Langenhorn : Wechselvolle Geschichte

Die Gäste lauschen den Ausführungen von Pastor Guido Jäckel über die Restaurierung des Westerstegels.  Fotos: Rahn
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Die Gäste lauschen den Ausführungen von Pastor Guido Jäckel über die Restaurierung des Westerstegels. Fotos: Rahn

Einst war es ein belebtes Handels-Zentrum – heute prägen Kirche, Kultur und viel alte Bausubstanz den idyllischen Ortsteil West-Langenhorn.

shz.de von
10. September 2018, 15:11 Uhr

Wer sich mit der 3.200-Seelen-Gemeinde Langenhorn beschäftigt, kommt am Ortsteil West-Langenhorn nicht vorbei. Rund um den Marktplatz war einst das Zentrum, in dem das Leben pulsierte. Die Menschen wohnten und arbeiteten dort. Heute ist es ruhiger geworden. Dennoch haben Hausbesitzer viel Geld in die Hand genommen, um die historische Bausubstanz zu erhalten.

Unter dem Motto „Ein Dorf erzählt Geschichte“ haben die Ehrenamtler des Vereins Natur und Kultur um den Stollberg (Vorsitz: Heinrich Becker) sowie des Friesischen Vereins Langenhorn (Vorsitz: Olde Oldsen) zu einem Spaziergang in West-Langenhorn eingeladen. Sie staunen nicht schlecht, dass bei spätsommerlichem Wetter doch 90 interessierte Bürger, je zur Hälfte aus der Gemeinde und der ganzen Region dabei sind.

Wegen der großen Anzahl an Interessierten geht es in zwei Gruppen zu mehreren Stationen. Einer, der nicht nur die alte Substanz seines elterlichen Anwesens am Markt erhalten, sondern auch weiter dort arbeiten wollte und will, ist Bauunternehmer Christian Peter Petersen. Er berichtet an Ort und Stelle über das in vielen Jahrzehnten geförderte Wachstum des Betriebes. Die Firma sei in den 1920er-Jahren von seinem Großvater gegründet und später weiter von seinem Vater ausgebaut worden. Eine Halle entstand hinter dem Gebäude. 2001 sei er selbst Inhaber in dritter Generation geworden. Standortnachteile des typischen Familienbetriebes habe niemand gesehen und seien auch nicht entstanden. Seit 2016 besteht Glasfaseranbindung. Bis in die 1950er-Jahre hinein diente das Gebäude parallel auch als Gastwirtschaft. „Es war Leben drin“, so Petersen. 1904 entstand das Haus daneben, das bis 2007 als Bäckerei verschiedenen Besitzern diente. Petersen übernahm das Haus, baute es um. Heute beheimatet es eine Praxis für Logopädie und Physiotherapie. Seine Devise, so Christian Peter Petersen: Bestehende Strukturen erhalten und nicht immer alles abreißen und gänzlich neu bauen.

„Dass wir die alte Bausubstanz in West-Langenhorn so zeigen können, das ist Verdienst einzelner Menschen“, stellt Heinrich Becker fest. Ein zweites Beispiel für das Prinzip Arbeiten auf geschichtsträchtigen Grund ist die Alte Schmiede. Sie wurde 1968 vor dem buchstäblichen Zerfall gerettet: mit Hilfe vieler Sponsoren, Bürgern im Rahmen einer Initiative, dem Landesamt für Denkmalspflege sowie der Interessengemeinschaft (IG) Baupflege Nordfriesland und Dithmarschen und als Hauptakteur dem Maurermeister Martin Peter Hansen aus Bargum. Davon berichtet Annke Malcha. Seit 1993 ist das Gebäude wieder in der Hand eines Schmiedemeisters. Falko Drochner arbeitet hier.

Zeitzeugin Wiebke Ingwersen erinnert an eine dunkle Stunde in der Geschichte West-Langenhorns – den Brand zu Pfingsten 1959 auf dem heutigen Friedrich-Paulsen-Platz. Kurz nach Mitternacht sei sie durch Glockengeläut geweckt worden. „Ich wohnte an der Westseite schräg gegenüber dem Marktplatz und sah, wie fast alle Häuser brannten. Die Schmiede blieb verschont, aber daneben war ein Doppelhaus und dann kam ein Haus, wo drei Familien drin wohnten“, erinnert sie sich. Der Anwohner Hein Langenkemper habe versucht, einen Mann aus dem Dreifamilienhaus herauszuholen. Doch der sei verbrannt, nachdem die Decke eingestürzt war. In Nachbarschaftshilfe sei die Feuerwehr unterstützt worden. Auch die Häuser direkt an der Kirchhofmauer fingen Feuer. Die Bewohner konnten nur noch ihr Hab und Gut aus den Fenstern auf den Friedhof werfen oder hintragen. 55 Menschen waren in einer Nacht obdachlos geworden. Die Betroffenen kamen bei Nachbarn und Verwandten unter. Sie erhielten danach Hilfe und konnten in Neubauten einziehen. Langenkemper hörte in besagter Nacht nicht auf, Menschen zu helfen und zog sich dabei Brandwunden zu. Später wurde er für seinen selbstlosen Einsatz geehrt.

Olde Oldsen erinnert, dass ab 1634 drei Krammärkte erlaubt wurden, die für großen Umsatz sorgten und viele Bürger animierten, selbst hier Läden oder kleine Gastwirtschaften zu eröffnen. „Der Langenhorner Jahrmarkt war ein Ereignis, und Viehhandel war an der Tagesordnung. Wie es einmal ausgesehen hat, kann man so ein wenig erahnen, wenn beim jährlichen Sommerfest der große Flohmarkt sich an der Straße und um den Markt herum zieht“, so Oldsen.

Am Denkmal zu Ehren des in Langenhorn geborenen Friedrich Paulsen gegenüber der St. Laurentius-Kirche berichtet Ehrenamtler Volker Weinreich über den geistigen Vater des heutigen modernen Gymnasiums. Im Gotteshaus demonstriert Organist Christian Kerschies die große Klangfülle der Orgel. Karl Ingwer Malcha weiß vieles zur Geschichte des Instrumentes, des Altars und der Kanzel zu erzählen. Alles – einschließlich des 2014 restaurierten Westerstegels – sei von vielen Menschen zum Lobe des Schöpfers gestiftet worden. „Für die Kirche durfte es immer ein bisschen mehr sein“, so Malcha schmunzelnd. “

Die Veranstaltung ist ein voller Erfolg. Viele Besucher sitzen noch lange in der nahen Westermöhl zusammen, um sich weiter auszutauschen. Mit so viel interessanter Historie hatten viele von ihnen nicht gerechnet. „Wir sind bisher nur über die lange Dorfstraße oder die B 5 durchgefahren. In Zukunft gehen wir die Sache bewusster an“, sind sich Annegrete und Franz Meyer aus Husum einig. „Toll waren die Ausführungen der Referenten zu den verschiedenen Themen.“ Und damit sprechen sie vielen aus der Seele.




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