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Gebärdensprache-Kurs in Drelsdorf : Wenn die Hände sprechen können

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Imke Hansen bringt in ihrer Freizeit Grundschulkindern die Gebärdensprache bei. Selbst lernte sie die Fähigkeit, als ein Familienmitglied schwerhörig wurde.

Eine Handvoll Kinder und es ist so leise im Raum, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. „Ja, das geht“, sagt Imke Hansen und verrät auch wie: In ihrer Freizeit bringt sie Grundschulkindern die Gebärdensprache bei. Und die begreifen sehr schnell, dass sie nur dann richtig „hören, verstehen und mitreden“ können, wenn sie gut aufpassen. Manche Gebärden sind sich nämlich sehr ähnlich oder sogar gleich: Butter, Marmelade, Farbe beispielsweise – diese Begriffe werden jeweils mit streichenden Handbewegungen dargestellt. Und so ganz egal ist es ja nun auch nicht, was man da aufs Brot geschmiert bekommt. Das wissen schon die Jüngsten in diesem Kurs, daher studieren sie nicht nur die Handbewegungen von Imke Hansen, sondern schauen immer auch auf ihre Lippen, denn das gesuchte Wort wird stets lautlos mitgesprochen. Das erfordert eine Menge Konzentration. Und bringt Ruhe mit sich.

Schon in der zweiten Kursstunde können die Kinder ihren Namen buchstabieren, kleine Wünsche und Bedürfnisse mit „Ich mag…“- oder „Ich möchte…“-Gebärden ausdrücken und Tiere darstellen: den Hahn mit ausgestreckten Fingern als Kamm auf dem Kopf, den Hasen mit den Wackelohren oder auch die Schnecke, die ihre Fühler aus der geballten Faust herausstreckt. Der mit überkreuzten, wedelnden Händen dargestellte Schmetterling gefällt Jonna (6) besonders gut. Amelie (8) hingegen kombiniert oft blitzschnell die gerade gelernten Begriffe und überrascht Imke Hansen immer wieder mit einem vollständig gebärdeten Satz.

Am Ende der Stunde dürfen die Kinder ihrer Lehrerin noch eine Hausaufgabe geben: Jedes darf sich eine Gebärde wünschen, die Imke Hansen dann beim nächsten Mal als lustige Illustration für die Übungsmappen mitbringt. Das von ihr erfundene Nordfriesland-Schaf begleitet die Kinder den ganzen Kurs über, zehn Wochen lang. Und wer will, kann das Schaf auf Facebook besuchen, wo es täglich seine neuesten Erlebnisse in Bildern zeigt.

Die ersten von den Kindern geäußerten Wünsche waren noch recht einfach zu erfüllen: Wie gebärdet man Sonne, Milch, Wasser, Brot, Hund, Uhr und – natürlich – Cola? Doch die Neugier wächst mit jeder Stunde: Amelie möchte wissen, wie man „Spagat“ mit den Händen darstellt, Paul (10) will „Toilette“ und „Ballerina“ in zeigen können und der andere Paul (ebenfalls 10) das Wort „Gold“. Und für das nächste Mal bitte auch noch die Gebärde für „Glas mit Donnerkeil“.

Da muss Imke Hansen passen – Donnerkeil kennt sie selbst noch nicht. Aber sie weiß Rat: „Ich frage meine gehörlosen Freunde und zeige Dir die Gebärde nächstes Mal“, sagt sie und bringt dann Adrian (10) bei, wie er „CD-Player“ gebärdet: „Einfach die Buchstaben C und D und dann eine reibende Handbewegung, wie bei einem Plattenteller.“ Jonna (6) hingegen wünscht sich „Fliegen“ und staunt nicht schlecht, als ihr Imke Hansen zuerst zeigt, wie eine Fliege durch die Luft saust, und sie dann mit wedelnden Armen zum Fliegen in einem Flugzeug einlädt. „Ich habe mich schon immer für die Gebärdensprache interessiert“, sagt Imke Hansen auf die Frage nach ihrer Motivation, sich dieses Wissen anzueignen und weiterzugeben. Den Anstoß dafür gab einst ein Familienmitglied, das stark schwerhörig wurde: „Mir war wichtig, dass wir auch dann weiter miteinander sprechen können, falls er ganz ertauben würde.“ Gelernt hat die Drelsdorferin die Deutsche Gebärdensprache (DGS) im Husumer Theodor Schäfer-Berufsbildungswerk (TSBW). „Danach habe ich meinen Wortschatz mit gehörlosen Freunden, Büchern und Lern-CDs ständig erweitert“, sagt sie. Heute hat die Ergotherapeutin fast täglich Gelegenheit, ihre Kenntnisse zu nutzen, privat wie beruflich. Den Kindern bringt sie die Gebärdensprache spielerisch bei: „Mit einfachen Sätzen, Wörtern und Themen, für die Kinder sich interessieren, und die sie in ihrem Alltag anwenden können.“

Wenn jemand fragt, was es den Lütten denn bringt, Gebärden zu erlernen, sagt sie: „Vor allem bringt es den Kindern sehr viel Spaß.“ Aber natürlich gibt es noch andere Gründe: „Wir trainieren nebenbei automatisch die Hand-Hand- und Auge-Hand-Koordination. Auch die Feinmotorik kann so verbessert werden. Die Kinder lernen, sich zu konzentrieren und aufmerksam zu sein. Und sie erleben noch einmal ganz anders, wie es ist, die volle Aufmerksamkeit des Gegenübers geschenkt zu bekommen, wenn sie etwas erzählen.“

Sie begreifen schnell, dass eine Unterhaltung in Gebärdensprache nur möglich ist, wenn man sich einander zuwendet. „Wenn einer weiter Fernsehen guckt oder mit dem Handy rumspielt, dann ist ein Gespräch eher schwierig“, sagt Imke Hansen schmunzelnd. Sie weiß: „Aufmerksamkeit zu bekommen und zu schenken, das ist spannend und toll, und es stärkt das Selbstwertgefühl.“ Durch die Lebendigkeit der Sprache sowie durch Mimik und Gestik lernen die Kinder sehr viele Möglichkeiten kennen, sich noch besser auszudrücken und ihre Gefühle deutlich zu machen. „Tja, und das allerbeste Argument ist, dass Kinder sich mit anderen Menschen, die Gebärden können, ganz einfach unterhalten können. Auf diese Weise setzen sie sich auch aktiv mit dem Thema Toleranz anderen Menschen gegenüber auseinander. „Das finde ich stark und das macht stark“, findet Imke Hansen, die per E-Mail unter ihrer Adresse pirat@knisterschuh.de weitere Informationen gibt.

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