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Seit 50 Jahren nach Eiderstedt : Vier Wochen Urlaub in der Nissenhütte

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Vor mehr als 50 Jahren logierten Helma und Wolfgang Keller erstmals in St. Peter-Ording. Die Darmstädter reisen seither jährlich nach Eiderstedt. Zunächst gastierten sie in einer Nissenhütte im Heideweg.

Der Funker Rudolf Keller fragte seinerzeit seinen ehemaligen Ausbildungs-Kollegen Dieter Bleckmann nach einem Quartier: „Ich brauche etwas zwischen Zelt und Hotel für sechs Personen in St. Peter“, konfrontierte der Darmstädter den Nordfriesen. Der Leiter der Peilfunkstelle des Jahres 1956 in Ording wollte Kellers Wunsch, mit seinen vier Kindern und Ehefrau in St. Peter Urlaub zu machen, realisieren. Der Anfang einer seit mehr als fünf Jahrzehnten andauernden Freundschaft begann – insbesondere zwischen Sohn Wolfgang und Franz Schön in St. Peter.

Wolfgang Kellers Vater hatte Glück. Sein Kollege vermittelte nämlich damals den Kontakt zu Erna Schön. Sie war aus Berlin nach St. Peter gekommen und wohnte mit ihren Kindern Ursula und Franz im Heideweg in einer von vier Nissenhütten. Inzwischen beherbergte sie dort auch Feriengäste. Selber zog sie mit den Kindern in einen Schuppen, konnte aber ihre Küche weiter nutzen. Familie Keller war natürlich einverstanden, erinnern sie sich noch heute. Denn die Hessen hatten nun für vier Wochen ein ganzes Haus auf Eiderstedt. Alle Beteiligten benötigten Geld: Urlauber und Vermieter. Erna Schön nahm die Unannehmlichkeiten in Kauf, und Familie Keller konnten mit ihren zehn, zwölf und 13 Jahre alten Jungs und der fünfjährigen Tochter unbeschwert Urlaub an der Nordsee machen.

Die Nissenhütten entwickelte der Kanadier Peter Norman Nissen im Jahr 1916 . Die Wellblechhütten in Fertigteilbauweise dienten der Armee bereits im ersten Weltkrieg als schnell zu errichtende mobile Unterkünfte. Ein halbrundes Dach überwölbte jeweils eine 40 Quadratmeter große Fläche von elfeinhalb Metern Länge und etwa fünf Metern Breite. Im Nachkriegsdeutschland wurde das vorher militärisch eingesetzte Material in der britischen und der amerikanischen Zone zum Aufbau von Nissenhütten-Lagern am Rande von Siedlungen eingesetzt. Dort konnte eine hohe Anzahl von Flüchtlingen und Ausgebombten notdürftig untergebracht werden. Allein in Hamburg sollen 14  000 Menschen in Nissenhütten gewohnt haben. Jeweils zwei Familien teilten sich eine Hütte.

Später wurden sie mit leichten Wänden innen auch komfortabler. Vorne und hinten war leichtes Mauerwerk. Man betrat als erstes eine Küche. Dahinter befanden sich zwei Zimmer. Wasser musste außerhalb mit einer Pumpe besorgt werden. Ein Plumpsklo befand sich ebenfalls im Außenbereich.

1962 war Wolfgang Keller erneut in St. Peter. Natürlich bei Erna Schön, dieses Mal mit seiner 17-jährigen Freundin. Er wollte Helma die Nordsee zeigen. Einen Raum zusammen für die beiden gab es nicht in dem neu erbauten Haus. Das verstieß gegen Anstand und Sitte. So schlief Wolfgang bei Franz mit im Schlafraum und Helma in einem anderen Zimmer. Dafür musste sie dann andere Gästezimmer als Haushaltshilfe reinigen und herrichten.

50 Jahre sind Helma und Wolfgang nun verheiratet und jedes Jahr unterwegs von Darmstadt nach St. Peter-Ording in den Heideweg – zunächst mit ihren beiden Jungs und ab 2000 dann auch allein mit dem Enkelsohn. Über so eine lange Zeit Urlaub in St. Peter war für Franz Schön und Monika Hoffmann Anlass, die Tourismus-Zentrale zu informieren. Die Vermieter wollten ihre langjährigen Gäste und Freunde überraschen. Die stellvertretende Tourismus-Direktorin Constanze Höfinghoff ehrte jüngst die Familie Keller. Gemeinsam stöberten sie in einem mitgebrachten alten Fremdenverkehrs-Verzeichnis – fasziniert von den kleinen Schwarz-Weiß-Fotos. Die stellvertretende Tourismus-Direktorin überreichte eine Urkunde für mehr als 50 Jahre Treue zu St. Peter-Ording, dazu eine Flasche Sekt sowie ein blaues Badehandtuch in sandfarbener Nordsee-Leinentasche. „Wir freuen uns sehr über solche treuen Gäste“, sagte sie.

Im Gespräch kam heraus, dass es Wolfgang Keller schon vor 70 Jahren nach St. Peter verschlagen hatte. 1945 fuhr er mit seiner Mutter von Berlin nach Eiderstedt. Sein Vater war Funker im Reichs-Außenministerium in Berlin. Deren Angehörige wurden aus Berlin evakuiert. So war er schon mit knapp zwei Jahren mit St. Peter verbunden.

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