Von der tobenden See umzingelt

Eva Schirrmacher mit  den Kindern  Jan und Elisabeth. Für sie waren die Jahre auf Hooge die schönsten in ihrem Leben.
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Eva Schirrmacher mit den Kindern Jan und Elisabeth. Für sie waren die Jahre auf Hooge die schönsten in ihrem Leben.

Junge Schulmeister-Familie erlebte Flutkatastrophe auf der Hallig Hooge/Das Eiland bot am Tag danach ein Bild der Verwüstung

shz.de von
16. Februar 2012, 06:42 Uhr

Pellworm | Heute auf den Tag genau ist es 50 Jahre her, dass eine große Sturmflut die Küste heimsuchte. Für Günter Schirrmacher sollte es die Bewährungsprobe seines Lebens werden. Denn er war gerade erst ein paar Monate zuvor als Junglehrer mit Ehefrau Eva und dem einjährigen Sohn Jan auf die Hallig Hooge gezogen. Der Herbst 1961 hatte zwar schon mit heftigen Sturmfluten und Landunter dafür gesorgt, dass sich die Neuankömmlinge mit den harten Bedingungen auf dem Eiland vertraut machen konnten. Doch was der jungen Familie nun bevorstand, war doch noch eine ganz andere "Hausnummer".

Man stelle sich die Situation vor. Die 23 Jahre alte Eva Schirrmacher war gerade aus dem Flensburger Krankenhaus wieder auf die Hallig zurückgekehrt. Sie hatte dort ihr zweites Kind, Elisabeth, zur Welt gebracht. Im Wohnteil der Halligschule hatte der stolze Papa, damals 25 Jahre alt, alles vorbereitet, damit es die junge Familie samt Baby richtig kuschelig hat. Am Freitag, 16. Februar 1962, war es draußen aber alles andere als gemütlich. Ein Sturm tobte dermaßen, dass längst nicht alle Kinder zum Unterricht erschienen. "Gegen 9.30 Uhr schickte ich die Kinder, die zur Schule gekommen waren, nach Hause", berichtet Schirrmacher. Den ganzen Nachmittag hielt der starke Sturm aus Südwest, der später auf Nordwest umsprang, an. Bei Niedrigwasser ist die Hallig noch genauso mit Wasser gefüllt wie bei Hochwasser. Ebbe tritt gar nicht ein. In den 19-Uhr-Nachrichten gibt das Deutsche Hydrographische Institut eine Sturmflutwarnung durch. Es werden anderthalb bis zwei Meter über Mittlerem Hochwasser angesagt. "Aufgrund dieser Nachricht fühlen wir uns trotz des orkanartigen Sturms einigermaßen beruhigt", schreibt der junge Lehrer später in der Schulchronik nieder.

Abends sitzen die jungen Leute noch in trauter Runde mit Carl und Betty Binge zusammen. Sie spielen Skat und trinken Teepunsch. Da ruft gegen 20.30 Uhr Harry Diedrichsen, der Sohn der Nachbarn, von Helgoland an: Dort sei das Wasser so hoch gestiegen wie noch nie seit Menschengedenken.

Auf der Hallig rüttelt inzwischen der Orkan heftigst am Reetdach der Schule. Das Wasser steigt und steigt, aber Hochwasser ist erst um Mitternacht. Es ist fast Vollmond - also herrscht Spring tide. Langsam wird es dem Familienvater doch mulmig. Um 21.45 Uhr steht der Garten voller Wasser. Wellen schlagen hart gegen den Zaun. Um den Brunnen gurgelt das salzige Seewasser. In Windeseile füllen Günter und Eva Schirrmacher alles, was sie an Behältnissen haben, mit Trinkwasser auf. Die Badewanne fasst natürlich am meisten, dann folgt eine Parade aus Kochtöpfen, Milchkannen und Schüsseln. Eine weise Aktion, wie sich zeigen sollte. Denn auch, als die Katastrophe überstanden ist, sollte es noch Tage dauern, bis die Feuerwehr alle Brunnen und Zisternen auf der Hallig leergepumpt und vom Schlamm befreit hatte.

