Vortrag in Mildstedt : Von der Kunst, mit Eulen zu reden

Theologe Eugen Drewermann bleibt seiner Aufgabe als Mahner treu.
Theologe Eugen Drewermann bleibt seiner Aufgabe als Mahner treu.

Eugen Drewermann ist in der Mildstedter Lamberti-Kirche zu Gast und erklärt, warum man aus Märchen so viel über Angst lernen kann.

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05. Juli 2018, 08:00 Uhr

Irgendwie scheint Eugen Drewermann Nordfriesland in sein Herz geschlossen zu haben, denn seit 29 Jahren zieht es ihn immer wieder an die Westküste, wie er erzählt. Viele enge freundschaftliche Bande habe er geknüpft. Und in Mildstedt ist er an diesem Abend auch nicht zum ersten, sondern bereits zum vierten Mal zu Gast. Als Wiederholungstäter mag er aber dann doch nicht bezeichnet werden. „Sagen wir lieber Überzeugungstäter“, wie der Paderborner Theologe und Tiefenpsychologe betont, während er das Pastoren-Ehepaar Peer und Marion Munske und die beiden Organisatoren Matthias und Gertrud Hagenhoff im Vorraum der Lamberti-Kirche begrüßt. Und die füllt sich langsam immer mehr.

Dass der Name Eugen Drewermann nach wie vor Zugkraft besitzt, zeigt nicht nur das gut gefüllte Gotteshaus, sondern auch der Andrang an dem Büchertisch im Vorraum, auf dem seine zahlreichen Werke begutachtet werden können.

Mit den Worten „Ich lese Ihre Bücher mit Begeisterung seit dem Beginn meiner Studienzeit“, stellt Peer Munke Drewermann seinen Zuhörern vor. „Was mich besonders fasziniert, ist diese sehr liebevolle Sicht des Menschen.“ Lächelnd tritt der Referent ans Mikrofon. „Von der Angst und ihrer Bewältigung“, ist das Thema des 78-Jährigen. Viele Jahre hat er sich intensiv mit der Weisheit der Märchen beschäftigt – insbesondere mit den Hausmärchen der Brüder Grimm – und sie tiefenpsychologisch gedeutet. Und die Angst als ein Grundphänomen lasse sich nahezu in allen Märchen ausmachen. Schnell zieht Drewermann das Auditorium mit seiner klaren, ruhigen Stimme in seinen Bann. Drewermann ist als Kritiker und Mahner bekannt, und dem bleibt er auch jetzt treu. Als Grundlage seiner Ausführungen hat er sich eine kleine Geschichte der Grimms ausgesucht. Sie heißt „Die Eule“ und die Analysen finden sich übrigens in Drewermanns neuem Buch „Wenn mir’s nur gruselte! Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet“. Er liest die Parabel vor. Eine Eule gerät nachts in die Scheune eines Bürgerhauses und traut sich nicht mehr heraus. Ein Knecht entdeckt das Tier und erschrickt. Immer mehr Bürger und ein tapferer Kriegsmann wagen sich in die Scheune und sind erschrocken über das Ungeheuer. Sie beschließen, die Scheune samt der Eule zu verbrennen. „Diese Geschichte erinnert an einen Schildbürger-Streich“, fasst der Theologe zusammen. „Sie zeigt, wie eine Massenpanik entsteht. Ein Schaustück, wie Menschen mit Angst umgehen.“ Doch auch die Eule, die für das Unbekannte steht, hat Angst.

So ein Verhalten sei alltäglich und die Geschichte aktueller denn je. Er verwies dabei auf die nationale und internationale Politik. Für Drewermann ist klar: „Wenn das Volk Angst hat, werden die Mächtigen mächtiger.“ Das gelte zur Zeit vor allem für das Thema Islamismus. „Und heute heißt die Eule Putin.“ Wie kommt man dagegen an? In den Dialog treten sei ein Anfang, so Drewermann. „Wir müssen uns mit der Eule verständigen.“

Auch wenn der Referent um 21.30 Uhr seinen Zug nach Bremen erwischen muss. „Für eine kurze Aussprache ist immer Zeit“, sagt er und bittet um Nachfragen aus dem Publikum. Und die kommen prompt. Schnell landet man beim Asyl-Disput zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer. Auch hier gelte: Die Angst vor dem Fremden lähme, sagt der Theologe. „Die beiden sind sich ähnlicher als man vermutet“, ist er überzeugt.

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