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Viele kleine Oasen : Vor allem in der Stadt wird die Biene satt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Husumer Karl-Heinz Raddatz ist Imker aus Leidenschaft. Er wünscht sich mehr Grün ohne Pestizide für die Honigbiene.

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erstellt am 24.Sep.2014 | 18:00 Uhr

Eine Imkerpfeife benutzt Karl-Heinz Raddatz nicht. Statt mit Rauch beruhigt er seine Bienen, indem er ein mit Nelkenöl beduftetes „Zaubertuch“ über den Bienenstock legt. Dies ist notwendig, wenn der 63-Jährige den Honig von den Waben ernten oder seine Völker gegen die Varroa-Milbe mit Ameisensäure behandeln möchte. Der Parasit wurde in den 1970er-Jahren aus Asien eingeschleppt und ist eine tödliche Gefahr für die Biene. Die wasserlösliche Ameisensäure verdunstet im Stock und hinterlässt keine Rückstände im Honig. Das ist dem Husumer wichtig: Schließlich engagiert er sich für ein Naturprodukt.

Bienen „beruhigen“ ist jedoch irreführend, denn der Geruch löst bei den Tieren vielmehr einen Alarmreflex aus: Die Bienen füllen ihre Honigblase, um sich auf den Auszug aus dem Stock vorzubereiten. Da bleibt keine Zeit, den Imker zu stechen. Ihre Wehrhaftigkeit bedeutet übrigens den Tod der Biene. Denn ihr Stachel ist mit Widerhaken versehen, die in der relativ dicken Haut des Menschen steckenbleiben. Bei Befreiungsversuchen reißt sich die Biene den gesamten Hinterleib heraus und stirbt an dieser Wunde.

„Schuld“ war seine überaus schlechte Apfelernte im Jahr 2009. Diese Enttäuschung motivierte Karl-Heinz Raddatz sich mit Bienen zu beschäftigen. „Denn sie sind wichtige Bestäuber – ohne sie ist kein Obstanbau denkbar. Fehlt die Honigbiene, fehlen auch 80 Prozent der Erträge von insektenbestäubten Pflanzen.“ Fasziniert von den nützlichen Tieren belegte der Nordfriese einen Imker-Kursus. Pflicht ist ein „Bienen-Führerschein“ in Deutschland noch nicht.

Heute kümmert sich Raddatz in der Regel um zwölf Völker. Zudem ist er stellvertretender Vorsitzender des Kreisimkervereins Husum-Eiderstedt mit rund 170 Mitgliedern, die sich auf die Ortsvereine Husum, Eiderstedt, Viöl, Hattstedt und Wittbek-Ostenfeld verteilen. Alle züchten die Honigbiene, die bekannteste unter rund 500 Arten in Deutschland.

Das Grundstück des 63-Jährigen ist ein kleines Paradies: für Mensch und Biene. Zurzeit hat Karl-Heinz Raddatz dort Kästen aus Styropor für fünf Völker stehen – in der Nähe seiner Apfelbäume. Die restlichen Bienenkästen sind am Rande des Husumer Industriegebietes platziert. Zur Rapsblüte – wenn nicht gespritzt wird – wandert Raddatz mit diesen Völkern in den Finkhauskoog. Obststräucher, Stockrosen, Korn- und Ringelblumen sowie die Fetthenne gehören mit zum Nahrungsangebot für Bienen im privaten Grün von Brigitte und Karl-Heinz Raddatz. Die Ehefrau ist ebenfalls Imkerin und unterstützt ihren Mann.

Eine Sache liegt Karl-Heinz Raddatz besonders am Herzen: „Wenn auf Rasenflächen Löwenzahn und der Weiße Klee blühen, ist oft zu beobachten, dass viele alles wieder in einen Englischen Rasen verwandeln. Was ihnen nicht auffällt, ist, dass sie beim Mähen Wild- und Honigbienen töten, die auf diesen Blüten sitzen. Eine frühe oder späte Tageszeit zum Kürzen des Rasens wäre für unsere Bienen von Vorteil, da sie dann die Nektar- und Pollensuche weitestgehend beendet haben. Schade bleibt es aber um die Pflanzen, denn die fehlen den Bienen als Nahrung.“ Schon Albert Einstein habe gewarnt: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.“

Doch es gibt Hoffnung – und die liegt im städtischen Raum und nicht auf dem Land. „In der Stadt mit vielen grünen Oasen kann die Biene bestens überleben – in unserer Agrarlandschaft ist es schwieriger“, hat Karl-Heinz Raddatz beobachtet. Denn Insektenvernichtungsmittel und Monokulturen sind nichts für Bienen.

Das Bienenjahr endet aus Imkersicht Anfang August: Dann ist die Honigernte abgeschlossen. Den Nektar dürfen die Bienen nun für sich behalten – auch um Vorräte für den Winter anzulegen. Der Fachmann unterstützt seine Tiere mit Zuckerlösungen, die er zufüttert. Ein Bienenvolk besteht im Sommer aus etwa 50 000 Arbeitsbienen, mehreren hundert Drohnen und einer Königin, die am längeren und schlankeren Hinterleib zu erkennen ist. In der kalten Jahreszeit ist der Bienenstaat kleiner – dann gibt es nur etwa 15 000 „Arbeiterinnen“, denn das Brutgeschäft ist eingestellt. Ansonsten legt eine Königin in der Hochsaison von Mai bis Juni täglich bis zu 2000 Eier. Sie wächst innerhalb von 16 Tagen durch Fütterung mit Gelee-Royal in einer „Königin-Zelle“ heran und lebt bis zu fünf Jahren. Lässt ihre Legeleistung nach, ziehen die Arbeiterinnen eine junge „Hoheit“ als Nachfolgerin auf – und die alte Königin stirbt.

Karl-Heinz Raddatz ist fasziniert von der Welt der Bienen: „Jeder im Bienenstock weiß, was er zu tun hat – und wann er gehen soll.“ Im Gegensatz zu ihren Mitbewohnern hat die Bienenkönigin ein langes Leben. Eine Arbeiterin bleibt nur etwa vier Wochen auf der Welt: Drei Wochen lang übernimmt sie „Innendienst“, versorgt den Nachwuchs und bewacht den Bienenstock; die restliche Zeit ist die Arbeiterin eine Sammelbiene. Naht ihr Ende, fliegt sie weg, so dass das Volk nicht durch mögliche Keime aus ihrer Leiche gefährdet wird. Vertrieben werden müssen allerdings die Männchen: die Drohnen. Sie leben nur während der Trachtzeit von Mai bis August.

Karl-Heinz Raddatz ist gern bereit, Fragen zu beantworten. Er ist unter Telefon 04841/1306 zu erreichen.

 

Honig als Importware

Im Durchschnitt erwirtschaftet ein Imker in Deutschland 20 bis 30 Kilogramm Honig je Bienenvolk und Jahr. Die Bienenfreunde schneiden die Wachsdeckel von den Waben, die sich in der Regel in einem mit Draht bespannten Holzrahmen befinden und unterziehen die geöffneten Waben einem „Kaltschleudergang“. Erhitzt wird der Honig dann für das Abfüllen in Gläser. Um den Bedarf deutscher Konsumenten zu befriedigen, muss 80 Prozent Honig aus der Europäischen Union und aus Südamerika importiert werden. Der Begriff Imker setzt sich aus dem niederdeutschen „Imme“ für Biene und dem mittelniederdeutschen Wort „kar“ für Korb oder Gefäß zusammen.

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