Flüchtling in Bredstedt : Vom Wunsch, in Deutschland zu leben

Der Kapitän Tim Thomsen (l.) nimmt gemeinsam mit seinem Sturmführer Nour Mohamed Adi an der Ehrung für Sportvereine des SHFV teil.
Der Kapitän Tim Thomsen (l.) nimmt gemeinsam mit seinem Sturmführer Nour Mohamed Adi an der Ehrung für Sportvereine des SHFV teil.

Der syrische Bürgerkriegsflüchtling Nour Mohamed Adi wohnt seit mehr als einem Jahr in Nordfriesland. Der TSV Drelsdorf/Ahrenshöft/Bohmstedt hat einen großen Anteil an seiner Integration in die Gesellschaft geleistet.

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25. Juni 2015, 14:30 Uhr

Er hat es geschafft. Das Glück strahlt aus Nour Mohamed Adi heraus. Fast jeder seiner Sätze endet auf Danke. Der 25-Jährige ist in dem Land seiner Träume: in Deutschland. Vor 30 Jahren lebte der Opa des Syrers in der Bundesrepublik. Wieder zurück in der Heimat erzählte er seinem Enkel von seinem Aufenthalt, zeigte ihm Fotos.

Nun ist der ehemalige Student der Betriebswirtschaftslehre seit mehr als einem Jahr in Nordfriesland angekommen. Erst in Niebüll, dann in Drelsdorf und nun wohnt er in einem Hinterhaus in Bredstedt. Jedoch bleibt er mit Drelsdorf verbunden. Großen Anteil an seinem Werdegang haben die Verantwortlichen des TSV Drelsdorf/Ahrenshöft/Bohmstedt (DAB) – vorne weg Hans Feddersen. Der Vorsitzende holte den Bürgerkriegsflüchtling in den Verein – beitragsfrei. „Nour spielt bei uns Fußball, aber wir haben auch noch weitere Flüchtlinge in der Volleyballsparte“, berichtet er von der gelebten Integration im TSV.

Dafür zahlte der Syrer einen hohen Preis. Drei Jahre dauerte seine Flucht. Die Bilder von der Überfahrt über das Mittelmeer nach Sizilien sind in seinem Kopf präsent. Im April 2011 reiste er zunächst nach Istanbul. Aber der Versuch, über die Türkei in die Europäische Union zu kommen, war aussichtslos. Nour Mohammed Adi ging zurück in sein Heimatland. Dort hatte er sein Abitur gemacht, studierte in Homs BWL, bis der Bürgerkrieg ausbrach. Er wurde am Arm verwundet, aber dadurch noch mehr bestärkt, seinen Wunsch, nach Deutschland zu reisen, umzusetzen. Seine dreijährige Odyssee begann: Über Jordanien und Ägypten gelangte er nach Libyen. Dort arbeitete er fast drei Jahre in einem Restaurant. 15, 16 Stunden täglich für 1100 US-Dollar im Monat. Von dem Geld schickte er ungefähr die Hälfte seiner Familie in Syrien. Bis der Tag kam, als Nour Mohammed Adi 10.000 Dollar gespart hatte. Den Kontakt zu den Schleusern hatte er schon lang hergestellt. Ein nur 13 Meter langes Schiff sollte die etwa 300 Flüchtlinge nach Italien bringen. Ob es alle geschafft haben, weiß der Syrer nicht mehr. Die Überfahrt fand bei teilweise meterhohen Wellen statt. Dabei ging sein gesamtes Hab und Gut inklusive seiner Papiere über Bord. Eine Reise zwischen Himmel und Hölle.

Glückselig in Sizilien angekommen, ging alles ganz schnell. Er fuhr nach Mailand. Dort blieb er zwei Tage, wurde nicht von den Italienern registriert. Dann wurde Nour Mohammed Adi mit zwei weiteren Flüchtlingen für 650 Euro pro Person nach Friedland bei Hannover im Auto geschleust. Im dortigen sogenannten Auffanglager bekam Nour dann seinen ersten Stempel. Er wurde anerkannt und danach Schleswig-Holstein zugeteilt. Er erinnert sich an die Zugfahrt nach Neumünster. 25 Tage verbrachte er in der Schwalestadt. Dann ging es nach Nordfriesland.

Ende April des vergangenen Jahres bewohnte Nour Mohammed Adi mit anderen Flüchtlingen ein Drelsdorfer Zweifamilienhaus. Dienstag ging der passionierte Fußballer zum Training des TSV DAB – zum gucken, denn er hatte keine Sportkleidung. Die Mannschaft sammelte sogleich Schuhe und Sportzeug, sodass er am Donnerstag schon mitspielen konnte, erinnert sich Hans Feddersen. Seinen Saisonstart hatte der Syrer im August. Der Stürmer sieht sich eher als Vorbereiter, was seine Statistik belegt: zwei Tore, 15 Assits. „Jedoch hat uns Nour im letzten Spiel der Saison vor zwei Wochen mit seinen zwei Toren die Klasse gesichert“, lobt der Vereinsvorsitzende stolz.

Nour Mohamed Adis erstes Jahr in Nordfriesland ist eine Bilderbuchgeschichte. Seit seiner Ankunft bis Ende Februar besuchte er in Husum die Volkshochschule, um deutsch zu lernen. Im April dieses Jahres konnte er dann ein Praktikum im Breklumer Edeka-Markt beginnen. „Nour wollte nicht nur zur Schule gehen, sondern auch arbeiten“, betont Feddersen. Denn in Syrien gäbe es keine Sozialhilfe, so der Vorsitzende über Adis Scham. Der Breklumer Kaufmann Thomas Nissen sagte laut Feddersen, dass es nicht genüge, nur von Hilfe zu sprechen, sondern das etwas getan werden müsse.

Für 450 Euro arbeitet Nour Mohammed Adi nun bei dem Einzelhändler. Und er ist glücklich. Noch zwei Jahre kann der Syrer in Deutschland bleiben. Aber er will eine Lehre zum Verkäufer machen: „Am liebsten bei Edeka in Breklum“, sagt er. Dafür muss er allerdings zunächst den Sprachtest B1 bestehen.

Der 25-Jährige ist zuversichtlich, dass er sich seine gesteckten Ziele erfüllen kann. In Deutschland ist er schon. Dafür hat er auch drei Jahre gebraucht. In seiner Freizeit geht er weiter auf Torjagd für den TSV. Er fährt mit Vereinskameraden zum Training und zu Spielen nach Drelsdorf.

Kürzlich wurden elf Vereine vom Schleswig-Holsteinischen Fußballverband für ihr Engagement bei der Unterstützung von Flüchtlingen ausgezeichnet – auch der TSV DAB. Dort im Verein soll der Syrer jetzt auch schwimmen lernen. Nach Vorstellung des Vereinsvorsitzenden soll er später dann als Rettungsschwimmer beim Drelsdorfer Schwimmbad eingesetzt werden. Ein weiteres Indiz für die gelebte Integration im Sportverein. Und eine Ausbildung als Fußball-Jugendtrainer wird noch folgen, sind sich beide sicher.

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