Sehnsuchtsort Gröde : „Weite Zeit“ auf einer kleinen Hallig

Mit ihrer Kamera im Vorland der kleinen Hallig Gröde: Annabelle Fürstenau bei der Arbeit.
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Mit ihrer Kamera im Vorland der kleinen Hallig Gröde: Annabelle Fürstenau bei der Arbeit.

Die Fotografin Annabelle Fürstenau hat einige Jahre auf Gröde gelebt und verabschiedet sich nun mit einer Ausstellung und einer Chronikarbeit.

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22. März 2018, 05:48 Uhr

Annabelle Fürstenau sammelt Bilder. „Von den Menschen, mit denen ich den Alltag teile, dem Land mit seinen Pflanzen und Tieren, dem Wasser und dem Licht.“ Und das geschieht in einer sehr kleinen Welt: auf Gröde – und ganz analog mit dem Pentax-Klassiker 67 – einer Mittelformatkamera – auf Farbnegativ-Material. „So bekommen die Fotos eine andere Seele.“

Seit Anfang 2013 lebt und arbeitet die Fotografin mit Unterbrechungen auf der Hallig. Mit ihr haben augenblicklich acht Menschen ein Zuhause auf dem kleinen Eiland. Und wie es sich für eine Absolventin der Kieler Muthesius-Kunsthochschule gehört – die 36-Jährige hat ein Diplom in Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie – widmet sie unter dem Titel „Weite Zeit“ ihrem Gröde eine Ausstellung.

Im Fokus der Präsentation stehe die Veränderlichkeit der „konzentrierten und klar strukturierten“ Hallig-Landschaft. Sie hat sich für eine menschenleere Natur entschieden: Ihre Motive strahlen eine Stille und Intensität aus, die an Gemälde erinnern. Übersicht prägt das Land – „es gibt eine klare Kante, man weiß, wo das Ende ist“ – dazu der Himmel mit Lichtbildern und Wolkengeschichten – und das weite Meer: Diese Kontraste machen den Reiz des Lebens mitten in der Nordsee aus – auch für die Künstlerin.

Zurzeit bewältigt Annabelle Fürstenau die Mammutaufgabe, aus mehr als 2000 Aufnahmen 30 Bilder auszuwählen. Diese werden von Ende März an zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt: im Stadtmuseum in Schleswig. „Die Leiterin hatte von meiner Arbeit gehört und mich direkt angesprochen.“

Aufgewachsen ist sie in Braunschweig. Doch das Meer zog Annabelle Fürstenau schon immer magisch an. „Nach dem Abitur stand für mich fest, dass ich ans Wasser wollte.“ Sie hat sich dann über die ostfriesische Insel Juist, wo sie Anfang 2000 ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvierte und danach noch ein halbes Jahr in einer Keramikwerkstatt lernte, nach Nordfriesland „hochgearbeitet“. Zunächst war Amrum eine Urlaubsadresse – „von dort habe ich die Hallig Langeneß gesehen“. Als Annabelle Fürstenau 2008 für das Schreiben ihrer Diplomarbeit einen Rückzugsort suchte, entschied sie sich aber für das noch kleinere Gröde. „Ich war sofort fasziniert von dieser Welt, die in Sichtweite vom Festland nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Schon, wenn ich von Bord der ‚Seeadler‘ gehe, habe ich das totale Glücksgefühl.“

Der Wunsch, wieder an diesen besonderen Ort zurückkehren zu dürfen, motivierte sie, sich 2013 bei der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein mit einer freien Arbeit über Gröde zu bewerben. Erfolgreich!

Unterstützung erhielt Annabelle Fürstenau auch von der Gemeinde Gröde: Denn die stellte der Halligbewohnerin auf Zeit zu Anfang die frühere Lehrerwohnung auf der Kirchwarft zur Verfügung. Als in dem Gebäude bauliche Mängel zutage traten, war die Fotografin zunächst Untermieterin und nach Umzug des Eigentümers zur einzigen Bewohnerin eines Hauses auf der Knudswarft geworden. Dort wird sie von Gästen immer wieder gefragt: „Wie halten sie die Einsamkeit nur aus?“ Annabelle Fürstenau schmunzelt und erzählt: „Ein Mann sagte mir einmal, dass er davor Angst hätte. Ich sagte ihm, dass er dann ja Angst vor sich selbst haben müsse. Denn darum geht es ja, man muss mit sich selbst etwas anfangen können.“

Als Halligfrau ist Annabelle Fürstenau nicht nur als Fotografin im Einsatz. Sie betätigt sich als Keramikerin – ihrer zweiten kreativen Leidenschaft –, als Fremdenführerin, Küsterin und Pensionsviehbetreuerin.

Nicht zu vergessen ihr selbst gewähltes Arbeitsprojekt zur alten Gröder Schulchronik. Dafür musste sie sich mit der Sütterlinschrift beschäftigen. – Es handelt sich um eine Schreibschrift, benannt nach dem Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin (1865-1917), die von 1900 bis etwa 1942 und dann noch einmal um 1954 in deutschen Schulen unterrichtet wurde. – Waren einzelne Passagen zu schwierig, standen ihr bei der Transkription Nachbarin Monika Mommsen und die Föhrerin Wilma Harksen zur Seite.

