Ernstfall-Probe in Husum : Was tun, wenn ätzende Essigsäure austritt?

Wegen der Kontaminationsgefahr ist schnelle ärztliche Hilfe in diesem Fall nicht möglich. Die „Verletzten“ werden deshalb auf einer Freifläche zwischengelagert und können erst abtransportiert werden, wenn die Gefahrgut-Truppe das Dekontaminationszelt aufgebaut hat.
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Wegen der Kontaminationsgefahr ist schnelle ärztliche Hilfe in diesem Fall nicht möglich. Die „Verletzten“ werden deshalb auf einer Freifläche zwischengelagert und können erst abtransportiert werden, wenn die Gefahrgut-Truppe das Dekontaminationszelt aufgebaut hat.

Großübung mit acht kontaminierten „Verletzten“: Notärzte und Gefahrgut-Löschzüge aus den Kreisen Schleswig-Flensburg und Nordfriesland proben das Zusammenspiel nach einem Betriebsunfall.

shz.de von
06. Juli 2015, 16:00 Uhr

Bei Außentemperaturen von 32 Grad simulierten acht Leitende Notärzte aus dem Kreis Schleswig-Flensburg und der dortige Sanitätszug der Johanniter Unfallhilfe (JUH) mit nordfriesischen Einsatzkräften einen schweren Betriebsunfall. Als ideale Fläche bot sich für diese Großübung das 1,8 Hektar große Gelände der Kreisfeuerwehrzentrale in Husum an. Dass in Nordfriesland dem Landkreis selbst die originäre Aufgabe des Rettungsdienstes obliegt und diese im Nachbarkreis per Vertrag auf den DRK-Kreisverband übertragen ist, spielt keine Rolle, wenn die Rettungsdienste „von hüben und drüben“ an den Einsatzstellen immer wieder zusammenarbeiten.

Angenommen wurde eine geplatzte Leitung, die zu einem größeren Tank mit Essigsäure führt. Zunächst einmal wurden die acht Verletzten-Darsteller von Andres Michael Bernhardt (Berater Fachbereich Pflege, Notfallmanagement und Arbeitsschutz beim BBF-Forum GmbH) mit Lebensmittelfarbe geschminkt – und mussten dabei auch gleich alle lautstarke „Schrei-Proben“ absolvieren. Dann begaben sich die „Verletzten“ Markus de Feber, Kai Mandau und Kollegen an ihren „Einsatzplatz“. Unter den diesbezüglichen Darstellern befand sich auch die Leiterin des Löschzuges Gefahrgut (LZG) aus dem Kreis Schleswig-Flensburg, Annelie Sievers. Die Einsatzkräfte hatten sich um 8 Uhr getroffen; nach Vorbereitungen begann der „Ereignisablauf“ dann um 9.56 Uhr mit einem Notruf: „In einem Lebensmittel verarbeitenden Betrieb ist hochgradig ätzende Essigsäure ausgetreten – acht Verletzte.“

Anders als bei Verkehrsunfällen und medizinischen Notfällen, durften die Notärzte und Rettungskräfte diesmal keinen Hautkontakt zu den Verletzten bekommen. Diese werden in solch einem Fall per Zuruf aufgefordert, selbst aus dem Gefahrenbereich herauszukommen. Das gelang nicht allen: Eine männliche Person blieb anderthalb Stunden lang im Gefahrenbereich liegen, konnte erst dann von Helfern in dicken Schutzanzügen erreicht werden. Da war es allerdings bereits zu spät. Bei der späteren Manöverkritik machte Annelie Sievers denn auch unmissverständlich ihren Unmut darüber deutlich: „Solch ein langes therapeutische Vakuum kann nicht toleriert werden. Es müssen Möglichkeiten gefunden werden, dass sich Einsatzkräfte auch in einem derartig gelagerten Falle dem Verletzten nähern – und zwar zeitgerecht. Ich hätte erwartet, dass Einsatzkräfte mit Atemschutzanzug den verbliebenen Verletzten aus dem Gefahrenbereich retten. Dazu muss die Feuerwehr in der Lage sein. Die Leute müssen sich auch trauen, etwas zu tun!“

Kritik kam auch von einem der Leitenden Notärzte: „Ich finde, dass es bis zum Abtransport des letzten Verletzten mit anderthalb Stunden zu lange gedauert hat!“ Anders als bei den im SH-Rettungsdienstgesetz vorgegebenen sogenannten Hilfsfristen (Rettungsdienst zwölf Minuten und Feuerwehr zehn Minuten ab Notfall-Meldungseingang!) ist für den LZG, den jeder der elf Landkreise und die vier kreisfreien Städte vorzuhalten haben, keine generelle Eintreffzeit vorgeschrieben. Für Nordfriesland führte dazu der Leiter des hiesigen LZG, Markus Knoblauch, aus: „Unsere Ausrücke-Stationen befinden sich in Husum, Tönning und Leck – wir erreichen die Einsatzstellen im ungünstigsten Falle nach 45 Minuten. Im Schnitt haben wir aber 25 Minuten gebraucht, bis der erste Trupp vorne eingetroffen ist.“ Im vorliegenden Übungsfall war der Leitende Notarzt (LNA) um 10.01 Uhr an der Einsatzstelle – allerdings muss auch ganz klar gesagt werden, dass der Beginn der Behandlung im Falle einer Kontamination erheblich länger als bei einem Unfall dauert.

Die nachrückenden Kräfte der Gefahrgut-Löschzüge hatten bei 32 Grad viel Mühe mit dem Aufbau der Zelte. Absolute Schwerstarbeit dann für die Einsatzkräfte in ihren dicken luftundurchlässigen Schutzanzügen und den schweren Atemluftflaschen auf dem Rücken: Sie mussten die Verletzten bei sengender Hitze in die Dekontaminationszelte schleppen. Dieses Verfahren ließ der Rettungsdienstleiter Hans-Dieter Nissen aus dem Kreis Schleswig-Flensburg dann aber sehr rasch wegen hoher Gesundheitsgefährdung der Beteiligten unterbinden.

Aufgebaut wurden Mess-Stationen, um die ausgetretenen Stoffe zu analysieren. Im Realfall wird dazu stets der Chemiker Dr. Stefan Klützke um Rat gefragt. Er war an der Übung als Wehrführer der Tönninger Feuerwehr beteiligt – in der Eiderstadt ist ja im Übrigen ein Teil des Löschzuges angesiedelt. Ebenfalls aufgebaut wurde eine eigene Frischwasser- und Abwasseranlage; die „Verletzten“ wurden komplett abgeduscht (dekontaminiert).

Für die Großübung verantwortlich waren die Gefahrzug-Leiter Markus Knoblauch (Nordfriesland verfügt über die Gefahrgutzüge Nord und Süd) und Annelie Sievers (Schleswig-Flensburg hat drei Gefahrgutzüge).

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