Krippenspiel : Von einem Wunder vor 100 Jahren

Großen Beifall ernten am Ende die Akteure für ihr Theaterstück.
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Großen Beifall ernten am Ende die Akteure für ihr Theaterstück.

Ein Gottesdienst mit einem Theaterstück versetzt in Bargum Zuschauer zurück in die Zeit des Ersten Weltkriegs und nach Belgien. Jugendliche inszenierten es als Hobby-Schauspieler in nur vier Wochen.

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09. Januar 2015, 15:30 Uhr

Ein letztes Mal erstrahlt der festlich geschmückte Tannenbaum im Altarraum der Bargumer Kirche am Drei-Königs-Tag, am6. Januar. Nach dem Verlöschen der Lichter steht fest: Weihnachten 2014 gehört der Vergangenheit an – ganze 100 Jahre in die Vergangenheit entführen sieben Jugendliche aus dem Dorf die Besucher des Gottesdienstes an diesem Tag. In der Kirche ist kein Platz mehr frei. Im Mittelpunkt des von Pastor Johannes Steffen gehaltenen Gottesdienstes steht ein Theaterstück von Wolfgang Kohlstruck. Der Titel „Der wunderbare Weihnachtsfriede 1914“.

Das Stück basiert auf Tatsachenberichten über das einmalige Geschehen während des Ersten Weltkrieges an der belgischen Front. Dort haben flüchtige Momente am Weihnachtstag für ein Stück Menschlichkeit mitten im grausamen Krieg gesorgt. Sich direkt gegenüberstehende französische, englische und deutsche Soldaten haben in der Heiligen Nacht Befehl und Gehorsam schlichtweg vergessen, gemeinsam gesungen, gebetet, die Gefallenen begraben, spontane Fußballmatches ausgetragen oder Tauschgeschäfte gemacht.

Viele Gäste haben schon beim Betreten der Bargumer Kirche ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Haben doch die Akteure, allesamt ehemalige Konfirmanden, eindrucksvoll für authentisches Fealing gesorgt. Ein aus Requisiten gebauter Schützengraben und die eigene „Verwandlung“ in deutsche Soldaten versetzen hautnah an den Ort einstiger schrecklicher Geschehnisse. Nicht zuletzt stockt der Atem angesichts der Maschinengewehre – wenn auch nur Attrappen – oder eines vor dem Graben liegenden „verwundeten“ Soldaten in Form einer lebensgroßen Puppe. „Furchtbar, das erinnert mich an meinen Fronteinsatz im Zweiten Weltkrieg“, raunt ein Besucher seiner Banknachbarin zu.

Unter die Haut gehen denn die Dialoge der Jugendlichen, in der Kirche ist es mucksmäuschenstill. Jeder geht mit hinein in die Historie und das Weihnachtswunder vor 100 Jahren. Unterbrochen werden die Dialoge durch E-Gitarren-Soli von Torge Leddin. Er intoniert wie der Posaunenchor und einige Bläser-Solisten im Wechsel das alte Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“. Das nämlich haben auch die Soldaten in ihren jeweiligen Muttersprachen über alle Gräben und ihre Toten hinweg gesungen und sich gegenseitig eine frohe Weihnacht gewünscht.

„Das hätten Freunde von uns sein können. Die meisten Soldaten sind jung in den Krieg geschickt worden – eine unerträgliche Vorstellung“, sind sich Keike und Rieke Magnussen einig. Sie haben die Sprechrollen als Chronistinnen in dem Krippenspiel der etwas anderen Art übernommen. „Mich hat das Stück schon bei den Proben nachdenklich gemacht. Wenn ich an die Kriege auf der Welt denke, wird mir klar, dass der Wahnsinn auch heute noch Realität ist“, sagt Hauke Asmussen, der die Rolle des Soldaten Klaus verkörpert hat. Malte Carstensen (Soldat Hans), Pay Magnussen (Soldat Karl) und Tade Magnussen (Soldat Ernst) lässt das Thema auch nicht kalt. „Hoffentlich werden wir in Zukunft klüger sein“, sagen sie unisono. Großen Beifall ernten schließlich die Hobby-Schauspieler nicht nur vom Publikum für die gelungene Aufführung, sondern auch vom Gemeindeseelsorger. „Die Jugendlichen sind vor einem Jahr auf mich zugekommen, ob sie nicht mal ein Krippenspiel aufführen dürften. Da ich den Kleinen am Heiligabend nichts wegnehmen wollte, kam mir die Idee, ihnen eine Extra-Plattform zu geben“, so der Pastor. Er habe das Theaterstück zufällig entdeckt. Die jungen Leute seien gleich begeistert gewesen und hätten es in nur vier Wochen einstudiert.

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