Die Aufzeichnungen, die Annabelle Fürstenau in lateinischer Schrift neu abgeschrieben hat, stammen aus der Feder von 20 Lehrerinnen und Lehrern und enden 1969: „In unregelmäßigen Abständen wurden wesentliche Ereignisse – wie die Heuernte – festgehalten. Leider ist der Band 1 für die Jahre 1882 bis 1924 mit Berichten von fünf Lehrern verschollen. 1924 war das Jahr der Gründung der Gröder Volksschule – die Hallig bekam mit Heinrich Albert August Voss ihren ersten Lehrer und hatte fortan keine eigene Pastorenstelle mehr.“ Ganz früher hätten die Seelsorger die Hallig-Kinder unterrichtet.

Beschrieben wurde in den Chronik-Heften beispielsweise der Bau der Schleuse, der am 9. Juni 1930 begann:

„Die Arbeiten wurden der Firma Harmsen in Husum übertragen. Zur Unterbringung der Arbeiter mußte eine zweite Baracke errichtet werden. Schuten brachten Pfähle, Granitblöcke, Ziegelsteine und Grand. Die Arbeiten konnten ohne wesentliche Störungen durchgeführt werden. Kurz vor der Vollendung wurde die Schleuse allerdings durch einen Sturm unter Wasser gesetzt. Die Erdwände stürzten ein. Trotzdem konnte der Bau am 28. August beendet werden. Die Schleuse mag etwa 35000 M gekostet haben. . .“

Auf ihre Telefonverbindung mussten die Gröder länger warten als geplant, da viele Meter Kabel einfach fehlten. . .

„Hallig Gröde bekam am 26.II.27 telefonische Verbindung mit dem Festland. Zwar ist die Leitung noch nicht ganz bis zur Warft gelegt. Die fehlenden 1700 m Kabel kommen erst im April. Es kann aber jetzt schon von Gröde aus mit dem Festland gesprochen werden; indem ein Streckenapparat an das auf der Halligkante (Appelland) freiliegende Kabelende automatisch angeschlossen werden kann. Von dort aus hat man direkten Anschluß nach Ockholm, Bongsiel, Fahretoft, Dagebüll u. Bredstedt. Jeder Ort hat sein besonderes Klingelzeichen. Die Verständigung ist im Orts- wie im Fernverkehr sehr gut. – Den im Mai eintreffenden Apparat wird die Posthilfsstelle N. H. Nommensen auf Knudswarft erhalten.“

Festgehalten sind auch Schulausflüge – „es ist beschrieben, als die Kinder zum ersten Mal einen Wald sahen“.

Im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte war Hermann Göring von Sylt aus mit einer Yacht nach Gröde gesegelt. Denn seine Schwester verlebte die Sommerfrische auf der Hallig. „Die Männer befanden sich alle auf dem Feld. Und so musste ein Knecht losgeschickt werden, sie zu holen, damit Göring empfangen werden konnte.“

Ein Vorabexemplar der Chronik wird in Schleswig ausgelegt sein. Pro Lehrkraft sind neben einer Transkription die Texte in der Originalhandschrift abgebildet – historische Fotos runden das Buch ab.

Parallel zu „Weite Zeit“ und zur Chronik hat Annabelle Fürstenau eine Ausstellung mit historischen Aufnahmen des Landesdenkmalamtes und mit Bildern von Theodor Möller (1873-1953) zusammengestellt: Der Schriftsteller und Heimatforscher Möller gilt als bedeutendster Fotograf Schleswig-Holsteins und hatte zweimal Gröde besucht. „Die Präsentationen beziehen sich aufeinander – von der Empore des Museums mit den alten Bildern blickt man hinunter in ‚Weite Zeit‘.“

Schleswig markiert für die 36-Jährige den Abschied von Gröde. Da sie den Norden lieben gelernt hat, bleibt die Fotografin in Nordfriesland und freut sich auf ein neues Zuhause in Niebüll. Ihr Sehnsuchtsort wird aber immer den Namen Gröde tragen.

Künstler brauchen Förderer: Dankbar ist Annabelle Fürstenau daher neben der finanziellen Unterstützung des Landes für Zuschüsse von der Stiftung Nordfriesische Halligen, der Sparkassen-Stiftung und vom Freundeskreis des Stadtmuseums.

„Weite Zeit“ von Annabelle Fürstenau wird am  Donnerstag, 29. März, 19 Uhr,  im Stadtmuseum in Schleswig (Friedrichstraße 9-11) eröffnet.  Einführende Worte spricht Rainer Danne (Städtische Galerie Iserlohn). Zu einem  Begleitprogramm   gehören eine Lesung am 21. April,  eine Halligfahrt nach Gröde   am 6. Mai, und eine Führung mit  der Fotografin am 27. Mai (Details: www.stadtmuseum-schleswig.de). Die Ausstellung ist vom 30. März bis zum 3. Juni zu sehen.

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