problem. „Sicherlich haben ohnehin viele gemeint, dass ich spinne und es egoistisch sei, gut zu bewirtschaftende Flächen der Natur zurückzugeben, anstatt sie zur Weiterbewirtschaftung zu verkaufen. Aber inzwischen weiß ich, dass es richtig war und ich mit mir vollkommen im Reinen bin.“

 

Punkte zu Verkaufen

Grundlage des Ökokontos ist das Naturschutzgesetz von Bund und Land. Für gewöhnlich erfolgt durch Baumaßnahmen ein Eingriff in die Natur, der nach den Regeln des Baugesetzbuches ausgeglichen werden muss. Das passiert normalerweise nach dem Eingriff. Möglich ist aber auch ein Vorgriff: Jemand renaturiert eine Fläche, bekommt dafür Ökopunkte und hofft, dass diese vom Verursacher eines Eingriffs abgekauft werden.

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