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Tandem-Partner für Flüchtlinge : Vorurteilen geben sie keine Chance

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Angehende sozialpädagogische Assistenten bringen 45 Flüchtlingen in einer Klasse in Husum die deutsche Kultur näher und helfen bei Problemen weiter. Kommunikation steht jedes Mal auf dem Plan.

„Wir arbeiten mit Flüchtlingen und haben keine Angst!“ Mit diesem Bekenntnis machen Svenja (21) und Hanna (19) auf sich aufmerksam. Oder vielmehr auf ein Thema, das nach den Ereignissen in Köln auch in Nordfriesland viele Mädchen und junge Frauen belastet: Die Angst vor unangenehmen Begegnungen mit Männern aus patriarchalischen Strukturen, die es gegenüber dem weiblichen Geschlecht an Respekt fehlen lassen könnten.

Im Laufe ihrer Ausbildung zu sozialpädagogischen Assistenten ist drei Klassen der Oberstufe an der Beruflichen Schule des Kreises in Husum ein Projekt aufgetragen worden, das im ersten Moment für große Verunsicherung unter den zumeist weiblichen Schülern gesorgt hatte. Denn ihre Aufgabe lautet: Sie sollen wöchentlich 90 Minuten mit jungen Zuwanderern arbeiten, die in der Schule Deutsch als Zweitsprache (DaZ) lernen, und ihnen die deutsche Kultur näherbringen. „Bis dato hatten die meisten von uns kaum Berührungspunkte mit Flüchtlingen. Unsere Emotionen reichten von Angst und Skepsis bis hin zu Neugier und Freude“, erinnert sich Svenja. Doch schon in der Kennlern-Runde seien sämtliche Bedenken verschwunden: „Entgegen unserer Erwartungen begegnen uns alle mit mehr Respekt, Höflichkeit, Offenheit, Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft als so mancher Deutscher.“

Seit August treffen sie sich jeden Donnerstagmorgen mit 45 fast ausschließlich männlichen Zuwanderern in ihren Klassenräumen, um in kleinen und größeren Gruppen oder auch nur mit dem jeweiligen „Tandem-Partner“ zu arbeiten. Fast immer beginnen die Zusammenkünfte mit einem Spiel zur Förderung der Kommunikation. Wichtig ist den Schülern aber auch die praktische Hilfe: „Ein Problem, mit dem wir in unserem Projekt zu kämpfen haben, sind die bürokratischen und gesellschaftlichen Steine, die den DaZ-Schülern bei der Suche nach Praktikumsstellen in den Weg gelegt werden.“ Eliah zum Beispiel, studierter Wirtschaftsmanager und seit acht Monaten in Deutschland, möchte Berufserfahrungen sammeln und auf sein Master-Studium hinarbeiten. Sein Traum ist es, später ein eigenes Unternehmen zu führen. Doch schon die Suche nach einem Praktikumsplatz gestaltet sich schwierig. Eine Aufgabe ist es daher, die Männer auf diesem Weg zu begleiten.

Nach einer gemeinsam besuchten „Job-Nacht“ wurden die dort diesbezüglich gemachten Erfahrungen bilanziert: Eine Zusage hatten nur wenige bekommen, hier und da können sie sich aber bewerben. So hofft Mustafa nun auf ein Praktikum in einem Autohaus. „In meiner Heimat habe ich als Dachdecker gearbeitet. Jetzt kann ich das nicht mehr“, erzählt der junge Afghane, der 2014 nach Deutschland kam und wegen Rückenproblemen nun eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker machen möchte. Er würde auch in anderen Berufen arbeiten: „Hauptsache, ich kann in Deutschland bleiben! Die Angst, abgeschoben zu werden, raubt mir den Schlaf“, gesteht der 23-Jährige, der dennoch immer gut gelaunt ist und zu den aktivsten Teilnehmern zählt.

Dass erstaunlich viele der jungen Männer Friseur werden möchten, erklärt Schulleiter Michael Kwauka so: „In ihrer Heimat ist der Friseurberuf hoch angesehen, die Arbeit wird sehr gut bezahlt. Sie wissen noch nicht, dass es hier anders ist.“ Auch so etwas wird besprochen, sobald die Deutschkenntnisse ausreichen. Wie wichtig die Sprache ist, wissen die DaZ-Schüler: „Das Interesse an der Grammatik ist groß“, sagt Hanna, die ebenso wie ihre Mitschüler sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf ist. Beeindruckend ist die Ernsthaftigkeit, mit der die Nordfriesen sich um ihre Schützlinge bemühen. Es ist ihnen gelungen, in den gemeinsamen Stunden eine Atmosphäre zu schaffen, in der gegenseitiger Respekt ebenso zu spüren ist wie das Vertrauen zueinander.

Auch die sexuellen Übergriffe in Köln und anderen Städten in der Silvesternacht wurden zum Thema. Mahmut: „Ich kam nach Deutschland, um hier ein neues Leben in Sicherheit zu beginnen“, sagt er. „Doch nun treffe ich auf Hass, weil viele Deutsche glauben, dass alle Flüchtlinge gleich sind und den Krieg hier weiterführen wollen. Doch das stimmt nicht! Die Straftaten, die passiert sind, waren unmenschlich und unfromm!“ Er war es, der in der Diskussion den jungen Frauen die entscheidende Frage gestellt hatte: „Was kann ich tun, um zu zeigen, dass ich nicht wie diese bösen Menschen bin?“ Hanna und Svenja: „In diesem Moment ist uns bewusst geworden, dass sie nichts tun können. Sie stehen unserem Denken machtlos gegenüber.“

Seitdem die Oberstufen-Schüler „diese tollen Menschen“ kennenlernen durften, sprechen sie von einem Perspektiv-Wechsel – „außerhalb der Schule sind Freundschaften entstanden“, berichtet Hanna. Man müsse eben seine Vorurteile über Bord werfen und sich auf den einzelnen Menschen einlassen.

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