Serie Wohnen in Husum : Warmes Zuhause statt Beton-Gold

Das Wohnprojekt am Trommelberg soll neue Formen des Wohnens in Husum etablieren.
Das Wohnprojekt am Trommelberg soll neue Formen des Wohnens in Husum etablieren.

In der heutigen Folge geht es um alternative Wohnformen in Husum.

shz.de von
28. Mai 2018, 13:00 Uhr

Mehrfach ist an dieser Stelle die Wohnungsnot quer durch alle Altersgruppen und Schichten belegt worden, die in Husum herrscht: von Kindern, denen die Obdachlosigkeit droht; von alleinerziehenden Frauen, die ihre Wohnsituation verbessern wollen; von Senioren, die sich trotz körperlicher Behinderung mit Treppen und unbequemen Bädern in Wohnblocks herumschlagen müssen. Jetzt stellt sich die Frage, welche Lösungen denkbar sind.

Der Bau von kleinen und bezahlbaren Wohnungen wird in Husum kaum vorangetrieben. Im Gegenteil: Die Politik hat sich kürzlich an der Poggenburgstraße sogar davon verabschiedet, über ihr Planungsrecht Eigentümer dazu zu verpflichten, einen Teil ihrer Projekte öffentlich fördern zu lassen und diese somit auch sozial benachteiligten Mietern zur Verfügung stellen zu können (wir berichteten).

Daran erinnern Michael Graf und Irene Fröhlich vom Vorstand der Statthus-Genossenschaft, die am Trommelberg auf rein privater Basis in der ehemaligen und als Denkmal geschützten Pestalozzi-Schule Wohnungen baut. Die beiden Rentner sind mit Antonia Obelgönner, einer Kommunikationsdesignerin und Kunstpädagogin, die sich gleichfalls in dem Projekt engagiert, bei unserer Zeitung zu Besuch. Sie betonen, dass zurzeit vor allem Eigentumswohnungen in Husum errichtet werden. Die drei können dem von der Politik geäußerten Argument nicht folgen, dass durch jede neu gebaute Wohnung andere frei werden und sich somit das Angebot insgesamt entspanne. Immer öfter würden Auswärtige investieren und Mieten verlangen, die sich wirtschaftlich benachteiligte Klientel nicht leisten könnten. Oder die Bauherren machten über kurz oder lang sogar Eigenbedarf geltend, um sich hier endgültig niederzulassen.

Die Motive, überhaupt zu bauen, seien höchst unterschiedlich. Klammert man die Familien aus, die sich in eigener Verantwortung und nur für sich ihr eigenes Heim errichten, bleibt der Blick auf Wohnungsbaugesellschaften und die privaten Bauherren von Eigentumswohnungen. Die würden, vermuten die Statthus-Vertreter, vor allem bauen, um eine Rendite zu erzielen. „Genau das klammern wir schon mal aus“, betont Michael Graf.

Sie wollen stattdessen mit verschiedenen Generationen unter einem Dach leben, um Formen der früheren Großfamilien wiederzubeleben. Sie mehr oder auch weniger betuchte Menschen unterm selben Dach. Sie wollen sich an den Erfahrungen anderer erfreuen und „gemeinsam statt einsam“ leben. Wer passt auf das Kind auf, wenn die Eltern zur Arbeit müssen? Wer schaut nach dem allein lebenden Senior? Wer weiß Rat, wenn es um Reparaturen geht? In der Gemeinschaft finde sich jederzeit eine Lösung, lautet ihr Credo.

Ihr Projekt zeige, wie Wohnungsbau-Projekte „von unten“ aus der Bevölkerung heraus entwickelt werden könnten. Im Mittelpunkt stünde bei solchen Vorhaben nicht, Geld zu Betongold zu machen, sondern für sich selbst Wohn-Ideen und -Konzepte zu verwirklichen. Daher sei es beispielsweise der Hansestadt Hamburg möglich, städtische Grundstücke oder Häuser jenen zu verkaufen, die „am besten“ Lösungen für Stadtviertel umsetzen und nicht jenen, die am meisten Geld dafür bieten. Anders als in Husum, wo stadteigene Gebäude beispielsweise in der Hebbelstraße nach Entscheidung des Stadtverordnetenkollegiums nur zu Höchstpreisen verkauft werden durften – ohne einen Blick auf alternative Konzepte zu werfen.

Ende Juni rechnen die Statthus-Sprecher mit dem Dichtfest für das Haus, in dem neun öffentlich geförderte und zehn freifinanzierte Wohnungen entstehen. Sie tragen zusammen, was zum Erfolg beigetragen hat

❏ Wegen der komplizierten bürokratischen Prozesse sollte unbedingt ein professioneller Projektbetreuer hinzugezogen werden. Sie entschieden sich für das Büro Stattbau-Hamburg, die sich unter anderem im Dschungel der Fördergelder auskennen.

❏ „Vernetzen, vernetzen, vernetzen“, sagen sie – unter anderem mit anderen Wohnprojekten im Norden, um deren Erfahrungen einfließen zu lassen.

❏ Gemeinschaft pflegen und nicht etwa einer kleinen Gruppe die Arbeit überlassen. Irene Fröhlich: „Es gilt, die Lust an der Arbeit nicht zu verlieren.“

❏ Verständnis für förderliche und hinderliche Faktoren zu entwickeln, auch bei den Partnern in Banken und Behörden. Ein Beispiel: Die Statthus-Akteure haben erreicht, dass in ihrem Projekt „gezielte Wohnberechtigungsscheine“ anerkannt werden, die für genau benannte Wohnungen gelten. Die dürfen die Bauherren sogar größer errichten, als im geförderten Wohnungsbau üblicherweise vorgeschrieben ist.

❏ Antonia Obelgönner ergänzt abschließend, dass im Anschluss an die Einweihung ein Quartiersmanagement aufgebaut werden soll – als weiterer Baustein für den nachhaltigen Erfolg des Projektes.

Nächste Folge: Was tun eigentlich Politik, Verwaltung und Bau-Genossenschaften gegen die Not?

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