Gerade schafft es das Paar noch, den Teppich aufzurollen, Bücher und Hausrat hochzustellen, da gehen die Lichter aus. Ohne Strom ist auch der Kontakt zu den anderen Bewohnern der Warft abgerissen. Günter Schirrmacher gelingt es in letzter Minute, eines der Ölfässer, die als Heizungsvorrat zwischen Schule und Toilette gelagert sind, in den Flur zu rollen - da hat sich der Blanke Hans auch schon alle anderen Vorräte unter "den Nagel" gerissen. Es ist ungefähr 22 Uhr. Der Familienvater befürchtet nun das Schlimmste. "In dem ohrenbetäubenden Lärm, den Orkan und See hervorrufen, verrammle ich die Zwischentür zum Westen mit schweren Planken. Das Wasser dringt nun durch die offene, zerschlagene Schultür in den westlichen Teil des Gebäudes ein. Durch die feste, neue Haustür im Süden, die wir dicht verschlossen haben, dringt in scharfen Strahlen Wasser, wenn die Wellen heranrauschen. Trockene, leere Säcke, die wir innen vor die Tür legen, halten viel Wasser auf. Das übrige schaufeln wir in Eimer, tragen es zur Küche und schütten es in den Ausguss, wo es aber gar nicht mehr so recht ablaufen will. Vor dem Küchenfenster steigt das Wasser bis zur Fensterhöhe und dringt durch die Ritzen . . . " Trotz aller Dramatik hat der Schulmeister noch ein Auge für die Schönheit der tobenden Naturgewalten. Er schreibt in der Chronik: "Auch im Süden spritzt das Seewasser gegen die Fensterscheiben, hinter denen sich im Schein des Mondes ein großartiges Bild darbietet: nichts als wogende, schäumende See, fahl beleuchtet vom Mond; Wolkenfetzen, die am Himmel entlangjagen."

Es ist 23 Uhr. Das Wasser hat seinen Höchststand nach dem Flutkalender eigentlich noch nicht erreicht. Doch es steigt nicht mehr. Gegen zwei Uhr in der Nacht kann Schirrmacher die Haustür wieder öffnen und nach draußen schauen. Ihm bietet sich ein schreckliches Bild: Alles ist verwüstet. Er macht sich auf den Weg, um nach den Nachbarn zu sehen. Er kommt in überflutete Wohnstuben, sieht zertrümmerte Schuppen. Das Vieh hatte bis zum Hals im Wasser gestanden, war aber überraschend ruhig geblieben. Der Sturm braust weiterhin aus Nordwest und zerrt angsterregend an den Dächern. "Wir gehen zu Bett, doch ist an Schlaf kaum zu denken, zu sehr knarrt und ächzt das Dach", hält Schirrmacher in seinen Aufzeichnungen fest.

Auf den anderen Warften hatte es die Bewohner noch schlimmer getroffen. Nur mit Mühe hatten sie sich retten können. Zerstört wurde das Haus von Magda Diedrichsen auf der Hanswarft, die Gastwirtschaft von Johannes Boyens auf der Ockenswarft, das Haus von Carl Schümann auf Mitteltritt, in dem der 80-jährige Ernst Lohse mit seiner Kuh den Sturm überstand, das Haus von Ernst Boyens auf der Volkertswarft und das Haus von Emilie Schmütz auf der Ipkenswarft. Aber: Alle Halligbewohner überlebten. Lediglich zwei Stück Jungvieh ertranken.

Es folgen Tage und Wochen der Aufräumarbeiten. Hubschrauber der Bundeswehr bringen gleich nach der Katastrophe Wasser und Brot, später liefern Wasserschuten das kostbare Nass.

Die Befürchtungen von "Tante Ella" (Ella Diedrichsen), dass die junge Lehrersfamilie nach diesem Schockerlebnis Hooge verlassen würde, treten nicht ein. "Wir sind auf der Hallig geblieben, erlebten einen Neubau der Schule - und noch zahlreiche Sturmfluten", so Günter Schirrmacher. Insgesamt elf Jahre verbrachte die Familie auf Hallig Hooge - "eine gute Zeit", so der heute 75-Jährige. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 war Schirrmacher Schulleiter in Schobüll. Dort verbringt er jetzt auch seinen Lebensabend. Auf die Erlebnisse vor 50 Jahren kann er inzwischen ganz entspannt zurückblicken. "Wir haben die unvorstellbare Gewalt des Wassers zu spüren bekommen", sagt er, "und wir haben es überstanden."

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