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40 Jahre Anonyme Alkoholiker : Was morgen wird, weiß niemand...

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Seit 40 Jahren gibt es in der Friedenskirche in Husum Anonyme Alkoholiker und die Al-Anon-Gruppe für Familienangehörige – Anlass für ein Gespräch mit zwei Betroffenen.

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erstellt am 18.Mär.2015 | 12:30 Uhr

Jeder kennt den Namen, doch was machen sie genau? Die Anonymen Alkoholiker sind eine zwanglose, weltweite Gemeinschaft von Männern und Frauen aus allen Berufs- und Gesellschaftsschichten. Und seit 40 Jahren gibt es sie auch in Husum. Am Sonnabend, 21. März, wird das Jubiläum ab 14 Uhr in der Friedenskirche gewürdigt.

Anonyme Alkoholiker (AA) werben nicht um Mitglieder. Sie sind für alle Menschen da, die ein Alkoholproblem haben. Jeder, der den Wunsch hat, mit dem Trinken aufzuhören, ist bedingungslos willkommen. Die AA behaupten nicht, die einzige Lösung für Alkoholprobleme zu haben und sie sind auch keine Abstinenzbewegung gegen den Alkohol. Sie verbinden sich mit keiner Organisation, keiner Partei, keiner Sekte und keiner Konfession. Sie ziehen auch keine Mitgliedsbeiträge oder Gebühren ein, sondern erhalten sich allein durch Spenden. Und das oberste Prinzip ist Anonymität: Wer zu ihnen kommt, dessen Problem bleibt der Öffentlichkeit unbekannt.

Auch die Al-Anon-Familiengruppe in Husum besteht schon seit vier Jahrzehnten. Es ist eine Gemeinschaft von Verwandten und Freunden von Alkoholikern, die ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander teilen, um Antworten auf die sie verbindende Problematik zu finden. Denn immer mehr Menschen ist bewusst, dass Alkoholismus eine Krankheit ist und durch diese die ganze Familie betroffen wird. Ein Schutz gegen den großen seelischen Druck durch das Alkoholproblem besteht darin, sich Wissen über die Krankheit anzueignen und daraus die richtigen Folgerungen zu ziehen. Dazu gehören Kraft und Ausdauer sowie Mut zu einem konsequenten Verhalten. Und das alles ist ohne die Hilfe durch die Gruppe der Betroffenen nicht zu schaffen.

Seit 2007 gibt es in Husum zudem die Gruppe der Erwachsenen Kinder. Mit dem Begriff Erwachsene Kinder sind die Menschen gemeint, die in einem Elternhaus aufgewachsen sind, in dem der Alkohol regierte. Für sie gibt es innerhalb der Al-Anon-Gemeinschaft spezielle Gruppen mit dem Schwerpunkt Erwachsene Kinder von Alkoholikern.

Der Begriff ist durch die Kindheitserfahrungen dieser Menschen entstanden und beinhaltet die Probleme, die sie als Erwachsene haben. In den alkoholkranken Familien werden meist die eigenen Bedürfnisse der Angehörigen nicht berücksichtigt, da der Alkoholiker im Mittelpunkt steht. Derart blockiert durch den Alkoholiker, sind die anderen Familienmitglieder zu verwirrt und erschöpft, um sich auch noch um die Bedürfnisse der Kinder zu kümmern. Obwohl viele nicht mehr bei einem alkoholkranken Elternteil leben, können Sie ihr Leben als Erwachsene nicht meistern, weil sie gefühlsmäßig immer noch besonders stark an die Familie gebunden bleiben.

Bei der Veranstaltung in der Schobüller Straße 10 informiert die Husumer AA-Gruppe über die Möglichkeiten der Selbsthilfe. Nach der Begrüßung durch Pastor Andreas Rabe sprechen Alkoholkranke, Angehörige und ein Suchttherapeut über ihre Erfahrungen. Am Ende gibt es eine Fragestunde.

