Wissenschaft vor Ort : Von Rungholt bis zu Goethes Faust

Hirnforschung per Schichtaufnahme: Bei diesem Gehirn ist deutlich ein durch einen Schlaganfall geschädigter Bereich zu erkennen.
Hirnforschung per Schichtaufnahme: Bei diesem Gehirn ist deutlich ein durch einen Schlaganfall geschädigter Bereich zu erkennen.

Die 67. Husumer Universitätswoche wartet vom 11. bis 18. Januar mit sechs öffentlichen Vorträgen auf. Thema des Festvortrags zur Eröffnung ist der „historische Jesus“.

shz.de von
07. Januar 2015, 15:45 Uhr

Die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft ist in der deutschen Bildungslandschaft ein Unikat. Bundesweit gibt es nichts Vergleichbares: Die Kieler Christian-Albrechts-Universität, die einzige Volluniversität in Schleswig-Holstein, leistet mit dieser Einrichtung über ihre Sektionen im ganzen Land Bildungsarbeit – also Wissenstransfer – für eine breite Öffentlichkeit. In fast 50 Orten sprechen Professorinnen und Professoren über Ergebnisse ihrer Forschungen.

Die Sektion Husum bietet an wissenschaftlichen Erkenntnissen Interessierten ihrerseits ein Unikat, nämlich die Husumer Universitätswoche. Innerhalb einer Woche werden sechs Vorträge aus den verschiedenen Fakultäten gehalten. Aus einem Angebot von rund 700 Themen hat sie der Vorstand der örtlichen Sektion um seinen Vorsitzenden Karsten Rüsch ausgewählt.

Den Startschuss für die Universitätswoche gibt am Sonntag, 11. Januar, ab 16 Uhr im Rittersaal des Schlosses der neu gewählte Präsident der Universität, Prof. Lutz Kipp. Er äußert sich zur Situation seiner Hochschule, aber auch zur Hochschulpolitik im Lande. Von seinem Vorgänger, Prof. Gerhard Fouquet, hat Kipp kein leichtes Amt übernommen. Die Politik macht es den Hochschulen oftmals schwer, sich in der bundesweiten Konkurrenz mit ihren „Rankings“ zu behaupten.

Den Festvortrag hält dann Prof. Enno Edzard Popkes zum Thema „Der historische Jesus: Grundprobleme einer historisch-kritischen Sicht auf den , Stifter‘ einer Weltreligion“. Popkes ist Professor für Geschichte und Archäologie des frühen Christentums. Jesusforschung, die auf seine historische Gestalt abzielt, gibt es seit der Aufklärung, allerdings auf sehr unterschiedlichen Wegen, bis hin zur Leugnung seiner historischen Existenz. Die moderne Jesusforschung stützt sich auf die Schriften des Urchristentums und antike Quellen und versucht daraus Grundzüge und Einzelheiten seines öffentlichen Wirkens zu rekonstruieren. Fragen und Probleme dazu werden auch heute kontrovers diskutiert.

Das Trio Barock umrahmt die Eröffnungs-Veranstaltung musikalisch.

Alle anderen Vorträge finden im Nordsee-Museum  /  Nissenhaus, Herzog-Adolf-Straße 25, statt. Sie beginnen alle um 20 Uhr, außer am Sonntag, 18. Januar (16 Uhr). Gäste sind herzlich willkommen.

Am Montag, 12. Januar, spricht Prof. Michael Bonitz, Lehrstuhlinhaber am Institut für theoretische Physik, über „Max Planck und die Welt der Quanten“. Mit seiner 1900 veröffentlichten Quantenhypothese revolutionierte Planck die Physik und die Naturwissenschaften. Sie legte die Grundlage für unterschiedliche, weitreichende Forschungslinien der Quantenphysik bis in unsere Zeit, zum Beispiel zur Mikroelektronik und zur Nanotechnologie. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Basisideen der Quantentheorie und ein faszinierendes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte. Er kommt dabei (fast) ohne Mathematik aus und wendet sich an alle naturwissenschaftlich Interessierten.

Am Dienstag, 13. Januar, folgt der Vortrag eines Mediziners. Prof. Burkhart Bromm arbeitet am Institut für Neurophysiologie. Sein Thema: „Entscheidungsfreiheit und Hirnforschung“. Die Hirnforschung hat in den vergangenen Jahren über den wissenschaftlichen Kontext hinaus stark auf sich aufmerksam gemacht, sowohl in populärwissenschaftlicher Literatur als auch in unterschiedlichsten Medien. Sie ist geradezu so etwas wie eine Leitwissenschaft geworden, die grundsätzliche, auch beunruhigende Fragen zum heutigen Menschenbild aufwirft. Der Vortrag beleuchtet die Reichweite ihrer Forschungs-Ergebnisse.

Am Donnerstag, 15. Januar, setzt Prof. Jürgen Newig die Universitätswoche mit einem Vortrag zur Regionalgeschichte fort: „Rungholt – Mythos oder Wirklichkeit?“. Lange Zeit bewegte sich das Wissen um die sagenhafte Stadt Rungholt im Bereich des Mythos’, auch besungen in der Dichtung. Sie war eine Domäne von Laienforschern, die wie Andreas Busch mit dem Spaten ins Watt hinauszogen. Die archäologische Forschung hat inzwischen weit mehr zu Tage gefördert, sodass seriöse Aussagen zur Wirklichkeit Rungholts möglich geworden sind. Mitveranstalter sind das Nordfriisk Instituut Bredstedt und der Nordfriesische Verein Husum-Rödemis.

Den Vortrag am Freitag, 16. Januar, bestreitet wieder ein Naturwissenschaftler. Der Biologe Prof. Rüdiger Schulz spricht über „Photosynthese – Lichtgetriebener Motor des Lebens und Grundlage zur Biomasse- und Bioenergie Erzeugung“. Wer in der Schule im Biologie-Unterricht aufgepasst hat, wird immer noch im Gedächtnis haben, dass die Photosynthese der bedeutendste biochemische Prozess auf der Erde ist und nahezu alle bestehenden Ökosysteme mit Hilfe von Lichtenergie antreibt. Eine Frage heute ist unter anderem, welche neuen Möglichkeiten sie zur Bioenergie-Erzeugung eröffnet.

Am Sonntag, 18. Januar (wohlgemerkt ab 16 Uhr), kommen die Geisteswissenschaften wieder zu ihrem Recht. Der Literaturwissenschaftler Prof. Albert Meier möchte beide Teile von Goethes Faust dem Publikum von seinem tragenden Grundgedanken her allgemeinverständlich näherbringen. Der „Faust“ gilt als Goethes Hauptwerk, an dem er ein Leben lang gearbeitet hat, und wird für die Krone der deutschen klassischen Dichtung gehalten. Besonders der zweite Teil verschließt sich aber einem problemlosen Verständnis und stellt hohe Ansprüche an Leser und Zuschauer. Der Abschluss-Vortrag erläutert Faust I/II anhand von Ausschnitten aus Peter Steins epochaler, weil vollständiger Inszenierung aus dem Jahr 2000.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen