Schulprojekt : Von Idealbildern und Menschenwesen

Eine Woche lang arbeitete Fabian Vogler mit den TSS-Schülern.
Eine Woche lang arbeitete Fabian Vogler mit den TSS-Schülern.

In einer ungewöhnlichen Projektwoche arbeiteten Schülerinnen und Schüler der Husumer Theodor-Storm-Schule gemeinsam mit dem Künstler Fabian Vogler zum Thema Intersex.

von
05. November 2017, 16:00 Uhr

1908 wurde sie gefunden und nach ihrem Ausgrabungsort im niederösterreichen Willendorf benannt. Mittlerweile ist die „Venus von Willendorf“ im Naturhistorischen Museum der Hauptstadt Wien zu bestaunen: elf Zentimeter Kalkstein, rund 25 000 Jahre alt, extrem voluminös und sicher eine Art weibliches Idealbild der damaligen Zeit. Doch was würden Menschen entdecken, wenn sie in weiteren 25 000 Jahren auf Skulpturen der Gegenwart stießen und daraus Rückschlüsse auf das beziehungsweise die Menschbild(er) des frühen 21. Jahrhunderts ziehen sollten?

Eine Frage, der der Bargumer Künstler Fabian Vogler in dem Workshop „Liquid Gender“ (sinngemäß: fließende Geschlechtsübergänge) mit Schülern der Klassen 10 bis 12 an der Theodor-Storm-Schule nachgegangen ist. Die Hintergründe seiner Fragestellung sind aktuell und gesellschaftlich hochbrisant. Denn wovon ist hier die Rede? Sprechen wir von weiblichen und männlichen Idealbildern? Oder sind auch mischgeschlechtliche, vielleicht sogar geschlechtsunabhängige Vorstellungen denkbar?

Fabian Vogler beschäftigt diese Frage schon lange. Anfang nächsten Jahres will er ein Buch darüber veröffentlichen. Dazu hat er sich mit der Psychologin und Intersex-Expertin am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), Dr. Katinka Schweizer, zusammengetan. Auch sie forscht und arbeitet schon seit Jahren zum Thema und war mit einem Vortrag aktiv in das Schulprojekt eingebunden. Doch auch auf anderer Ebene haben Wissenschaft und Kunst in diesem Workshop zusammengefunden, denn unterstützt und finanziert wurde dieser von der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel.

Unter Voglers und der Leitung ihrer TSS-Kunsterzieherin Dorothee Klose-Lehmann machten sich die 17 Schülerinnen und Schüler ans Werk, um der der Frage nachzugehen, ob und wie solche gesellschaftlichen Geschlechts-Entwürfe künstlerisch beschrieben werden können. Doch zunächst führte Katinka Schweizer die jungen Leute in das komplexe Thema ein. Bis zur siebten Entwicklungswoche verfügten alle Föten über beide, also männliche wie weibliche Anlagen, berichtete die Expertin aus Hamburg. Gleichwohl seien sich viele junge Leute auch in der Pubertät noch nicht sicher, was sie eigentlich sein wollen. „Und das ist auch gar nicht nötig“, wie Vogler im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich machte. Der vielseitig interessierte Künstler mag sich gar nicht ausmalen, was es mit einem jungen Menschen macht, wenn ihm in dieser schwierigen Entwicklungsphase mit Nachdruck angetragen wird, sich doch nun endlich mal zu entscheiden, was er oder sie sein will. Vogler spitzt den Gedanken zu: „So ein Eingriff ist aus meiner Sicht mit einer Verstümmelung vergleichbar.“

Auch dieser Punkt wurde in aller Behutsamkeit“ – mit den Schülern diskutiert. Ebenso die Frage, „warum wir das Dazwischen, den Ist-Zustand nicht einfach akzeptieren?“

In Deutschland, einem Vorreiter-Land beim Thema Intersex, wurde das Personenstandsgesetz 2013 dahingehend gerändert, dass bei einem Kind mit eindeutigem Geschlecht der Geschlechtseintrag weggelassen werden kann. Darüber hinaus gibt es Menschen, die dafür plädieren, die Kategorie „Geschlecht“ ganz aus dem Reisepass zu streichen. „Die gehört da nämlich genauso wenig hin wie ,Rasse‘ oder ,Religion‘“, sagt Vogler. Und überhaupt: „Was geht den Staat das Geschlecht an?“

Eine ganze Woche lang spürten die Schüler mit Gips, Bandagen, Ton und Alltagsmaterialien wie Silikonformen oder Styroporfiguren den Idealbildern unserer Zeit nach. Auch von seinen eigenen Arbeiten brachte Vogler einige mit und freut sich, „dass ich die Schüler am Ende abholen konnte: Das ist durchaus nicht selbstverständlich, wenn Schule auf Berufswelt trifft“. Den Workshop empfand er als inspirierend, „zumal alle sehr intensiv mitgearbeitet haben“ und am Ende eine Erkenntnis stand, die weit über den Schulalltag hinaus Bestand haben dürfte: In der Kunst ist die Trennung der Geschlechter schon überwunden. „Da gibt es nur noch Menschenwesen“, sagt Vogler.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen