Rungholt-Tage : Watt ein lohnendes Forschungsfeld

Sigrid Carow mit einer Ofenkachel, die Robert Brauer vor der Hallig Südfall auf dem Meeresboden gefunden hat. Carow hat zusammen mit Hellmut und Rita Bahnsen sowie Peter Herschlein ein Buch über die „Schätze aus dem Watt“ veröffentlicht.
Sigrid Carow mit einer Ofenkachel, die Robert Brauer vor der Hallig Südfall auf dem Meeresboden gefunden hat. Carow hat zusammen mit Hellmut und Rita Bahnsen sowie Peter Herschlein ein Buch über die „Schätze aus dem Watt“ veröffentlicht.

Im Rahmen der zehnten Rungholt-Tage auf Nordstrand fand erstmals eine Experten-Konferenz statt. Das Siegel von Rungholt ging diesmal an den Nordstrander Hans-Harro-Hansen.

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28. August 2017, 12:00 Uhr

Früher, so heißt es, war das Leben weitaus beschwerlicher als heutzutage. Zumal, wenn die Menschen Naturgewalten wie dem Meer ausgesetzt waren. Dennoch gab es auch in alter Zeit die eine oder andere Annehmlichkeit. Ein Kachelofen beispielsweise war so eine Errungenschaft.

Die Sammlung archäologischer Fundstücke im Rungholt-Museum auf Pellworm enthält auch Hunderte Ofenkacheln, ganz oder bruchstückhaft. Sie sind Zeugnisse im 17. Jahrhundert untergegangener Siedlungen. „Am Kachelofen konnte man sich wärmen, und man hatte eine rauchfrei Wohnstube“, weiß Autorin Sigrid Carow. „Schätze aus dem Watt – Die Ofenkacheln aus dem Pellwormer Wattenmeer“ ist der Titel eines Buches, das am Wochenende bei den nunmehr zehnten Rungholt-Tagen vorgestellt wurde. Zusammen mit Hellmut und Rita Bahnsen sowie Peter Herschlein beschreibt Carow darin die Motive der verzierten Kacheln.

Zweieinhalb Tage lang, von Freitagnachmittag bis Sonntagabend, tauschten sich Rungholt-Experten auf Nordstrand über den neuesten Stand der Forschung aus und unternahmen zum Abschluss eine Exkursion nach Pellworm. Erstmals fand im Rahmen der Veranstaltung eine Konferenz statt, an der neben örtlichen Rungholt-Fachleuten auch Vertreter von Nationalpark und Archäologischem Landesamt teilnahmen. Bei sechs Fachvorträgen stand der „Wissenstransfer“ im Vordergrund, wie es Konferenzleiterin Cornelia Kost formulierte. Denn bei den Forschern vollzieht sich gerade ein Wandel. „Die ältere Generation tritt ab“, so die Nationalpark-Wattführerin. Und jenen, die in den nächsten Jahrzehnten weiterforschen, muss das Wissen übertragen werden.

Man habe das gemeinsame Ziel, die Kultur- und Naturlandschaft Wattenmeer zu erhalten, sagte Kost in ihrem Resümee. Das sei wichtig, mahnte sie, denn man laufe Gefahr, dass sich andere Interessengruppen ihrer bemächtigten. In erster Linie gemeint war die Energiewirtschaft. Prof. Dr. Thomas Steensen, Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt, sagte, es habe sich gezeigt, welch ein lohnendes Forschungsfeld das Wattenmeer sei. Die Konferenzteilnehmer verständigten sich darauf, sich im kommenden Jahr in dieser Konstellation erneut zu treffen, dabei aber auch die Öffentlichkeit stärker einzubinden.

Einer der Referenten zuvor war Albert Panten. Der Heimatforscher befasste sich einmal mehr mit der Kartierung der Landschaft Strand vor der verheerenden Sturmflut im Jahr 1362, bei der Rungholt versank. Er hat Urkunden und Akten ausgewertet und inzwischen elf Ortschaften „dahin gesetzt, wo sie hingehören“. Denn die bekannte Karte von Johannes Mejer aus dem Jahr 1652 enthält nach seiner Ansicht grobe Schnitzer. „Bei Mejer stand Wunschdenken an erster Stelle“, so Panten.

Dr. Hanna Hadler von der Universität Mainz, die zusammen mit Geophysikern der Uni Kiel die Landschaftsentwicklung um Rungholt untersucht, berichtete über Neuheiten ihrer Forschung. So ließen sich mit geophysikalischen Methoden wie der sogenannten Magnetik-Prospektion alte Deich-Strukturen erkennen. „Wir wissen wieder, wo sie liegen. Das ist eine wichtige Erkenntnis“, so die Wissenschaftlerin. Durchlässe im Deich legten den Schluss nahe, dass dort die Schleusen waren. Dies sei ein guter Anhaltspunkt für die weitere Forschung.

Auszeichnung für passionierten Inselforscher

 

Zum sechsten Mal in Folge verliehen die Organisatoren der Nordstrander Rungholttage, die Ehrenamtler des Handels-, Gewerbe- und Vermietervereins (HGV) Nordstrand und die der Rungholtgesellschaft, den Rungholtpreis. Diesmal zeichnete Wolf-Dieter Dey, ehrenamtlicher Leiter des Inselmuseums, den 78-jährigen Nordstrander Hans-Harro Hansen aus.

Schon immer sei Hansen Sammler und Forscher gewesen, erklärte Dey in seiner Laudatio. In der Schule habe er gern Aufsätze geschrieben und sich mit deutschen und griechischen Götter- und Heldensagen befasst. So kam es, dass der einstige Fischer – 15 Jahre war er mit einem eigenen Kutter unterwegs – einige Bücher verfasste. Der Kutter kam übrigens im Film „Der Pfarrer von St. Pauli“ mit Hans Albers zum Einsatz. Von 1979 bis 1993 war Hansen Kapitän sowie nautischer Berater auf der „Norderhever“, dem Vermessungsschiff des heutigen Landesbetriebes für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN).

Als Beispiel für Hansens Wirken nannte Dey die Biografien von Sigge Paulsen, Wohltäter für Sozialschwache, und des Begründers der Rungholt-Forschung, Andreas Busch, der Pfingsten 1921 auf konkrete Spuren der in der ersten Mandränke 1362 untergegangenen Siedlung Rungholt stieß. Es folgte das Sturmflutbuch „Nordstrand durch Deiche geschützt“, die Novelle „Keiner kann aus seiner Haut“ und weitere historische Veröffentlichungen. Hansen war Mitbegründer des Nordstrander Heimatvereins sowie der Archivgruppe, zeitweise deren Leiter, und Gründer der Sigge-Paulsen-Stiftung für hilfsbedürftige junge Menschen der Region. Ideengeber sei er für die Umsetzung des Rungholtmodelles im Inselmuseum, den Erwerb der bedeutenden „Nordfriesischen Chronik“ von Anton Heimreich und der Herstellung eines Gedenksteines für Andreas Busch gewesen. „Du hast die Erinnerungen an herausragende Menschen nicht nur veröffentlicht, sondern hast Konsequenzen für dich gezogen. Busch und Paulsen sind Ansporn gewesen, im historischen und sozialen Bereich aktiv zu sein, um in der Gegenwart etwas für die Zukunft zu tun“, so Dey.

Hansen bedankte sich und sagte: „Ich habe das alles für meine Insel und ihre Einwohner getan.“

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