 

Ein Gespräch mit zwei Betroffenenen

Von Alkoholismus ist nicht nur der zwanghafte Trinker betroffen. Auch Verwandte und Freunde leiden mit. Besonders hart ist das Leben mit einem Suchtkranken, der ständig zur Flasche greift, für die Familie in seinem unmittelbaren Umfeld. Während die Anonymen Alkoholiker – wie der Name schon sagt – dem Alkoholiker Halt und Orientierung geben, sind Al-Anon-Gruppen für die Angehörigen da. Dabei geht es – auf der anderen Ebene – ebenfalls darum, Erfahrungen, Kraft und Hoffnung miteinander zu teilen, um die gemeinsamen Probleme zu lösen. Und zwar in dem festen Glauben, dass Alkoholismus eine Familienkrankheit ist und eine veränderte Einstellung die Genesung fördern kann. Wir sprachen mit einem Anonymen Alkoholiker und einer Angehörigen von Al-Anon – und nennen sie Erwin und Sabine. Da in den Gruppen grundsätzlich jeder mit „du“ und seinem Vornamen angesprochen wird, verzichtet dieses Interview ebenfalls auf die übliche Distanz.

Alkoholiker wird man nicht von einem Tag auf den anderen: Wie war es bei dir, Erwin?

Angefangen zu trinken habe ich mit 16 – erst mit Freunden am Wochenende in der Disco, später regelmäßig im Rahmen der Ausbildung. Richtig auffällig wurde mein Verhalten dann bei der Bundeswehr, wo ich mich schon teilweise zurückgezogen habe. Ich war 18, 19 Jahre alt, von zu Hause weg und kannte niemanden – da war der Alkohol ein einfacher Tröster.

Wann hast du realisiert, dass mit dir etwas nicht stimmt?

Zehn Jahre später, bei einem Entzug über mehrere Stunden, mit Flattermann. Da habe ich mich ins Krankenhaus einliefern lassen, es aber auch noch nicht wahrhaben wollen. Doch zum Glück bin ich durch den Arzt und das Gesundheitsamt in die Selbsthilfegruppen gekommen. Sonst wäre ich sicherlich wieder in die Sucht abgeglitten. So bin ich seit fast 25 Jahren trocken.

Was hat dich zu den Al-Anon-Gruppen geführt, Sabine?

Mein Mann hat immer gesagt: Bei der Frau muss man ja trinken. Das war mir irgendwann einfach zu blöde. Er hatte einen Termin beim Suchtberater, der ihm zu einer Therapie verhelfen sollte, weil er seinen Führerschein wiederhaben wollte. Da bin ich einfach mal mitgegangen – und habe erfahren, dass es auch für Angehörige Selbsthilfegruppen gibt.

Bis dahin war dein Leidensdruck noch nicht groß genug?

Mein Mann hat schon getrunken, als wir uns kennengelernt haben, nur noch nicht so viel. Wenn ich trotzdem mal gemeckert habe, hat er mir versprochen, nicht oder zumindest weniger zu trinken. Dass das alles nicht funktioniert, das hab’ ich nicht gewusst. Und von der Krankheit auch nichts. Heute ist mein Mann fast 30 Jahre trocken – und damit länger als er getrunken hat.

In unserer Gesellschaft ist die Versuchung immer wieder groß. Wie, Erwin, begegnest du der täglichen Gefahr, rückfällig zu werden?

Ich habe das Thema im Freundes- und Kollegenkreis relativ schnell offensiv angesprochen, um mir die Hintertüren zuzumachen. Mein Umfeld kennt mein Problem. Heute kann ich einfach Nein sagen, weil ich auch nicht mehr trinken möchte.

Sabine: Bei uns zu Hause gibt es keinen Alkohol. Wenn Besuch kommt, biete ich einen Kaffee oder eine Selter an.

Den Mann ständig zu schützen, sich für ihn Ausreden einfallen zu lassen – kann das auch zur Krankheit werden?

Ja natürlich, das ist meine Abhängigkeit. Wir waren selbstständig, und wenn er trank, hat er nichts auf die Reihe gekriegt. Aber das mochte ich dem Kunden doch genauso wenig sagen wie den Grund dafür, dass eine Rechnung nicht bezahlt ist.

