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Aussergewöhnliche Nordfriesen : Vom Chefsessel in den Hörsaal

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Bredstedter Getränkegroßhändler Karl-Peter Tadsen verwirklichte mit Mitte 50 seinen Traum – er absolvierte in Österreich ein Studium zum Jagdwirt.

Mit 50 wieder auf die Schulbank, um endlich nachzuholen, was in jungen Jahren auf der Strecke blieb. Das war für Karl-Peter Tadsen nur der Anfang, als er seinen Jagdschein auf der Jägerschule absolvierte. Nur wenige Jahre später bewarb sich der Bredstedter für ein Studium an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Österreich. Dass reifere Jahrgänge zwischen jungen Abiturienten in den Hörsälen sitzen, ist nicht neu, aber es bleibt besonders. Mittlerweile hat Tadsen seinen 60. Geburtstag gefeiert und hat sich selbst das schönste Geschenk gemacht: Er hat seinen akademischen Abschluss in der Tasche – und ist nun ausgebildeter Jagdwirt.

An der Boku erarbeitete er in seiner Abschlussarbeit, dass das waldarme Schleswig-Holstein einen idealen Lebensraum für Rotwild darstellt. In einer vorherigen Seminararbeit während seines Studiengangs in Wien startete der Bredstedter ferner ein Projekt, dass er derzeit detailliert ausarbeitet. Es trägt den Titel „Blühendes Nordfriesland“. Im Mittelpunkt steht dabei das Missverhältnis von Flora und Fauna im gesamten Kreisgebiet. Es gibt Tadsens Recherche zufolge so gut wie keine Rebhühner mehr, die Fasane werden weniger, und auch der Hasen-Bestand nimmt ab, weil der Lebensraum fehlt. Tadsens Ansatz ist, die Zuwegungen zu den Windkraftanlagen von Schotterwegen zu Biotop-Flächen umzufunktionieren, um den Lebensraum für Niederwild zu verbessern. „Auch für Insekten würden Futterpflanzen entstehen“, erklärt der 60-Jährige, der auch Mitglied des Landesjagdverbands Schleswig-Holstein ist.

Schon früh machte sich Tadsen um seinen Status in der Jägerschaft Gedanken: „Ich wollte mit 52 Jahren nicht der Jungjäger bleiben“, erinnert er sich. Als 16-Jähriger nahm er bereits seinen ersten Anlauf, um Jäger zu werden. „Doch meine Schulnoten verschlechterten sich extrem“, verrät Tadsen – der meist „Kalle“ genannt wird. So verboten ihm damals seine Eltern, den Jagdschein zu machen. Im Oktober 2012 gab es dann den entscheidenden Impuls, als der Jungjäger mit seiner Frau wie jedes Jahr zur Urlaubszeit auf dem Hamburger Flughafen wartete, um in den Flieger nach Fuerteventura zu steigen.

„Ich kaufte mir eine Jagdzeitung, als Lektüre für den Flug“, erzählt der Vater von zwei Söhnen. Darin sah er die Anzeige der Wiener Boku für den Studiengang zum akademischen Jagdwirt. Das war seine Chance. Allerdings gab es nur 20 Studienplätze pro Jahrgang – aber mehr als 100 Bewerber. So legte sich Tadsen, der Geschäftsführer des Tadsen-Getränkehandels in Bredstedt ist, ins Zeug und bekam tatsächlich eine Zusage.

„Eigentlich ist die Jagd ein Handwerk“, bemerkt der Unternehmer, „und für ein Handwerk kann man Geselle sein, aber auch Meister.“ Und so ein Meister wollte er werden. Nicht nur „Kalle“ Tadsen folgte dem guten Ruf der Wiener Boku: Berufsjäger, Förster und Jagdfunktionäre aus Italien, Österreich, der Schweiz und Deutschland zählen zu den Absolventen. „Meine Kommilitonen sind zwischen 28 und 76 Jahre alt“, erklärt Tadsen, der auch Lehrgangssprecher war. „Sogar ein Jagdbuchautor nahm teil, weil er die Zusammenhänge zwischen Ökologie, Ökonomie und Soziologie verstehen wollte“, fügt er hinzu.

Während seiner Studienzeit reiste der Bredstedter 15 Mal nach Österreich. Mittlerweile weiß er, dass die Boku auch im Kreis einen hervorragenden Ruf genießt. Er habe schon einige Nordfriesen getroffen, die mit der Universität zu tun hatten. Trotzdem gibt es landesweit nur zwei akademische Jagdwirte – in Nordfriesland sei Tadsen somit der Erste. Als stellvertretender Vorsitzender des Vereins für Naturschutz und Landschaftspflege Nordfriesland und Vorstandsmitglied im Naturzentrum Bredstedt analysierte er in seiner Diplomarbeit, dass Rotwild von Norden her einwandert, was nicht nur eine Bereicherung für die Jagd darstelle, sondern auch eine Gefahr für die ohnehin sturmgeplagten Wälder sei. Mit Hilfe von Stellungnahmen wichtiger Interessensvertreter und Behörden bietet Tadsens Arbeit ein umfassendes Bild, das als Grundlage für künftige Entscheidungen dienen kann.

Karl-Peter Tadsens ungewöhnlicher Ausflug in den Hörsaal und sein erfolgreicher Studienabschluss haben sich bereits rumgesprochen. Der Vorsitzende der Kreisjägerschaft und der Kreisjägermeister haben dem 60-Jährigen schon gratuliert.

 

 

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