DGB-Diskussion in Tönning : Von schrägen Beiträgen im Netz

Im Gespräch: Katharina Kleinen-von Königslöw.
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Im Gespräch: Katharina Kleinen-von Königslöw.

Kommunikations-Wissenschaftlerin fordert mehr Transparenz und die Stärkung von Medienkompetenz.

shz.de von
25. Januar 2018, 10:00 Uhr

Schwindet die Bedeutung traditioneller Nachrichtenmedien zugunsten von sozialen Medien? Angesichts aufgeregter Debatten über die Wirkung von Facebook & Co. könnte man zu dieser Einschätzung kommen. „Aus wissenschaftlicher Sicht kann ich das nicht bestätigen“, sagt jedoch Professorin Dr. Katharina Kleinen-von Königslöw. Sie hat für eine Studie Bürger befragt und dabei festgestellt, dass auch in sozialen Netzwerken eher Artikel von traditionellen Qualitätsmedien ausgewählt werden.

Die Kommunikations-Wissenschaftlerin von der Uni Hamburg diskutierte auf Einladung des DGB Schleswig-Holstein Nordwest in Tönning mit 50 Teilnehmern über veränderte Mediennutzung, „Lügenpresse“ und Fake News.

Tageszeitungen und Fernsehen seien für die Mehrzahl der Bundesbürger immer noch die wichtigsten Nachrichtenquellen, auch wenn die indirekte Nutzung von Nachrichtenmedien über Suchmaschinen und soziale Netzwerke zugenommen habe, so die Expertin. Beruhigt zurücklehnen könne man sich aber nicht, sagt Kleinen-von Königslöw: „Denn bei der indirekten Nutzung wird es immer schwieriger zu unterscheiden, was Qualitätsjournalismus ist.“ So gelange man zu einer Vielzahl unbekannter Quellen, deren journalistische Qualität auf die Schnelle gar nicht einzuschätzen sei. Falschmeldungen halten sich nach ihren Aussagen lange im Netz, weil es keine Datumsangabe gibt, Likes und Empfehlungen täuschen vermeintliche Glaubwürdigkeit vor. „Intransparente Algorithmen und Link-Fabriken, die mit emotionalisierenden Politik-Nachrichten hohe Klick-Zahlen für Werbung akquirieren, entscheiden mit darüber, was dem Leser geboten wird.“

Als Beispiel nannte sie ein von Exil-Chinesen betriebenes Online-Nachrichtenportal, das seriös daherkomme, aber im Wesentlichen Agenturmeldungen reißerisch aufmache. Dadurch werden hohe Klickzahlen erzielt und viel Geld verdient. „Nutzer müssen selbst aktiv werden, um Fake News entlarven und seriöse Nachrichten erkennen zu können. Medienkompetenz zu vermitteln wird also immer wichtiger“, erläuterte sie.

Meinungsmacht gehe freilich nicht mit hohen Klickzahlen in sozialen Medien einher: „Meinung und Haltung werden immer noch stark durch Sozialisation, Freunde, Arbeit geprägt und weniger durch die Medien“, stellt die Wissenschaftlerin fest. Deshalb regt sie an, aus der aufgeregten Debatte das Tempo zu nehmen. „Die Angst vor Fake News ist größer als die Fake News selbst. Über Falschmeldungen sparsam berichten, entschiedene Gegenbotschaften senden und zu kritischer Haltung anregen – das ist besser als schräge Beiträge im Netz ständig zu kommentieren und weiter zu leiten“, empfiehlt sie.

Für DGB-Geschäftsführerin Susanne Uhl steht fest, dass soziale Medien heute nicht mehr nur Vermittler-Plattform sind. „Sie haben große Bedeutung für die öffentliche Debatte. Deshalb müssen sie endlich verpflichtet werden, die Kriterien ihrer Algorithmen transparent zu machen und Verantwortung für die Inhalte zu übernehmen.“

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