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Gewalt in der Amtsstube : Wenn Bürger handgreiflich werden

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Nach den Rendsburger Todesschüssen werden auch in Nordfrieslands Behörden die Sicherheitsvorkehrungen überprüft. Für den Notfall – wenn Bürger handgreiflich werden – gibt es Alarmsysteme und Verhaltensregeln.

Die Bluttat im Rendsburger Finanzamt, wo ein Beamter erschossen wurde, schockiert das ganze Land. Auch unter Behördenmitarbeitern in Nordfriesland sorgt das Unfassbare für tiefe Betroffenheit und Gesprächsstoff. Vielerorts werden jetzt die Sicherheitsvorkehrungen überprüft.

Im Husumer Kreishaus werden diese aufgrund des aktuellen Vorfalls nicht weiter verschärft. Die Kreisverwaltung hat bereits seit Längerem ein elektronisches Alarmsystem, mit dem die Mitarbeiter bei Gefahr Hilfe herbeirufen können. Und: „In Teilen des sozialen und einigen anderen sensiblen Bereichen bieten wir den Mitarbeitern Schulungen im Umgang mit Bedrohungssituationen an“, erläutert Kreispressesprecher Hans-Martin Slopianka. Das gleiche gelte für die sieben nordfriesischen Sozialzentren.

Selten kommt es vor, dass Mitarbeitern Gewalt angedroht wird. „Helfen Deeskalationsbemühungen nicht, reagieren wir, je nach Situation, zum Beispiel mit Hausverboten oder Strafanzeigen“, sagt er. In einem besonders schweren Fall in 2013 hatte der Kreis gar ein Sicherheitsunternehmen beauftragt, wochenlang in einem Flur des Kreishauses Posten zu beziehen, um einen Mitarbeiter vor einem extrem aggressiven Bürger zu schützen, der mutmaßlich im Besitz illegaler Waffen war.

„Für diese Fälle haben wir einen stillen Alarm“, berichtet auch Holger Delfs aus dem Husumer Sozialzentrum und probt sogleich den Ernstfall. Im Büro einer Kollegin drückt er auf den Knopf. Keine drei Sekunden später springt die Tür auf und ein Kollege stürmt herein, um nach dem Rechten zu sehen. Ein zweiter folgt auf dem Fuß. Auf diese Weise würden sämtliche 56 Mitarbeiter des Sozialzentrums Husum und Umland in Alarmbereitschaft gesetzt. Auf ihren Computer-Bildschirmen leuchtet eine Lampe auf. „Das bietet zwar auch keine 100-prozentige Sicherheit“, räumt der Zentrums-Leiter ein. Aber es kann helfen, eine Bluttat wie die in Rendsburg zu verhindern.

„Handgreiflichkeiten sind bei uns keine Seltenheit“, berichtet Delfs. Zirka alle zwei Wochen müsse die Polizei anrücken, weil einem Klienten mit Argumenten nicht mehr beizukommen sei. „Verbale Auseinandersetzungen gibt es täglich.“ Deshalb sei es auch so wichtig, dass die Mitarbeiter schnellstmöglich reagierten, sagt er. „Es ist schon vorgekommen, dass binnen Sekunden zehn Leute im Büro einer bedrohten Kollegin standen.“ Die Benachrichtigung erfolgt geräuschlos, „weil Töne nicht selten unkalkulierbare Handlungen nach sich ziehen. Und wir wollen ja niemanden in die Flucht schlagen.“ Im Sozialzentrum gingen Menschen ein und aus, die finanziell und psychisch zum Teil schwer unter Druck stünden. „Und die sind mit unseren Entscheidungen lange nicht immer einverstanden“, weiß Delfs.

Als weitere Sicherheitsmaßnahme wurden alle Büros mit Verbindungstüren versehen, die im Bedarfsfall aufbleiben. „Und wenn ein besonders problematischer Fall ansteht, sind wir von vornherein mit zwei Personen vertreten.“ Obwohl ihm Menschen wichtiger sind als Statistik, versäumt Delfs nicht zu berichten, dass der Monatsbescheid für eine dreiköpfige Bedarfsgemeinschaft rund eine Stunde Arbeit in Anspruch nehme. Allein von diesen Gemeinschaften gibt es in seinem Zuständigkeitsbereich 2170, „hinter denen 3300 Menschen stehen“.

Um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, dass ein Gespräch eskaliert, nehmen auch die Mitarbeiter des Sozialzentrums Husums regelmäßig an Deeskalationstrainings teil. „Und manchmal beenden wir ein Gespräch auch vorzeitig und vereinbaren einen neuen Termin. Das alles schützt nicht vor Sachbeschädigungen. „Drei mal schon haben Klienten sich nicht an Mitarbeitern, sondern an deren Autos vergriffen. „Einmal auch an meinem“, gesteht Delfs und sagt: „Seither habe ich kein Wunschkennzeichen mehr.“

„Angst haben meine Mitarbeiter nach dem schrecklichen Vorfall im Rendsburger Finanzamt nicht“, sagt Claus Röhe, Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes Nordsee-Treene. Dennoch hat die Amtsverwaltung vorgesorgt, um es möglichst gar nicht erst zu bedrohlichen Situationen kommen zu lassen. Mit der Bildung des neuen Großamtes Nordsee-Treene mit rund 25 500 Einwohnern im Januar 2008, wurde auch eine neue Sicherheits-Software eingeführt. Sollten Mitarbeiter in ein unangenehmes Gespräch verwickelt werden, der Besucher renitent oder in irgendeiner anderen Form nicht einschätzbar auftreten, dann könne jederzeit ein Notfallknopf gedrückt werden. Sofort, so Röhe, würden Kollegen zur Unterstützung in das Büro kommen. Auch in den Bürgerbüros in Friedrichstadt, auf Nordstrand und in Hattstedt, gibt es diese Software, wobei Hattstedt noch eine besondere Rolle spielt, denn dort sitzt die Polizei mit im Haus.

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erstellt am 03.Sep.2014 | 13:00 Uhr

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