Wann hast du damit aufgehört, ihn zu decken?

Da hat mir auch Al-Anon geholfen. Eigentlich erhoffte ich mir von der Gruppe ein Patentrezept dafür, wie ich ihn vom Schnaps wegkriege oder dass er weniger trinkt. Dann habe ich gehört, wie es andere vor mir gemacht haben, und das einfach ausprobiert. Wir sagen dazu: In Liebe loslassen, den Partner trinken lassen, nichts mehr beschönigen. Das Loslassen hat uns im Nachhinein beiden geholfen: Mein Mann hat zwei Therapien gemacht.

Hat er sich denn dafür später auch mal bei dir bedankt?

Nee. Er hat auch nicht gesagt, dass er nicht wieder trinken wird. Nur für heute ist er trocken! Was morgen ist, weiß keiner...

Welchen Anteil hat die Gruppe bei dir daran, dass du es bis heute – und nur für heute – geschafft hast, Erwin?

In der ersten Zeit waren die Anonymen Alkoholiker eine Orientierung – abends nach Feierabend hatte ich einen Anlaufpunkt, der mir Struktur gab. Hier in unserem Bereich kann man fast täglich in die Gruppe, wenn man möchte. Notfalls muss ich eben ein bisschen weiter fahren. Statt abends alleine zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen und wieder in seiner eigenen Welt zu sein, kommt man mit Menschen zusammen, hört andere Erfahrungen. Das war für mich einfach verdammt wichtig!

Und in der Gruppe von Gleichgesinnten das herauszuhören und auf sich zu übertragen, was zu einem selbst passt?

Genau. Jeder hat seine eigene Geschichte und wenn er sie erzählt, findet man sich eigentlich zu großen Teilen immer irgendwo wieder. Und dann muss jeder selbst entscheiden, wie viel er von dem Erfahrungsschatz der anderen profitieren und was er annehmen will.

Sabine: In der Al-Anon-Familiengruppe muss man sich das so vorstellen, als wenn man Einkaufen geht. Da nimmst du auch nur das mit, was du gebrauchen kannst. Heute spielt der Alkohol zum Glück bei uns keine Rolle, aber dafür hast du halt andere Probleme. Und dazu kommt eben auch, da zu sein, wenn andere Hilfe benötigen.

Wenn du dich in jemandem wiedererkennst, er dich an dein Ich aus der Zeit erinnert, als es mit dir bergab ging – was würdest du ihm raten?

Mal außer Acht gelassen, dass bei den Anonymen Alkoholikern und bei Al-Anon keine Ratschläge gegeben werden, sondern jeder, der will, von sich selbst erzählt: Am besten sollte er in eine Selbsthilfegruppe gehen, um sich anzuhören, inwieweit dort die Mitglieder gelitten haben.

Aber sich etwas Abschreckendes anzuhören, heißt ja noch nicht, für sich selbst die Konsequenzen daraus zu ziehen...

Natürlich kann man auch davor weglaufen. Das liegt in der Natur des Alkoholikers: Er läuft vor sich selbst weg und vor der Wahrheit, dass er trinkt. Der Leidensdruck muss sehr stark sein – den braucht man, um auszusteigen.

Unabhängig vom Kontakt zur Gruppe: Was hat dir, Sabine, als Angehörige zu der Erkenntnis verholfen, dass es keinen Zweck mehr hat, sich in die Tasche zu lügen?

Die Kapitulation. Das Gefühl, wirklich machtlos dagegen zu sein – und es einfach einzusehen. Aber nochmal zurück zum Umgang miteinander in der Gruppe: Ratschläge sind auch Schläge! Wer noch leiden will, soll leiden.

Was macht die Gruppen so wertvoll, wenn sie keine persönlichen Ratschläge gibt?

Ein Beispiel: Als mein Mann mal voller Verzweiflung war, ist eine Freundin aufgestanden und hat zu ihm gesagt: Ich glaub’ an dich, du schaffst das. Es ist ein In-den-Arm-nehmen, man kann so etwas schwer beschreiben. Es sind vielleicht die richtigen Worte zur richtigen Zeit.

 

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