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Küstenputz im Nationalpark Wattenmeer : Wenn der Minister im Sand wühlt

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Hunderte Naturfreunde sammelten an 30 Orten zwischen Dänemark und Büsum säckeweise Müll. In St. Peter-Ording war auch Umweltminister Robert Habeck dabei.

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erstellt am 31.Okt.2015 | 08:00 Uhr

„Schauen Sie mal, das hier sind Überbleibsel von Scheuernetzen der Krabbenfischer, die liegen hier überall herum!“, ruft Robert Habeck mit leuchtenden Augen und hält eine orangefarbene Schnur in die Höhe. Der Umweltminister ist Feuer und Flamme. In Kapuzenpulli und Turnschuhen wühlt er im Dünensand nach allem, was nicht an den Strand gehört. Plastikfolie, Zigarettenkippen, leere PET-Flaschen – Stück für Stück liest er vom Boden auf und wirft es in einen riesigen Papier-Müllsack.

Rund 30 Naturfreunde haben sich am Freitag (30. Oktober) am Strandzugang Köhlbrand in St. Peter-Ording versammelt – für eine ganz besondere Mission: Sie wollen die Küste von Müll befreien. „Dies ist keine Schlips-und-Kragen-Aktion“, sagt der Leiter der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, Detlef Hansen, bei der Begrüßung der freiwilligen Sammler, unter die sich auch Naturschützer und Vertreter der Tourismusorganisationen gemischt haben. „Wir wollen den Nationalpark erleben und ihm mit unserer Aktion ‚Watt’n Müll‘ ein Geschenk zu seinem 30. Geburtstag machen.“ Sein Blick fällt auf Habeck, der bereits mit den Augen den Boden absucht. Der Minister will endlich loslegen, entsprechend kurz fällt seine Rede aus. „Der Müll belastet unsere Meere, Küstenlandschaften und insbesondere die sensible Natur in Meeresschutzgebieten wie unserem Nationalpark Wattenmeer. Plastik ist dabei das größte Problem. Denken Sie zum Beispiel an diese Plastik-Ringe von den Bier-Sixpacks – die liegen in 500 Jahren noch immer im Wasser“, macht der Grünen-Politiker deutlich. Dann heißt es aber auch schon „Auf in den Kampf“ und die bunte Truppe wird bewaffnet: mit neongelben Handschuhen und Abfallsäcken.

Doch nicht nur in St. Peter-Ording wird eifrig aufgeräumt. Mehrere hundert Menschen begeben sich an rund 30 Orten zwischen der dänischen Grenze und Büsum sowie auf vielen Inseln und Halligen auf Müllstreife. Organisiert wurde die Aktion vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) mit Sitz in Husum. Einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes zufolge landen pro Jahr bis zu 30 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren, davon 3,4 bis 5,7 Millionen Tonnen in Europa. Der Abfall schadet der Meeresumwelt, beeinträchtigt die Fischerei und wirkt sich auch auf den Tourismus aus. Plastikmüll ist besonders gefährlich: Seevögel, Meeressäuger und Fische können Plastikteile mit Nahrung verwechseln und mit vollem Magen verhungern – oder sie verheddern sich in Netzresten und ertrinken. „Die Analyse der Mägen von toten und angespülten Eissturmvögeln an der deutschen Nordsee in den Jahren 2006 bis 2010 hat ergeben, dass 97 Prozent Müll im Magen hatten, im Mittel 26 Plastikstücke“, berichtet David Fleet von der Monitoring-Abteilung des LKN und zeigt auf eine kleine Dose, in der er den Mageninhalt eines Eissturmvogels aufbewahrt.

Mittlerweile haben sich immer mehr Leute den Müllsammlern angeschlossen. Insa Wolfrum ist sogar extra aus Bremen angereist, um bei der Aktion dabei zu sein. Ihre Tante aus Schleswig hatte ihr davon erzählt. Urs Jascht ist aus Hamburg gekommen, nachdem er über Facebook von der Veranstaltung erfahren hat.

Habecks Müllsack ist bereits nach 30 Minuten halbvoll. „Ich hatte schon Ostertage, an denen ich weniger gefunden habe“, sagt er lächelnd. Wer sich mit ihm unterhalten möchte, muss in die Hocke gehen, denn er hat einen Muschel-Haufen gefunden, aus dem er Bonbonpapier herausfischt. „Jetzt sieht man, wie schwierig es für Vögel sein muss, zwischen Krebsen und Bonbonpapier zu unterscheiden – mir gelingt es ja selbst kaum“, murmelt er.

Nach rund anderthalb Stunden und drei Kilometern Strecke hat die Müllsammel-Truppe ihr erstes Etappenziel erreicht – die Seebrücke. Für den Umweltminister wird es Zeit, zu gehen. Er wäre gern noch länger geblieben, sagt er. Doch er habe noch eine offizielle Verabredung in Tönning. „Ich liebe Termine wie diese. Das Coole am Nationalpark ist nämlich, dass man nicht so viel reden muss, sondern anpacken kann“, sagt der Umweltminister noch, dreht sich um und macht sich dann auf dem Weg zu seinem Dienstwagen, der bereits auf ihn wartet.

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