Wattwanderung in die Vergangenheit

Fündig geworden: Nationalpark-Wattführerin Cornelia Mertens (r.) begutachtet eine Tonscherbe.  Foto: rah
Fündig geworden: Nationalpark-Wattführerin Cornelia Mertens (r.) begutachtet eine Tonscherbe. Foto: rah

Zu den Resten der Siedlung Rungholt führte Cornelia Mertens in diesem Jahr insgesamt 248 Interessierte

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22. Oktober 2012, 07:24 Uhr

Nordstrand | "Was für ein schöner Herbsttag - mein letzter Urlaubstag", stellt ein wenig wehmütig Gerd Wittlinger aus Ulm fest. Der Nordstrand-Urlauber möchte zum Abschluss eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen. Nationalpark-Wattführerin Cornelia Mertens hat zur letzten Wattwanderung der Saison auf den Spuren Rungholts eingeladen. "Ich habe schon viele Wattwanderungen mitgemacht, aber dahin noch nicht", erklärt Wittlinger. Da er sich mit der Historie befasst habe, wolle er das Gebiet auch einmal sehen. Nina Gredin aus Halstenbek geht es ebenso. "Ich fand Rungholt schon als Kind interessant", sagt sie.

Fast windstill ist es am Treffpunkt Badestelle Fuhlehörn. Es lässt sich erahnen, dass die Sonne bald den wolkenverhangenen Himmel durchbrechen wird. Die Lufttemperatur ist um neun Uhr morgens mit zehn Grad angenehm. 13 Urlaubsgäste harren mit Gummistiefeln ausgerüstet der Dinge, die da kommen sollen. "Wir wollen eine Zeitreise in das Jahr 1362 machen. Unser Ziel ist die einstige Obbensbüller Kirche im versunkenen Rungholt-Gebiet. Wenn wir Glück haben, können wir viele Spuren der ehemaligen Kulturlandschaft sehen", verkündet Mertens nach der obligatorischen Sicherheitsbelehrung. Sie selbst forscht und beschäftigt sich seit 2006 intensiv mit Rungholt. Die meisten Führungen hätten in diesem Jahr, so berichtet Mertens, wegen hoher Wasserstände meist kurz vor dem Ziel abgebrochen werden müssen. "Es sieht diesmal gut aus", sagt sie.

Eine besondere Stimmung liegt in der Luft. Mit jedem Schritt in Richtung Vergangenheit wird bewusst, dass hier die Naturgewalten das Sagen haben und Respekt nötig ist. Pausen zwischendurch geben Gelegenheit zum Verschnaufen. Der Wattboden hat es in sich. Mancher versinkt knöcheltief, so dass tatkräftige Mithilfe angesagt ist. Immer geht Mertens voran, bleibt stehen, bis alle hindurch sind durch die so harmlos wirkenden Priele. Oft muss sie zugreifen, wenn die Strömung einmal mehr zupackt.

Die Pausen nutzt sie für lebendigen Geschichtsunterricht. Anhand von historischen und neuen Karten erzählt sie Spannendes aus der Forschung Andreas Buschs, dem Wiederentdecker Nordstrand, oder analysiert manche Scherbenreste, die die Besucher finden. Tobias Hildmann (11) aus Darmstadt hält so ein Relikt, eine Tonscherbe, in Händen. Wie ein Schneekönig freut er sich, als die Wattführerin sie als authentisch einstuft. Plötzlich tauchen sie auf, die alten Gräben der Siedlung Rungholt. Wie eingebrannt zeigen sie sich auf dem Wattboden. Wenige Meter sind es noch bis zur ehemaligen Kirche. Das GPS-Gerät der Wattführerin zeigt die Stelle an. Deutlich streift der Hauch der Geschichte über das Watt. Eine Schweigeminute gehört den Menschen, die damals bis zuletzt um Errettung gefleht haben müssen. "Sie haben keine Chance gehabt", so Mertens.

Schon mahnt sie zum zügigen Rückmarsch nach Nordstrand. Das Wasser beginnt aufzulaufen. Die Tonnen in der nahen Fahrrinne zeigen es an. Nach fast fünf Stunden erreichen alle den sicheren Ausgangspunkt. "Beeindruckend - Geschichte und Mythos zugleich", stellt der Gast aus Ulm fest. Die Führung habe ihm gefallen. Er habe einiges gehört, was er bisher noch nicht gewusst habe. "Ich bin sehr zufrieden. Es macht immer wieder Freude, Menschen Geschichte und Sagenwelt Rungholts näherzubringen", resümiert Mertens. In dieser Saison habe sie elf Führungen machen können. 248 Besucher waren dabei. Zum dritten Mal in Folge werde sie zwischen den Tagen eine Winterwattwanderung nach Rungholt anbieten. Der genaue Termin wird noch bekanntgegeben.

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